Potsdam - Wolfgang L. ist falsch an diesem Platz, davon ist er bis heute überzeugt. Falsch in diesem größten Gerichtssaal des Potsdamer Landgerichts, in den er seit Prozessbeginn zweimal in der Woche geführt wurde. Ohne Handschellen. Seine Knie sind lädiert, und er benötigt die Hände für die Krücken. Er trug stets Jeans, ein beiges Sweatshirt und einen olivfarbenen Parka, den er anbehielt, als wolle er gleich wieder gehen. Die Lesebrille saß über der Stirn – wie ein Haarreif hielt sie die schulterlangen Haare zusammen. Der gelernte Dachdecker trat in der Kulisse dieses Saals nicht reumütig und zurückhaltend auf, er wirkte oft aufgebracht. Sein Habitus – ein einziger Vorwurf: Was soll ich hier?

Zu jedem Prozesstag brachte Wolfgang L., 65 Jahre alt, einen Beutel mit, eine durchsichtige Tüte, wie sie im Supermarkt an den Obstregalen zu finden ist. Darin steckten seine Mitschriften. L. hatte an den neun Verhandlungstagen viel notiert und noch mehr geredet. Durchaus wortgewandt wies er Zeugen zurecht, sagte ihnen, sie lägen falsch mit ihren Angaben. Er agierte, als wolle er die Menschen im Saal von dem überzeugen, woran er selbst noch immer glaubt: dass er, der wegen Mordes an seiner Ehefrau Angeklagte, unschuldig ist. Er erklärte auch, warum er das denkt: Seine Frau habe sein Leben zerstört, sie habe Ehebruch begangen, sie sei schuldig, sie habe den Tod verdient.

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