Berlin - Es war ein Schicksalsschlag, der Maria Kauffmann auf die Geschäftsidee brachte: Zwei Jahre nachdem ihr Vater an Lungenkrebs starb, gründete sie im Oktober 2020 zusammen mit ihrem Geschäftspartner Robert Freitag ein Bestattungsunternehmen in Pankow. Allerdings kein gewöhnliches. Das verrät schon der Firmenname: Ab unter die Erde. Die beiden Berliner organisieren damit besondere Trauerfeiern und in Pandemie-Zeiten die ersten Online-Trauerfeiern der Stadt.

„Kurz nach dem Tod meines Vaters habe ich mich gefragt: Was läuft falsch mit unserer Trauerkultur?“, erzählt Maria Kauffmann. Sie hatte die dunklen, steril gehaltenen Räume der Bestattungsunternehmen und die Urnenkataloge vor Augen. „Eine bedrückende Situation, aus der eigentlich jeder so schnell wie möglich wieder weg möchte“, so Kauffmann. Das gehe vielen Menschen so, wenn sie mit dem Tod eines Angehörigen konfrontiert werden. „Sie wissen ja noch nicht einmal, wie sie sich auf einer Trauerfeier verhalten sollen.“

Die Mutter dreier Kinder, die mit Robert Freitag bereits ein Unternehmen für logopädische Therapieformen in Berlin betreibt, will nun daran etwas ändern. Gemeinsam mit sechs internationalen Studenten entwickelte sie binnen sechs Wochen im Sommer ein Konzept für ein Start-up-Unternehmen, das Abschiede leichter machen soll. Nicht nur im Falle eines Todes, sondern zu allen möglichen Gelegenheiten im Laufe eines Lebens – denn immer wieder geht es ums Abschiednehmen: „Von Beziehungen, Wohnungen und Orten, die wir lieb gewonnen haben“, erklärt Kauffmann. Abschiede seien sehr wichtig und und es solle auch beim Abschiednehmen von Menschen jeder so trauern dürfen, wie er es wünscht, betont Kauffmann.

Ein Abschied könne deshalb durchaus auch fröhlich „bei einem Bier mit Bratwurst und guter Musik sein“. Ihr Angebot reicht von skurillen Mottopartys wie Metallica, Star Trek oder Gamer-Paket „letzte Runde“ (ab 2500 Euro) bis hin zu Vinylbestattungen (ab 4600 Euro), bei denen aus der Asche des Verstorbenen eine Schallplatte mit dem Lied der Wahl oder letzten Worten erstellt wird. In Zeiten von Corona sind Partys allerdings nur eingeschränkt möglich. Momentan sind nur fünf Personen zu Trauerfeiern zugelassen.

 „Wir wollen das online auffangen, damit jeder die Chance erhält, sich zu verabschieden“, erklärt Kauffmann. Dazu bekomme jeder Gast aus der Trauergemeinde ein Paket nach Hause gesendet. Darin können Lieblingspralinen, eine Flasche Wein oder die Lieblingsmusik des Verstorbenen sein. Per Zoom-Konferenz können die Hinterbliebenen dann zur Trauerfeier miteinander verbunden werden. „Ältere Menschen, die kein Tablet oder Computer zu Hause haben, statten wir auch mit Leihgeräten aus“, so Kauffmann. Zusätzlich könne auch die Beisetzung am Grab per Videoschalte live übertragen werden.

Aber ist der Name Ab unter die Erde nicht ein wenig provokant? „Er polarisiert auf jeden Fall“, sagt die Kauffrau Maria Kauffmann. Es gebe Menschen, die darüber schmunzelten und sich angesprochen fühlten, aber auch solche, die sich daran störten. „Uns geht es darum, Leichtigkeit in die Trauer zu bringen. Natürlich ist uns bewusst, dass die Betroffenen unglaublich traurig sind und oftmals gar nicht entscheidungsfähig und wir begegnen ihnen mit möglichst viel Einfühlungsvermögen.“

In der Berliner Bestatter- und Trauerbranche wird das neue Angebot eher kritisch beäugt. Es sei schön, nach einer Trauerfeier noch essen zu gehen und die Lieblingsmusik des Verstorbenen beim Abschied zu spielen. Doch das Wort Party in diesem Zusammenhang zu verwenden, sei eher fragwürdig: „Es passt meiner Meinung nach nicht zu dem Bedürfnis, Trauer auszuleben, Schmerz zu spüren und bitterlich zu weinen“, sagt eine Berliner Trauerbegleiterin, die namentlich nicht genannt werden möchte.