Auf Bodo Radke aufmerksam wurden wir durch einen Brief unserer Leserin Claudia Schwede. Sie schrieb: „Ich möchte jemanden vorschlagen, den ich jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit treffe. Er arbeitet als Schiffer auf der Fähre der Firma Burchardi, die zwischen Tegelort und Hakenfelde fährt. Er ist ein fröhlicher und freundlicher Mann, der zur DDR-Zeit Seemann zu hoher See war und nach der Wende nun auf diesem kleinen Schiff täglich die Havel hin und her quert. Ich würde mich freuen, irgendwann über meinen ,Havelseemann’ in meiner Zeitung zu lesen.“

Ich stamme aus Zehdenick bei Berlin. Meine erste Lehre habe ich 1973 bei der Deutschen Seereederei in Rostock gemacht. Als Vollmatrose bin ich viel in der Welt herumgekommen – die letzte Reise dauerte sieben Monate und ging bis nach Shanghai. Danach sagte meine Freundin: ich oder die Seefahrt. Ich entschied mich dummerweise für die Frau und fing im Isolierwerk „Bruno Baum“ in Zehdenick an. Das habe ich später bereut; die Beziehung ging schon bald in die Brüche. Aber was soll’s.

Eine kleine Anzeige

Ich habe in meinem Leben viele Berufe ausgeübt, Facharbeiter für Plastverarbeitung, Polizist, Elektroinstallateur, Security, Call-Center-Agent. 2003 las ich zufällig eine kleine Anzeige: „Matrose in Berlin gesucht“. Was könnte das sein? Ich war neugierig. Und da saß ich dann mit dem Seniorchef am Fährhaus auf der Bank, schaute auf die Fähre, die zweieinhalb Minuten rüber zum anderen Ufer fuhr und zweieinhalb Minuten wieder zurück. 160 Meter Havel – hin und her. „Das wäre Ihre Aufgabe“, sagte er, „täglich von sechs bis 20 Uhr“. Ich schluckte. Pausenzeiten? „Keine. Aber jeden zweiten Tag frei.“

Ich sah die herrliche Natur ringsumher, das glitzernde Wasser und schlug ein. Irgendwie hatte sich der Kreis geschlossen. Obwohl Binnenschifffahrt etwas völlig anderes ist als Hochseeschifffahrt. Ich musste alle Patente neu machen und auch die Funkerlaubnis noch einmal erwerben. Dabei hatte ich noch 1994 bei der Polizei in Spandau einen großen Funklehrgang absolviert und bestanden. Aber der Stoff war kein Problem und der Chef hat die Schulungen bezahlt.

Nun bin ich im 13. Jahr hier, wohne mittlerweile nur 700 Meter entfernt in der Hakenfelder Siedlung mit meiner Freundin zusammen und bin glücklich. Mit dem Lernen reicht’s jetzt hoffentlich in meinem Leben. Hier will ich meine Rente erreichen.

Wir sind die einzige öffentliche Autofähre Berlins. Rund 800 Autos setzen wir täglich über, dazu Fußgänger und Radfahrer. Zur Besatzung gehören immer zwei Schiffer. Mein Kollege und ich wechseln uns alle zweieinhalb Stunden ab. Mal sitze ich oben im Steuerhaus an den beiden Steuerrädern und er kassiert unten an Deck die Fahrgäste ab. Mal umgekehrt. So wird es nicht langweilig und die Konzentration bleibt hoch. Man muss auf einer so viel befahrenen Wasserstraße wie der Havel eine Menge Boote im Blick haben und dazu Wellen und Wind beobachten, um punktgenau anzulegen. Wer unten Dienst tut, bedient auch die Schranke am Ufer, bindet die Fähre mit einem Seil fest, lässt die Klappe runter und weist die Fahrzeuge ein.

Auf Deck ist es wie beim Dorffriseur

Auf dem Deck ist es ein bisschen wie beim Dorffriseur. Ich staune immer wieder, was man sich in zweieinhalb Minuten alles erzählen kann. Das beginnt bei neuen Fahrgästen ganz sachte mit dem Wetter und endet bei Stammkunden mit der Nachricht, dass der Sohn nach Amerika gezogen ist. Kassiert wird aber immer korrekt, egal wie lange man die Leute schon kennt: 60 Cent ein Fußgänger, 1,60 Euro pro Auto, jede weitere Person im Wagen 60 Cent. Da lassen wir nicht mit uns handeln.

Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren kosten 30 Cent. Einige Eltern versuchen zu tricksen. Sie glauben gar nicht, wie lange manche Jören brauchen, bis sie 13 werden. Der Bengel liegt hinten auf der Rückbank und raucht eine Zigarette. Aber der Vater vorne meint, der sei erst zwölf. Wenn Schulkinder schummeln, um ihr Taschengeld zu strecken, verstehe ich das. Habe selbst drei Kinder. Aber wenn Eltern vor ihren Kindern so dreist lügen?

Geld spart man durch unsere Fähre nicht, aber dafür jede Menge Zeit. Wer in Tegelort oder Konradshöhe wohnt und in Spandau arbeitet, nutzt sie deshalb gern. Die Umfahrung über Hennigsdorf ist 18 Kilometer lang; man braucht mit dem Auto bestimmt eine halbe Stunde. Vor dem Mauerfall war hier zwei Kilometer weiter nördlich Schluss. Da wurde die Fähre noch stärker frequentiert als heute, erzählt der Chef. Aber es ist immer noch ganz ordentlich Betrieb hier bei uns. Sogar im Winter. Wir fahren ja auch bei Schnee und Eis, nur eine Stunde weniger am Tag.

Vom Eise befreit

Bei klarem Frost ist es eigentlich mit am schönsten auf der Fähre. In der vom Eisbrecher frei gebrochenen Fahrrinne sammeln sich Massen von Wasservögeln, auch seltene Arten, die man sonst nicht zu sehen bekommt. Einmal haben wir einen festgefrorenen Schwan aus dem Eis befreit, indem wir ihn mit unserem Schraubenwasser umspült haben. Das gab lauten Beifall von den Fahrgästen. Einfach herrlich.