Der entführte CDU-Politiker Peter Lorenz im „Volksgefängnis“, wie die Terroristen sein Versteck in der Kreuzberger Schenkendorfstraße nannten.
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BerlinDer Morgen des 27. Februar 1975 verheißt einen freundlichen Wintertag. Es ist 8.52 Uhr, als der West-Berliner CDU-Vorsitzende Peter Lorenz seinen weiß geklinkerten Wohnbungalow im Elvirasteig am Schlachtensee verlässt. Die Nacht war kurz, weil CDU-Chef Helmut Kohl am Abend vorher in West-Berlin war, um Lorenz im Wahlkampf zu unterstützen. Bis nach Mitternacht haben die beiden noch Bier zusammen getrunken.

In drei Tagen sollten die Berliner ein neues Abgeordnetenhaus wählen. Die CDU steht in den Umfragen gut da, ihr 52-jähriger Landeschef scheint nicht chancenlos zu sein, den Regierenden Bürgermeister Klaus Schütz (SPD) abzulösen. Lorenz steigt in seinen Dienstwagen, einen schwarzen Mercedes, der ihn zur Berliner CDU-Zentrale an der Lietzenburger Straße bringen soll. Doch die Fahrt ist nach knapp anderthalb Kilometern zu Ende.

Am Quermatenweg, an der Ecke zur Ithstraße, blockiert ein querstehender Viertonner die Fahrbahn. Da kracht ein rostbrauner Fiat 124 mit einer Frau am Steuer von hinten in den Mercedes. Lorenz’ Fahrer steigt aus, wird niedergeschlagen. Am Boden liegend sieht er noch, wie der Laster plötzlich die Fahrbahn frei macht und der Mercedes mit seinem Chef davonbraust, gefolgt von einem roten Ford Consul. Zurück am Tatort bleiben der Lkw und der Fiat.

Keine Ost-Verwicklung

Die Nachricht von der Entführung des CDU-Politikers, der auch Vizepräsident des Abgeordnetenhauses ist, verbreitet sich in Windeseile. An den Grenzübergängen zum Osten wird jedes Fahrzeug genau kontrolliert, auch die DDR-Seite verstärkt ihre Grenzposten. Vier Stunden nach dem Überfall finden Polizisten die beiden Fluchtwagen. Einer von ihnen steht in Sichtweite eines CDU-Wahlplakats, auf dem Lorenz mit dem Slogan „Mehr Tatkraft schafft mehr Sicherheit“ abgebildet ist. Von dem Politiker selbst fehlt jede Spur.

Einen Tag später wird bei der Nachrichtenagentur dpa ein Polaroid-Foto eintreffen. Es zeigt Lorenz mit einem Plakat samt Aufschrift „Gefangener der Bewegung 2. Juni“. In der Nacht zum 5. März kommt Peter Lorenz frei, nachdem die Forderung der Entführer erfüllt wurde: Freilassung und Ausreise von fünf inhaftierten Terroristen der Rote-Armee-Fraktion und der Bewegung 2. Juni nach Aden in Südjemen. Nur der RAF-Mitbegründer Horst Mahler, den die Entführer auch freipressen wollten, verzichtet auf einen Austausch.

Dass damals nicht nur die westlichen Sicherheitsbehörden, sondern auch der Staatssicherheitsdienst die Ereignisse in West-Berlin genau verfolgten, kann man in den Akten des Stasi-Archivs nachlesen. Mehrmals täglich wurde demnach die MfS-Führung über die Fahndungsaktionen im Westteil der Stadt sowie über die Verhandlungen mit den Entführern ins Bild gesetzt, weil die Lauschabteilung der Stasi Autotelefone und Funkverbindungen von Polizei, Sicherheitsbehörden, Grenzorganen und Alliierten in West-Berlin rund um die Uhr abhörte.

Stasi-Betreuer in Aden

Freigepresst: Fünf Mitglieder der RAF und der Bewegung 2. Juni  – Verena Becker, Gabriele Kröcher-Tiedemann, Ingrid Siepmann, Rolf Heißler und Rolf Pohle – landeten am 3. März 1975 in Aden.

Rückforderung: Südjemen hatte die Terroristen auf deutsche Bitte ins Land gelassen. Nach Lorenz’ Freilassung verlangte Bonn deren sofortige Rücküberstellung. Aden verweigerte dies.

In Aden: Um die fünf Terroristen kümmerten sich Stasi-Offiziere, die als Regierungsberater in Aden weilten. Vertreter der Palästinenserorganisation PFLP organisierten die Ausreise aus Südjemen.

Darüber hinaus wurden Quellen in Bonn und West-Berlin angezapft, um Meinungen aus den Parteien einzusammeln. Eine Verwicklung des DDR-Geheimdienstes in die Entführung geht aus den Stasi-Akten nicht hervor.

Das war auch nicht zu erwarten, denn Mitte der 1970er-Jahre waren SED-Führung und Stasi noch uneins darüber, wie man mit dem westdeutschen Linksterrorismus umgehen sollte. In der Parteispitze wurde dabei das Agieren der Baader-Meinhof-Gruppe, der ersten RAF-Generation, wohlwollender betrachtet als von der Stasi.

