Berlin - Stellen wir uns mal vor, ein Problem schwindet. Niemand weiß so richtig, warum, aber es nimmt ab. Was wäre die normale Reaktion? Freude, natürlich. Jedenfalls, wenn das Problem eine echte Belastung ist. So wie bei der Pandemie. Die ganze Welt ist seit eineinhalb Jahren im Corona-Dauerstress. Nun sinken bei uns seit zehn Tagen die Infektionszahlen. Die vierte Welle ebbt ab. Was nun kommt, weiß niemand, aber: Sie ebbt ab. Immerhin. Und was ist die Reaktion?

Keine Freude. Sondern Schlagzeilen wie diese von einem Tag, an dem sich die Inzidenz einmal um eine Winzigkeit erhöht hat – von 70,5 auf 71. Da stand dann: „Der Abwärtstrend bei den Infektionszahlen scheint vorerst gestoppt.“

Da schwingt echte Erleichterung mit, dass Corona noch nicht vorbei ist, dass es doch weitergeht. Manche Leute scheinen geradezu süchtig nach dem Negativen zu sein.

Warum freuen sich so wenige Politiker und Fachleute darüber, dass die Infektionszahlen sinken? Nur, weil es noch keine abschließende Erklärung gibt? Wieder wird stirnrunzelnd gewarnt, dass das nur eine Zwischenphase sei, dass es bald wieder richtig losgehe. Das mag sein. Aber warum wird die Sache nicht ins Positive gedreht?

Die Politiker könnten argumentieren: Hurra, wir haben Erfolg – und das hat wohl auch mit den Impfungen zu tun. Bei uns sind 63 Prozent geimpft – und die Infektionszahlen sinken, in Afrika liegt die Impfquote bei drei Prozent – und die Zahlen steigen. Also geht impfen. Und wenn wir 75 Prozent erreicht haben, heben wir alle Beschränkungen auf. Wie in Dänemark.

Aber das wäre einigen sicher zu positiv. Dabei wissen Lehrer: Wer einmal meckert, sollte fünfmal loben. Die positive Motivation sollte klar überwiegen, wenn etwas bewirkt werden soll. Doch bei uns regiert weiter das krampfhafte Festhalten am Negativ-Modus. Leider.