Christoph Markschies, evangelischer Theologe und Professor für antikes Christentum an der Humboldt-Universität, wird neuer Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW).
Foto: BBAW/Pablo Castagnola

BerlinEin Mittagessen hoch über dem Gendarmenmarkt? Mit herrlichem Blick über Berlin? Anregenden Tischgesprächen über den Umbau klimagestresster Wälder, die Arbeitswelt der Zukunft oder Immanuel Kant und seine Botschaften für uns Heutige? Die Einladung zu einem solchen „Mittagssalon“, sommers auf der spektakulären Dachterrasse, winters im Einstein-Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW), steht. Sie gilt für jeden ersten Mittwoch im Monat und richtet sich an alle interessierten Bürgerinnen und Bürger. Gastgeber ist Christoph Markschies, evangelischer Theologe und Professor für antikes Christentum an der Humboldt-Universität und ab 1. Oktober neuer Präsident der BBAW.

„Wir sind öffentlich finanziert und würden gern die ganze Öffentlichkeit erreichen“, sagte Markschies kürzlich vor Journalisten. Künftig werde die Akademie neue Wege erproben: „Wir wollen zum Beispiel mit einem Bus auf die Plätze in Berlin und Brandenburg fahren, dort unsere Arbeit vorstellen und mit den Menschen ins Gespräch kommen.“

Auch das historische Gebäude am Gendarmenmarkt werde sich noch stärker öffnen. Unter anderem mit kostenfrei zugänglichen Ausstellungen wie der Fotoschau „Faszination Wissenschaft“, die vom 5. Oktober an Werke von Herlinde Koelbl zeigt. „Alle geplanten Veranstaltungen werden stattfinden“, versicherte der neue Präsident beim Pressetermin – „allerdings nach Corona-Regeln, weniger Besuchern vor Ort und hoffentlich viel Online-Beteiligung“. Live und ohne große Einschränkungen soll dann die nächste lange Wissenschaftsnacht „Salon Sophie Charlotte“ über die Bühne gehen können. Sie wurde auf September 2021 verschoben.

Die Akademie als geistiger Tauschplatz für die Allgemeinheit

Christoph Markschies stellt sich vor als Präsident der offenen Arme und großen Pläne. Er wolle, sagte der 57-Jährige beim Pressetermin, auf den Marktplatz gehen und die Akademie als „geistigen Tauschplatz“ für die Allgemeinheit öffnen, sie als „zentralen Reformort“ der Gesellschaft ausbauen und aus ihr ein „Laboratorium der Aufklärung“ machen. Damit knüpft Markschies an große Aufklärer wie Gottfried Wilhelm Leibniz an, der im Jahr 1700 die Kurfürstlich Brandenburgische Sozietät der Wissenschaften gründete.

Aus ihr entstand die Preußische Akademie der Wissenschaften, in deren Traditionslinie sich die 1992 gegründete BBAW sieht. „Wir blicken auf eine Geschichte von gut dreihundert Jahren zurück und sind doch ein Kind der deutschen Einheit“, resümiert der neue Präsident. Heute versteht sich die BBAW als eine Akademie, die konkrete Forschungsergebnisse erarbeitet – und dabei eine Keimzelle gesellschaftlicher Innovationen bleibt.

BBAW/Judith Affolter
Akademie mit Tradition

Die BBAW ist eine Wissenschaftlervereinigung mit mehr als 300 gewählten Mitgliedern unterschiedlicher Disziplinen. Ihren Hauptsitz hat die Akademie am Berliner Gendarmenmarkt, ihren Nebensitz am Potsdamer Neuen Markt. Finanziert wird sie von den Ländern Berlin und Brandenburg; ein erheblicher Teil der Forschung wird vom Akademienprogramm des Bundes und der Länder gefördert.

Die Tradition der BBAW reicht bis ins Jahr 1700 zurück. Berühmte Wissenschaftler wie Wilhelm und Alexander Humboldt, die Gebrüder Grimm, Lise Meitner, Theodor Mommsen, Albert Einstein und Max Planck prägten ihre Geschichte. Insgesamt brachte die Akademie 79 Nobelpreisträger hervor.

Kernbereiche der Arbeit sind die geisteswissenschaftliche und interdisziplinäre Forschung sowie der Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. In interdisziplinären Arbeitsgruppen befassen sich Mitglieder und externe Wissenschaftler mit Zukunftsfragen der Gesellschaft, demnächst zum Beispiel mit Lösungen für Wälder im Klimawandel. Hinzu kommen rund dreißig wissenschaftliche Langzeitvorhaben, darunter das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache und Editionen von Klassikern wie Leibniz, Kant und Marx.

Auf den gewitzt-pragmatischen, aus dem Ruhrgebiet stammenden Mathematiker Martin Grötschel folgt nun also der heiter-beseelte Kirchengeschichtler und ordinierte Pfarrer Christoph Markschies. In Berlin-Zehlendorf als Sohn eines Literaturprofessors und einer Lehrerin aufgewachsen, studierte er an mehreren westdeutschen Universitäten und in Jerusalem, bevor er 2004 über Professuren in Jena und Heidelberg zurück nach Berlin kam. Von 2006 bis 2010 war er Präsident der Humboldt-Universität – ein Amt, mit dem er nicht so richtig warm wurde.