Während Mielke und seinen Generälen das linksintellektuelle Gerede von Stadtguerilla und bewaffnetem Kampf suspekt blieb, gab es in der SED-Führung einige, die – vielleicht in Reminiszenz an die eigene Untergrundtätigkeit im Dritten Reich – nicht ohne Sympathie auf die jungen und idealistischen Kämpfer aus dem Westen blickten.

Kontaktsuche zur RAF

Die Stasi hingegen suchte erst nach 1977 den Kontakt mit der zweiten RAF-Generation und Aktivisten der Bewegung 2. Juni. Einer der Lorenz-Entführer, Till Meyer, wurde von der Stasi später sogar als IM angeworben und spionierte ab 1987 unter anderem die linke Tageszeitung taz aus. An jenem 27. Februar 1975 ging schon 25 Minuten nach dem Überfall in Schlachtensee die erste Meldung über die Entführung von Peter Lorenz in der MfS-Zentrale ein.

Umgehend wurden die Grenzposten angewiesen, ab sofort „offen sichtbar werdende Kontrollen aller Westfahrzeuge“ vorzunehmen. Es musste unbedingt der Eindruck vermieden werden, die DDR würde eine Flucht der Entführer mit ihrem Opfer in den Osten begünstigen. Am Abend des 3. März landeten die fünf freigepressten Terroristen mit dem von den Entführern als Vertrauensperson benannten Pfarrer Heinrich Albertz im südjemenitischen Aden.

Gut 24 Stunden später, kurz vor Mitternacht, wurde Peter Lorenz, mit einer verklebten Brille und einem falschen Bart im Gesicht, auf einer Parkbank im Volkspark Wilmersdorf abgesetzt. Wenig später ging der Politiker zu einer Telefonzelle und rief seine Frau an. Er sei frei und komme nach Hause, sagte er. Noch in der Nacht startete die West-Berliner Polizei eine Großfahndung. Bis 5 Uhr früh wurden 167 Frauen und Männer vorübergehend festgenommen.

"Intelligente" Kidnapper

Stunden später schilderte Lorenz auf einer Pressekonferenz seine Erlebnisse. Demnach hätten ihn die Entführer mit zwei Injektionen ruhiggestellt. Er habe mitbekommen, wie er nach dem Wechsel des Fluchtwagens zunächst in den Kofferraum eines weiteren Autos und danach in eine Holzkommode gesperrt wurde, die man auf einen Laster verladen habe, erzählte er. Untergebracht gewesen sei er in einer fensterlosen Zelle mit Gittertür.

Für die Täter hatte Lorenz erstaunlich viel Lob übrig: Sie seien intelligent gewesen, hätten ihn den Umständen entsprechend korrekt behandelt, und überhaupt sei die Aktion „ausgezeichnet geplant worden und ausgezeichnet abgelaufen“.

Das Nordkorea-Gerücht

Auch die Stasi verstärkte nach der Freilassung von Lorenz noch einmal ihre Kontrollmaßnahmen. An den Grenzübergängen sollte das Vorfeld auf West-Berliner Seite intensiv beobachtet und bei Einreisen verstärkt auf Personen geachtet werden, die in den Fahndungskarteien des MfS als „Anarchisten, rechts- und linksextremistische Kräfte“ erfasst sind.

Später berichteten westliche Medien, die Lorenz-Entführer hätten sich eine Zeit lang in der nordkoreanischen Botschaft in Ost-Berlin versteckt, die damals noch im Stadtteil Karlshorst lag. Eine Bestätigung dafür gibt es bis heute nicht, selbst die Stasi konnte das Gerücht nie verifizieren.

Haft und Selbstauflösung

Ende April 1975, zwei Monate nach dem Überfall auf Lorenz, gingen der West-Berliner Polizei die ersten Täter ins Netz. Bis September gab es weitere Festnahmen. Die Suche nach dem sogenannten Volksgefängnis hingegen, in dem die Entführer ihr Opfer festgehalten hatten, blieb lange erfolglos.

Erst im November 1975, nachdem einer der Festgenommenen ausgepackt hatte, stießen die Ermittler im Keller einer Ladenwohnung in der Schenkendorfstraße 7 in Kreuzberg auf das Versteck. Auf der anderen Straßenseite hatte die Kreuzberger CDU ihr Büro.

Fünf unmittelbar an der Entführung beteiligte Linksterroristen der Bewegung 2. Juni wurden im Oktober 1980 zu Haftstrafen zwischen 13 und 15 Jahren verurteilt. Bereits vier Monate zuvor hatte die Terrorgruppe ihre Selbstauflösung bekannt gegeben, einige ihrer Mitglieder schlossen sich der RAF an. Peter Lorenz, dessen CDU zwar die Abgeordnetenhauswahl am 2. März 1975 gewonnen hatte, an der sozialliberalen Koalition in West-Berlin aber nicht vorbeikam, übernahm das Amt des Parlamentsvorsitzenden.

1982 ging er als Parlamentarischer Staatssekretär ins Bonner Bundeskanzleramt. Helmut Kohl sagte später über ihn, die Entführung habe dem CDU-Politiker den Elan genommen. Peter Lorenz starb im Dezember 1987 im Alter von 64 Jahren an Herzversagen.