Potsdam - Wolfgang L. ist falsch an diesem Platz, davon ist er bis heute überzeugt. Falsch in diesem größten Gerichtssaal des Potsdamer Landgerichts, in den er seit Prozessbeginn zweimal in der Woche geführt wurde. Ohne Handschellen. Seine Knie sind lädiert, und er benötigt die Hände für die Krücken. Er trug stets Jeans, ein beiges Sweatshirt und einen olivfarbenen Parka, den er anbehielt, als wolle er gleich wieder gehen. Die Lesebrille saß über der Stirn – wie ein Haarreif hielt sie die schulterlangen Haare zusammen. Der gelernte Dachdecker trat in der Kulisse dieses Saals nicht reumütig und zurückhaltend auf, er wirkte oft aufgebracht. Sein Habitus – ein einziger Vorwurf: Was soll ich hier?

Zu jedem Prozesstag brachte Wolfgang L., 65 Jahre alt, einen Beutel mit, eine durchsichtige Tüte, wie sie im Supermarkt an den Obstregalen zu finden ist. Darin steckten seine Mitschriften. L. hatte an den neun Verhandlungstagen viel notiert und noch mehr geredet. Durchaus wortgewandt wies er Zeugen zurecht, sagte ihnen, sie lägen falsch mit ihren Angaben. Er agierte, als wolle er die Menschen im Saal von dem überzeugen, woran er selbst noch immer glaubt: dass er, der wegen Mordes an seiner Ehefrau Angeklagte, unschuldig ist. Er erklärte auch, warum er das denkt: Seine Frau habe sein Leben zerstört, sie habe Ehebruch begangen, sie sei schuldig, sie habe den Tod verdient.

Seine Frau Dorota L. musste sterben, weil sie einen anderen Mann kennengelernt hatte und sich von Wolfgang L. trennen wollte. Nach 15 Jahren Ehe.

Dorota L. nahm die Anzeige gegen Ehemann zurück

Die Tat, über die an diesem Donnerstag in Potsdam geurteilt wird, geschah am 11. Mai vergangenen Jahres. Wolfgang L. hatte seine Frau, die bereits getrennt von ihm lebte, überredet, sich noch einmal mit ihm zu treffen. Es wollte ihr angeblich helfen, Corona-Hilfen für ihre Reinigungsfirma zu beantragen. Gegen 18 Uhr fuhr er zu ihr und den elf und 14 Jahre alten Kindern. Ostern hatte Dorota L. ihrem Mann mitgeteilt, dass sie sich in einen anderen Mann verliebt habe und nun mit diesem zusammenleben werde.

Eine Woche später war sie mit den Kindern aus der gemeinsamen Wohnung im Potsdamer Stadtteil Marquardt geflohen und in eine Ferienunterkunft in Glindow gezogen. Wolfgang L. hatte sie geschlagen, ihr gedroht, sie und die Kinder zu töten, sollte sie sich nicht von ihrem neuen Freund trennen. Dorota L. hatte die Polizei gerufen und Anzeige erstattet, die sie kurz darauf zurücknahm. Die 14-seitige Begründung dazu schrieb Wolfgang L., angeblich auf Bitten seiner Frau.

Für ihr letztes Treffen in Glindow hatte sich Wolfgang L. fein gemacht. Er hatte die Kaschmirhose angezogen, die er schon bei den ersten Treffen mit seiner Frau vor fast 20 Jahren getragen hatte, und die ihm wieder passte. So wollte er zeigen, dass er immer noch ein begehrenswerter Mann war. Der Frauenschwarm, für den er sich hielt. Einer, der immer bekam, was er wollte.

Wolfgang L. ging an die Umsetzung von Plan B

Und an jenem Abend wollte er seine Frau zurück. So sah sein Plan A aus. Er hatte ein Messer und einen Schreckschussrevolver dabei, so steht es in der Anklage. Für den Plan B. Wenn er seine Frau Dorota nicht mehr besitzen konnte, dann sollte sie auch kein anderer Mann haben. So hat es Peter Kalus, der psychiatrische Sachverständige, in seinem Gutachten formuliert.

Dorota L., 40 Jahre alt, wollte nicht zurück. Sie wollte ihren neuen Freund nicht verlassen, den sie fünf Monate zuvor kennengelernt hatte und mit dem sie und die Kinder ein neues Leben beginnen wollten. Sie dachte an ihre Zukunft, Wolfgang L. an ihren Tod. An Plan B.

