: Warum wurde Luke H. in Neukölln erschossen?
Rita H. trägt ein Amulett um den Hals, das ihren Sohn Luke zeigt. Die 62-jährige Frau aus dem englischen Manchester kämpft sichtbar mit den Tränen, als sie vor dem Saal 500 des Landgerichts über ihren Sohn, einen 31-jährigen Juristen, und über seinen mutmaßlichen Mörder spricht. Auch ihr Mann Philip H. muss schlucken. Rita H. sagt, ihr einziger Sohn, ihr einziges Kind, sei ein glücklicher, sympathischer junger Mann gewesen. Sein Mörder ein total Fremder, der keinen Grund hatte, ihren Luke zu erschießen. „Unser Sohn war unsere Zukunft, wir haben keine Zukunft mehr. Warum hat er das getan?“, fragt die Mutter.
Um die Frage geht es seit Montag vor der 29. Großen Strafkammer. Dort muss sich Rolf Z. aus Neukölln wegen Mordes verantworten. Der 63-jährige gelernte Betonbauer soll den Juristen am 20. September 2015 gegen 5.45 Uhr vor der Bar Del Rex in der Ringbahnstraße heimtückisch getötet haben. Er soll mit einem langen Mantel bekleidet vor sein Opfer getreten und mit einem Schrotgewehr gezielt auf den Oberkörper von Luke H. geschossen haben.
Angeklagter schweigt zu Mordvorwürfen
Der Engländer, der erst sechs Monate zuvor nach Berlin gekommen war und Start-up-Unternehmen beriet, war laut Anklage völlig arg- und wehrlos. Er wurde im Bauch getroffen und verblutete innerlich auf dem Weg ins Krankenhaus. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass sich der Angeklagte und das Opfer nie zuvor begegnet sind und Luke H. nur zufällig Opfer des Tötungsdeliktes geworden ist.
Rolf Z., ein kauziger Typ mit langen weißen Haaren und Vollbart, schweigt zu den Vorwürfen. Stattdessen spricht sein Verteidiger von dilettantischen Ermittlungen der Polizei, falsch dargestellten Zeugenaussagen und nichtssagenden Schmauchspuren, die an Rolf Z. festgestellt wurden. Es gibt keine unmittelbaren Tatzeugen. Allerdings soll Rolf Z. vor dem tödlichen Schuss in der Bar und danach mit einem Gewehr in unmittelbarer Nähe des Tatorts gesehen worden sein. Tatwaffe und Munition soll der Angeklagte bei einer Bekannten versteckt haben. In der Öffentlichkeit wurde nach dem Tötungsdelikt viel spekuliert. Von einem rechten Weltbild des Angeklagten war die Rede. Und davon, dass sich Rolf Z. mal beschwert haben soll, dass in seiner einstigen Stammkneipe nicht mehr deutsch gesprochen werde.
Weiterer Mord wird mit Rolf Z. in Verbindung gebracht
Der Staatsanwalt sagt dazu nichts. Kein Wort fällt zum Motiv. Ein Sachverständiger kann zudem am ersten Verhandlungstag nicht mit Sicherheit sagen, dass aus der sichergestellten Schrotflinte der tödliche Schuss abgegeben wurde.
Nach Angaben von Mehmet Daimagüler, dem Anwalt der Mutter von Luke H., wird in dem Verfahren auch der noch immer ungeklärte Mord an Burak B. zur Sprache kommen müssen. „Zu klären ist, ob der Angeklagte auch mit dieser Tat etwas zu tun hat“, sagt er. Der 22-jährige Burak B. war vor fünf Jahren von einem Unbekannten in Neukölln auf offener Straße erschossen worden. In den Ermittlungsakten zu diesem Fall soll auch der Name von Rolf Z. zu finden sein. Linke Gruppen haben deshalb zur Prozessbeobachtung aufgerufen.
Die Eltern von Luke H. wollen jeden Verhandlungstag nach Berlin kommen. Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.