Bei den Ausgrabungen 2007 bis 2010 an der Petrikirche bargen die Archäologen 3882 Skelette. Die Gründergenerationen von Cölln und Berlin geben ihre Geheimnisse preis.
Foto:  Landesamt für Denkmalschutz

Berlin-MitteSelbst Berlin, die Stadt, die so viel von ihrer Zukunft hält, hat Vergangenheit. Diese begann vor etwas mehr als 800 Jahren, als ein paar Männer und Frauen in einer sumpfigen Gegend an der schmalsten Stelle des Urstromtals Holzhütten mit Erdkellern und hölzerne Kastenbrunnen errichteten. Wer waren diese Leute? Woher kamen sie? Und wann genau gründeten sie an dieser Stelle ihre Siedlungen Berlin und Cölln? Das wüsste man doch gern.

Seit Archäologen in den Jahren 2007 bis 2010 rund um die Petrikirche 3126 Gräber von 3882 Personen ausgruben, arbeiten Wissenschaftler verschiedener Disziplinen daran, die  Gründer zum Reden zu bringen. Am Freitag trafen sie sich, um Ergebnisse auszutauschen. Was also wissen sie über die ersten Berliner?

Der Erste: Ein Mann im besten Alter

Aus Altersbestimmungen von in Häusern und Brunnen verbauten Holzbohlen mit der Radiocarbonmethode weiß Claudia Melisch, Grabungsleiterin vom Petriplatz: „Wir müssen in die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts schauen.“ Für die Radiocarbonuntersuchung der Skelette hat sie 52 der ältesten Individuen ausgewählt.

Ronny Friedrich, Physiker aus einem auf solche Datierungen spezialisierten Labor in Mannheim, ermittelte aus 100 Proben, dass die Individuen aus den ältesten Gräbern zwischen 1038 und 1200 lebten. Der von ihm identifizierte „erste“ Berliner, das Individuum mit der Fundnummer 5664-3, war männlich, 25 bis 30 Jahre alt. „Bestimmt ein Typ mit Vollbart“, scherzt Ronny Friedrich.

Slawen in Cölln/Berlin

Vier Hinweise auf die mögliche Herkunft trägt der Mittelalterarchäologe Eike Gringmuth-Dallmer bei. Erstens: Die Berliner Pioniere bauten Pfostenhäuser, die bei den Slawen nicht bekannt waren. Die Bauten dürften also eher nicht auf die seit dem 7. Jahrhundert an Spree und Havel siedelnden Gruppen zurückgehen. Auf Berliner Gebiet konnten ohnehin keinerlei Spuren einer Vorbesiedlung ergraben werden: „Keine einzige slawische Scherbe“, sagt der Wissenschaftler. Dass sich der Name Berlin nach slawisch „Brlo“, Ort im Sumpf, durchsetzte, lag an der Landschaft. Wir haben es also mit einem Örtlichkeitsnamen zu tun.

Zehn Prozent der Gräber waren Mehrfachbestattungen.
Foto: Landesamt für Denkmalschutz

Zweitens: Unter den Frühberliner Keramikfunden dominieren klar die Kugeltöpfe, die im Gebiet Richtung Nord- und Ostsee in der deutschen Bevölkerung in Gebrauch waren. Wohl aber finden sich slawische Standbodengefäße im Berliner Umland, wo Slawen und Deutsche gemeinsam siedelten, so in Düppel oder Diepensee. Der Archäologe ist überzeugt, dass Slawen auch in Cölln/Berlin in den deutschen Ausbau einbezogen waren.

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Teilnehmer aus Nordwesten

Drittens: Aus der Gründungszeit überlieferte schriftliche Quellen berichten von Aufrufen zu Kreuzzügen in das Slawenland östlich der Elbe. Auch diese Quellen deuten auf Teilnehmer aus Richtung Nordwesten hin – und, hochspannend, aus dem Schwabengau östlich des Harzes, der Herkunftsregion der Askanier. Die stellten die Anführer jener Christianisierer. Der Askanier Albrecht der Bär (1100–1170) gilt als Begründer der Mark Brandenburg und des Fürstentums Anhalt. Seine Nachfahren, die Brüder Johann I. und Otto III., gründeten in der Mark zahlreiche Städte und förderten den Ausbau von Berlin/Cölln durch Privilegienvergabe.

Viertens: Die Namen der Neugründungen kommen aus dem Westen. So gab es nahe der flandrischen Stadt Gent ein Lichtervelde; in Brandenburg existieren sechs Orte dieses Namens – wobei die Übertragung direkt oder indirekt erfolgt sein kann. Das heute zu Berlin gehörende Lichtervelde gründeten mutmaßlich flämische Siedler um 1230.

Die Spur der Strontium-Isotopen

Die Argumente des Archäologen sprechen also dafür, dass die ersten Berliner aus der norddeutschen Tiefebene, den Niederlanden und aus dem Harzvorland kamen. Mit Gent entwickelten Berlin/Cöllner Fernhändler bald Tauschgeschäfte: Tuche gegen Eichenholz und den berühmten Berliner Roggen.

Gen Harz weisen auch mit der Strontium-Isotopenanalyse ermittelte Spuren, wenn sie auch noch schwach sind. Jede Region trägt einen „Fingerabdruck“, der durch den Strontium-Isotopenwert geprägt ist und durch Fluss- und Grundwasser sowie Gesteine entsteht. Menschen und Tiere, die in einer Region aufwachsen, nehmen über Wasser und Nahrung Strontium auf und lagern es in jeweils spezifischer Menge in Knochen und Zähnen ein.