Während die Kinder in der Küche aßen, soll Wolfgang L. das Messer und die Schreckschusswaffe hervorgeholt haben. Dorota L. wusste, wozu ihr Mann fähig war. Sie hatte Angst, als sie die Waffen sah. Ihre Kinder hörten sie schreien: „Nein, Wolfgang, nicht.“ Als der Sohn und die Tochter in das Zimmer stürzten, in dem ihre Eltern gestritten hatten, war die Mutter schon durch die Terrassentür in den Garten geflohen. So erzählte es der Sohn vor Gericht. Wolfgang L. folgte ihr. Auf der hölzernen Terrasse vor dem Gartenteich rutschte Dorota L. aus. Sie stürzte in den Teich. Ihr Ehemann soll ihr nachgesprungen sein und mit dem Messer mehrfach auf sie eingestochen haben.

Nach der Tat raste der Dachdecker gegen eine Hauswand

Der 14-jährige Sohn versuchte vergebens, seiner Mutter zu helfen. Wolfgang L. soll ihn weggestoßen, ihn als Judas beschimpft und ihm mit der Schreckschusswaffe ins Gesicht geschossen haben. Dann drückte er – vor den Augen der Tochter und dem Vermieter – den Kopf seiner schon lebensgefährlich verletzten Frau unter Wasser. Minutenlang und mit einem triumphierenden Lächeln im Gesicht. Wolfgang L. habe dabei ein überwältigendes Glücksgefühl empfunden, weil er die Quelle seiner Kränkung aus dem Weg geschafft habe, erklärte der Gutachter Kalus. Nach der Tat soll Wolfgang L. mit dem Auto in ein Gewerbegebiet gefahren sein, wo er mit hoher Geschwindigkeit in eine Hauswand raste. Er überlebte, ist seitdem trotz mehrerer Operationen auf Gehhilfen angewiesen.

Der Tod von Dorota L. ist kein Einzelfall. In Deutschland versucht jeden Tag ein Mann seine Frau oder Ex-Partnerin zu töten. An jedem dritten Tag gelingt einem Mann das. Die letzten ausgewerteten Zahlen des Bundeskriminalamts sind aus dem Jahr 2019. Ihnen zufolge starben im fraglichen Jahr 149 Menschen durch Partnerschaftsgewalt, 117 davon waren Frauen. Meist wollten sie ihre Ehemänner oder Lebensgefährten verlassen. Sie wurden getötet, weil sie Frauen waren. Sie wurden Opfer eines Femizids.

Monika Schröttle forscht seit 20 Jahren zu Gewalt an Frauen. Die promovierte Sozialwissenschaftlerin sagt, dass es den Männern, die solche Taten begehen, um Macht und Kontrolle gehe. „Die Männer wähnen sich in dem Glauben, Besitzansprüche gegenüber der Frau zu haben“, sagt Schröttle. In dem Augenblick aber, in dem der Mann die Kontrolle über die Frau verliere, habe er das Gefühl, ihm würde etwas entgleiten. Etwas, worauf er ein Recht zu haben meine, erklärt die Wissenschaftlerin, die den Bereich Gender, Gewalt und Menschenrechte an der Universität Erlangen-Nürnberg leitet.

Ein klassischer Fall von Femizid

Schröttle sagt, dass derartige Taten die Gesellschaft immer nur kurz aufschreckten. „Weil jeder glaubt, es sei ein Einzelfall, da ist einer durchgedreht.“ Die Verbrechen seien jedoch keine Einzelfälle. Sie seien eingebettet in ein patriarchalisches Macht- und Kontrollmuster, in dem der Mann die Frau dominiere. Wohl habe sich im Verlauf der Jahre vieles geändert – Frauen verdienen ihr eigenes Geld, sie fordern Gleichberechtigung. Doch in den Köpfen vieler Männer sei dies nicht positiv angenommen worden. Im Gegenteil, viele in einem patriarchalischen System aufgewachsene Männer seine aggressiver, auch deshalb, weil sie keine neuen Rollenidentitäten aufgebaut haben.

Das Schicksal von Dorota L. nennt Schröttle einen klassischen Fall des Femizids. Er habe, wie all die Taten, eine Vorgeschichte. Oft komme es lange Zeit vor dem gewaltsamen Tod einer Frau schon zu Übergriffen in der Beziehung. 

So wie bei Wolfgang L. Seine erste Frau, mit der er Ende der 1970er-Jahre verheiratet war, nannte ihn vor Gericht einen Blender. Zu Beginn der Partnerschaft sei er durchaus liebevoll gewesen. Später habe er sie auf offener Straße geschlagen und vor Freunden gedemütigt. Als er ihr einmal nach der Arbeit aufgelauert habe und gewalttätig geworden sei, habe er eine Fremde, die sich einmischen wollte, angeschrien: „Es ist meine Frau. Mit der kann ich machen, was ich will.“ Seiner zweiten Partnerin soll er ein Kissen ins Gesicht gedrückt haben, um sie zu ersticken, so berichtete es die Tochter der bereits verstorbenen Frau als Zeugin.