Markschies hat viele Auszeichnungen erhalten, unter anderem den höchsten deutschen Forscher-Lorbeer, den Leibniz-Preis, und als erster Protestant überhaupt die Ehrendoktorwürde der Päpstlichen Lateranuniversität. Mitglied der BBAW ist Christoph Markschies seit 2000, Mitglied des Vorstands war er von 2003 bis 2018. Sein Nachfolger sei im Wissenschaftssystem bestens vernetzt, ein tiefsinniger, unterhaltsamer Redner – und ein ganz anderer Charakter als er selbst, befand Martin Grötschel jetzt bei der Amtsübergabe. „Das ist auch gut so“, fügte er hinzu, von dieser Unterschiedlichkeit profitiere die Akademie.  Mit unentwegten Beiträgen zu Arbeitsgruppen, Gremien und Veranstaltungen sei der neue Präsident „fraglos eines der fleißigsten Mitglieder der Akademie“.

Grötschel hinterlässt eine Akademie, die ihre Rolle im deutschen Wissenschaftssystem gefunden hat. Nationalakademie – davon hatten viele Mitglieder geträumt – ist sie nicht geworden. In diesen Rang wurde die in Halle beheimatete Leopoldina im Jahr 2007 handstreichartig befördert. Auf Länderebene ist die BBAW heute jedoch Primus inter Pares, insbesondere was die öffentliche Wirksamkeit angeht. Keine andere Institution in der bundesländerübergreifenden Union deutscher Akademien startet so viele Initiativen, keine veröffentlicht so oft Forschungsergebnisse, Positionspapiere und Stellungnahmen.

Leuchttürme sind die im Jahr 2000 gegründete Junge Akademie und die Global Young Academy geworden, zu deren Bestehen die BBAW maßgeblich beiträgt. Als weitere Nachwuchsinitiative kam 2013 die Arab-German Young Academy of Sciences and Humanities (AGYA) hinzu. Als größte außeruniversitäre geisteswissenschaftliche Forschungseinrichtung in Berlin-Brandenburg arbeitet die BBAW mit den Hochschulen der Region zusammen und trägt zu deren Lehrangebot bei.

Auch international ist die BBAW vertreten, unter anderem durch Kooperationen mit den Nationalakademien Israels, Kubas und Polens. Mit ihren digitalen Editionen, Wörterbüchern und Sammlungen im Rahmen des Schwerpunkts „Digital Humanities“ übernimmt die Akademie zunehmend moderne, vernetzte Arbeitsweisen. „Die BBAW braucht weiterhin die Lederbände mit Kants Werken, aber sie braucht auch die neuen Wege, um damit zu arbeiten“, umriss Christoph Markschies den künftigen Kurs.

Konzert im Livestream

Musik: Anlässlich der Amtsübernahme von Christoph Markschies findet am 1. Oktober um 17 Uhr ein Tea Time Concert statt: „Zwischen Staunen und Neugier. Beethoven in Berlin“. Es spielt das Ensemble1800berlin. Teilnahme per Livestream ist möglich. 

Talk: An der begleitenden Gesprächsrunde nehmen neben Markschies teil: die Musikwissenschaftlerin und Sprecherin des BBAW-Zentrums Preußen-Berlin Dörte Schmidt und die Beethoven-Expertin Eleonore Büning. 

Inhaltlich will der neue Präsident in den nächsten fünf Jahren die Themen Energie, Künstliche Intelligenz, Gesundheit und Wissenschaftskommunikation nach vorne bringen. Unterstützt wird er dabei von seinem Vizepräsidium: der Biologin Julia Fischer, Abteilungsleiterin für Kognitive Ethologie am Deutschen Primatenzentrum in Göttingen und dem Forst- und Bodenwissenschaftler Reinhard Hüttl, Wissenschaftlicher Vorstand am Helmholtz-Zentrum Potsdam – Deutsches Geoforschungszentrum (GFZ).

Als Präsident kann Markschies jetzt auch seine lange gehegte Idee umsetzen, für Forschungszwecke Fellows aus anderen Institutionen an die Akademie zu holen. Die wissenschaftliche Arbeit wolle er intern noch stärker in Forschungszentren bündeln und die Zusammenarbeit mit den Berliner Universitäten, der Leopoldina und anderen Akteuren vertiefen. „Als Akademie können wir uns, und das ist unser großer Vorteil, mehr Zeit für unsere Projekte nehmen als manche andere Institution“, sagte der neue BBAW-Chef. In Zukunft werde die Akademie der Gesellschaft verstärkt nachhaltige Dienstleistungen anbieten, etwa im Bereich der Sprachwissenschaft. Öffentlich präsentieren wird der neue Präsident sich und seine Pläne am 4. November – beim ersten Mittagssalon am Gendarmenmarkt.