Die Hoffnung war groß, mithilfe dieser Messmethode genauere Angaben über die Herkunft der Gründergenerationen zu bekommen. Aber so einfach war das nicht. Zwar konnte Marion Tichomirowa von der Bergakademie Freiberg die Petriplatz-Skelette in zwei Hauptgruppen einteilen: die lokale und die der Neu-Berliner. Zur lokalen Gruppe, 37 Prozent der Untersuchten, gehören fast alle Individuen, die zwischen 1150 und 1200 lebten. Sie wiesen die typische Isotopensignatur der etwa zwischen Oder und Wismarer Bucht gelegenen Region auf. Irgendwo dort wuchsen sie auf.

Rund um die Fundamente der Petrikirche wurden der große alte Friedhof ausgegraben
Karte: BLZ/Hecher

Doch die Neu-Berliner,   die zwischen 1200 und 1250 lebten, immerhin 35 Prozent, sind zwar als Gruppe sehr homogen – die aber ist räumlich nicht klar zuzuordnen. Ihre Isotopenwerte finden sich in Sachsen, bei Magdeburg und Salzwedel – und am Harz! Alle anderen Regionen kann die Forscherin ausschließen. Also eine weitere Spur Richtung Schwabengau? Man müsste mehr Proben, vor allem von Wasser, aus der Region untersuchen, sagt Frau Tichomirowa.

Ur-Cöllner waren gesünder

Nah an das Leben der ersten Berliner führte der britische Archäologe Peter Rauxloh, der die Gräber am Londoner St. Marys Hospital untersucht hat und im Vergleich zu St. Petri in Cölln feststellte: In London war mehr Gewalt. 21,2 Prozent der Londoner wiesen entsprechende Spuren auf, aber nur 7,6 der Ur-Cöllner. Und Letztere waren gesünder, hatten seltener Anämie, weniger Zahnstein.

Gleichwohl konnte die britische Knochenspezialistin Natasha Powers an den Gebeinen vom Petriplatz (2432 Erwachsene, davon 51,1 Prozent Männer, und 1377 Nichterwachsene)  viele Arten von Gewalteinwirkung ablesen, zum Beispiel 288 Brüche und etliche Amputationen, die womöglich als Strafen ausgeführt wurden, denn es fehlten häufig Hände oder Arme.

Archäologen bei der Arbeit während der Grabungen auf dem Petriplatz.
Foto: Landesamt für Denkmalschutz

Sie fand auch Zeichen von chirurgischen Eingriffen: So versuchte man offenbar um 1500, einem Mann einen Tumor an der Stirn zu entfernen. Der Kranke überlebte den Eingriff nicht. Die Menschen litten an Syphilis, Tuberkulose, Krebs und Lepra, an Vitaminmangel, verbunden mit Skorbut und Rachitis. Ein an Tetanus erkranktes Kind wurde mit stark verdrehtem Körper und spastisch angespannten Händen aufgefunden.

Ungelöste Kriminalgeschichten

Drei Männer, gemeinsam in einer Kiste begraben, tragen offenbar eine Kriminalgeschichte mit sich. Alle drei weisen unter anderem schwerste Kopfverletzungen auf, die von Schwert- und Axthieben stammen: gespaltene Schädel, zertrümmertes Gesicht. Die Männer lebten laut Radiokarbondatierung zwischen 1168 und 1208 und sind nicht miteinander verwandt. Einer war am Todestag zwischen 35 und 45 Jahre alt, die beiden anderen 25 bis 35. Da sie keine Spuren älterer Verletzungen aufweisen, kann man sie wohl nicht den Berufskriegern zurechnen. Wer waren sie? Was ist ihnen widerfahren?

Claudia Melisch vermutet, dass sie außerhalb der Stadt überfallen wurden, in der Absicht sie zu töten. Doch geplündert wurden ihre Leichen nicht. Sie trugen an ihrer Kleidung noch silberne Schnallen, einer sogar einen Orden. Hobby-Kampfhistoriker vertreten die These, es könne sich um einen gerichtlichen Kampf, eine Art Gottesurteil, gehandelt haben. Jedenfalls müssen die drei bedeutende Leute gewesen sein. Auf dem Friedhof bekamen sie einen prominenten Platz. Sie werden ihr Geheimnis wohl bewahren.

Was Forensiker finden

Die Legende von Romeo und Julia hingegen ist schon zerstoben: Die Namen des Liebespaars hatte man zwei Skeletten verliehen, die scheinbar umschlungen, händchenhaltend und mit einander zugewandten Gesichtern bestattet worden waren. Tatsächlich handelt es sich um zwei Männer, Romeo und Julian gewissermaßen, und sie kamen zu unterschiedlichen Zeiten ins Grab. Irgendwann müssen sie nebeneinandergerutscht sein.  Diese Aufklärung brachten DNA-Untersuchungen im Forensischen Labor der Charité, wo der Nachweis von Verwandtschaftsverhältnissen zu den Aufgaben der Rechtsmediziner gehört.

Sollen DNA-Analysen mehr Kenntnis über die die Petriplatz-Leute erbringen, müsste mehr untersucht werden. Eine Finanzierungsfrage, wie es immer wieder hieß, wenn es um nächste Aufgaben und Projekte geht. Claudia Melisch jedenfalls ist überzeugt, dass das Forschungsprojekt Maßstäbe setzt.