Wo machen obdachlose Menschen eigentlich Quarantäne?
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

BerlinAn Tag sieben der Quarantäne bin ich nachdenklich. Wir haben keine Symptome (mehr), nur dürfen wir nach wie vor nicht raus. Okay.

Aber sonst? Wir haben deutlich mehr Raum, unsere Zeit eigenständig zu gestalten und Liegengebliebenes endlich anzugehen. Dies sind unter anderem Unikram, überfällige Lektüren oder Bürokratisches bei meinem Mitbewohner und bei meinem Partner.

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Quarantäne produktiv nutzen

Ich muss vor allem die formellen Bewerbungen für einen Promotionsplatz fertig machen und Beiträge zu einem Buch über Rassismus in Deutschland schreiben. Ich bin in den vergangenen Tagen mit der Mitherausgeberin des Sammelbandes, Bafta Sarbo, mehr im Kontakt. Auch sie befindet sich seit kurzem in Selbstquarantäne. Sicher ist sicher.

Eleonora Roldán Mendívil befinet sich seit einer Woche in Quarantäne.
Foto: Kofi Shakur

Wir wollen die Quarantäne jedoch produktiv nutzen, in die Tasten hauen und mit unseren Beträgen voran kommen. Dies haben wir in den vergangenen Wochen neben unserer regulären Arbeit einfach kaum geschafft. Die Quarantäne ist also für uns recht harmlos. Auch wenn es sich komisch und gruselig anfühlt, einen Virus in sich zu tragen, der bis jetzt tausende Menschenleben gekostet hat.

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Hamburg: 300 Obdachlose in Quarantäne

Zu Hause bleiben hat noch weitere Vorzüge: Ich kann den ganzen Tag im Schlafanzug verbringen, duschen ist weniger wichtig. Aber was machen die Menschen, die aktuell gar kein zu Hause haben?
Mindestens 2000 Menschen haben in Berlin kein reguläres Obdach. Wo und wie machen obdachlose Menschen eigentlich Quarantäne? In Hamburg müssen 300 Obdachlose am Montag in einer Notunterkunft in Quarantäne bleiben, besser gesagt: sie dürfen. Denn normalerweise müssen die Besucher die Unterkunft tagsüber verlassen.

Erst das Coronavirus gibt den Betroffenen also für zwei Wochen eine trockene, warme Unterkunft. In Artikel 25 der Menschenrechtserklärung von 1948 steht, dass jeder Mensch Anspruch auf angemessene Lebenshaltung, Gesundheit und Wohlbefinden einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztlicher Betreuung und der notwendigen Leistungen der sozialen Fürsorge hat. Wo können obdachlose Menschen dieses Recht nun einklagen?

In Berlin stehen 0,8 Prozent aller einzugsfertigen Wohnungen leer. Ein zentrales Register mit konkreten Zahlen gibt es nicht. Steht auch jetzt der Profit vor der Gesundheit von Berlinerinnen und Berlinern? Ich bleibe nachdenklich.