Lukas zeigt nach oben. „Dort im ersten Stock habe ich mal gewohnt“, sagt er. „Dort war mein Bad, dort mein Wohnzimmer, hinter dem Fenster mein Schlafzimmer.“ Sein Blick wandert das alte Gemäuer entlang nach oben. Die Wohnung sei alt, aber schön gewesen. 750 Euro im Monat warm, sagt er. Lukas teilte sie sich mit seiner Freundin, so war das Leben auch während Corona für sie erträglich, aber eben nur für das eine Pandemie-Jahr. „Jetzt ist sie wieder Airbnb.“

Lukas ist Reiseleiter, 34 Jahre alt, er ist einer dieser Tour Guides, die nicht nur ihre Stadt zeigen, sondern sehr viel von sich und dem Leben in der Stadt erzählen. Wir lernen ganz schnell, dass es in Venedig die beste Japanisch-Ausbildung Italiens gibt („Deshalb kam ich vor neun Jahren nach Venedig“), wie der Ukrainekrieg das Lagunen-Leben beeinträchtigt („Teures Öl macht auch die Wassertaxis teurer“) und wie Corona für Venedig war, eine Stadt, deren Wirtschaft zu fast 100 Prozent von Touristen abhängt: „Letztes Jahr war es noch verhalten, aber aktuell kommen mehr Touristen als je zuvor.“

Lukas arbeitet inzwischen für eine Firma, die „With Locals“ heißt, und das Konzept verlangt genau diese persönliche Ansprache, das Zeigen von Lieblingsorten etwa. Einen Ort ohne Touristen? Das gibt es nicht in Venedig. Als wir an seiner alten Wohnung vorbeikommen, wird er etwas wehmütig. Seine aktuelle Wohnung sei auch schön, aber nicht direkt am Wasser, wie diese. Einheimische, sagt er, haben es nämlich besonders schwer in Venedig.

Der Wohnungsmarkt in der Lagune ist noch viel kaputter, als er es in Berlin hoffentlich je werden wird. Vor 70 Jahren lebten 175.000 Einwohner im historischen Stadtzentrum, erzählt Lukas. Heute sind es gerade einmal 50.000. Das liegt an den hohen Lebenshaltungskosten in einer Stadt voller Wasser, aber auch an den überteuerten Wohnungen. Seit Donna Leon, Banksy, Johnny Depp und Elton John hier wohnen, zieht es vor allem Amerikaner nach Venedig. Die Hälfte der Restaurants gehört jetzt Chinesen, sagt Lukas. Die Bedienung kommt oft aus den Philippinen. Aber vor allem liegt es seiner Meinung nach an Airbnb.

Keine Lust auf Ratten, Tauben, Hochwasser und Touristen

Sobald ein Italiener hier eine Wohnung erbt, bietet er sie als Ferienwohnung an und zieht aufs Festland. Dort ist das Leben günstiger und moderner. Außerdem muss man nicht ständig mit Tauben, Hochwasser und den Touristen leben, die ihre (wirklich lauten!) Rollkoffer durch die engen Steinboden-Gassen ziehen. Und je mehr Wohnungen Urlauber beherbergen, umso unwohler fühlen sich die letzten Einheimischen und suchen das Weite. Jedes Jahr ziehen rund 1000 Menschen aus Venedig weg.

Das führt dazu, dass Einheimische, die nach einer Wohnung suchen, einfach keine mehr finden. Selbst Lukas hat nach Corona nur sehr schwer eine gefunden, weil er offiziell seinen Erstwohnsitz in Mailand hat. „Wenn ich in Venedig gemeldet bin, dann können mich Vermieter nicht so einfach loswerden.“ Die Stärkung der Mietrechte hat aber zur Folge, dass kein Vermieter mehr Einheimische bei sich akzeptiert. Die machen nur Ärger. Er hat jetzt wieder eine Wohnung, 650 Euro warm, mit Garten und Balkon und einem Blick auf die Friedhofsinsel.

Wir erklären Lukas die Mietsituation von Berlin, dann schauen wir lange aufs Wasser und schweigen. „Ich glaube, bei uns ist es leichter“, sagt er. Und für einen Augenblick schaut man auf diese Häuser mit Wasserblick und fragt sich, ob hier nicht bald was frei wird.

Dieser Text ist in der Wochenendausgabe der Berliner Zeitung erschienen – jeden Sonnabend am Kiosk oder hier im Abo.