Statussymbole zur Befriedigung der Großmannssucht

Auch Dorota L. lernte die zwei Gesichter ihres Ehemanns kennen. Zuerst das charmante, um eine 25 Jahre jüngere, hübsche Frau buhlende. Dann das kontrollierende, aufbrausende, gewalttätige. Wo Dorota L. ihren Mann das erste Mal traf, ist unklar. Wolfgang L. behauptete, sie habe in einem polnischen Bordell gearbeitet. Er, der noch verheiratet gewesen sei, habe sie als Konkubine nach Deutschland geholt. Doch die Angaben sind zweifelhaft, der Gutachter sagte, Wolfgang L. neige zum Fabulieren und Lügen. Zumal Verwandte der getöteten Frau erzählten, dass Dorota L. als Erntehelferin in Brandenburg gearbeitet habe.

2005 heiratete das Paar. Nach Angaben des Angeklagten „so richtig pompös“. Wolfgang L. ist es wichtig, den Zuhörern im Gerichtssaal zu signalisieren, dass er mal viel Geld besessen hat. Geld sei ein Statussymbol für ihn gewesen, sagte der psychiatrische Sachverständige, ebenso Autos und junge Frauen wie Dorota L. Sein Verlangen nach Anerkennung war stark.

Nach einem Unfall konnte der Dachdecker nicht mehr arbeiten. Er verlor die Kontrolle über das nach außen hin perfekt inszenierte Familienleben, über seine Frau, die nun für den Lebensunterhalt der Familie sorgte, die als Übersetzerin und Putzfrau arbeitete und sich schließlich selbstständig machte.

Ihr Vater sei ein Kontrollfreak gewesen, erzählte die heute zwölfjährige Tochter als Zeugin. Eine erwachsene Tochter aus einer früheren Beziehung beschrieb Wolfgang L. als sehr machtorientiert, als einen Mann, der über Leichen gehe. Immer seien die Frauen die Schuldigen gewesen.

Staatsanwältin fordert lebenslange Freiheitsstrafe

Der Gutachter charakterisierte den Angeklagten als arrogant, geltungssüchtig, despotisch und rachedurstig. Wolfgang L. halte sich für begabter, kräftiger und leistungsfähiger als andere. Er leide unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung, sei aber voll schuldfähig. Die Staatsanwältin Maria Stiller bezeichnete Wolfgang L. als selbstgerecht bis ins Mark und einem vom Besitzdenken Getriebenen. Er habe seine Frau bestrafen wollen. „Er hat die Tat regelrecht zelebriert.“

Die Staatsanwältin sagte in ihrem Plädoyer, Wolfgang L. habe den Prozess dazu genutzt, kübelweise Dreck über dem Opfer auszuschütten. Er hatte seine Ehefrau als Prostituierte, Drogendealerin und Betrügerin bezeichnet, als eine Frau, die ihn vergiften wollte. L. behauptete sogar, seine Frau habe am Tattag das Messer geführt und er sich nur gewehrt. Die Hauptverhandlung habe dies eindeutig widerlegt, erklärte die Staatsanwältin.

Sie will, dass Wolfgang L. des Mordes aus Heimtücke und niedrigen Beweggründen schuldig gesprochen und zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt wird. Zudem soll das Gericht die besondere Schwere der Schuld anerkennen. Damit kann der Dachdecker nicht schon nach 15 Jahren auf Bewährung aus der Haft entlassen werden. Der Anwalt von Wolfgang L. plädierte auf Totschlag. Eine besondere Schwere der Schuld könne er nicht sehen, sagte der Verteidiger Matthias Schöneburg. Weil sich die Tat nicht von anderen Verbrechen abhebe. Es gebe leider zahlreiche ähnlich gelagerte Gewalttaten an Frauen.

Wolfgang L. gab an, aus Notwehr gehandelt zu haben. Er fühlte sich an jedem Prozesstag missverstanden, von seinen Kindern, die ihm als Nebenkläger gegenübersaßen und für die er kein Wort des Bedauerns fand, von den Beobachtern der Tat, die in seinen Augen falsch Zeugnis ablegten, und dem psychiatrischen Sachverständigen, der ihm nicht zugehört habe. 

Wolfgang L. will den Gerichtssaal als freier Mann verlassen. „Nach meinem Gefühl habe ich nach Recht und Gesetz gehandelt.“ Es war sein letztes Wort in diesem Verfahren.