Beim Verkauf einer Kamera sollte nicht nur die Speicherkarte, sondern auch der Kameraspeicher gelöscht werden. 
Foto: imago images/Panthermedia

BerlinEs ist ein Tag Anfang Januar, an dem ich unfreiwillig tiefe Einblicke in das Leben eines Fremden erhalte. Das kam so: Im vergangenen Jahr habe ich eine gebrauchte Kamera gekauft. Der Mann, der sie inseriert hatte, ich nenne ihn hier Günther, versicherte mir, er habe alle Bilder auf der Speicherkarte gelöscht.

Was er vergessen hatte: Auch den Kameraspeicher aufzuräumen. Am besagten Tag im Januar finde ich die Bilder. Ich finde jedoch nicht heraus, wie man sie ungesehen löscht.

Seitdem weiß ich, dass Günther Marathon läuft und seinen Geburtstag im Kreis der Familie gefeiert hat. Zumindest sieht es so aus, die Fotos zeigen etliche ältere Herrschaften an der mit langstieligen Blumen geschmückten Tafel.

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Die Frauen tragen das weiße Haar in Löckchen gelegt, man isst Torte und trinkt aus zierlichen Tassen. Günther freut sich sichtlich über eine neue Sporthose. Außerdem mag Günther violette Blumen, etliche Nahaufnahmen zeugen davon, und Sonnenuntergänge. Vor dem Marathon trinkt Günther Milchkaffee mit einem hellen Gestreusel darauf, wahrscheinlich Karamel.

Die Frau, die rote Schuhe hasst 

Dazu isst er einen Muffin. An einem anderen Tag im Januar erfahre ich, erneut ohne es zu wollen, von den Vorlieben – und vor allem Abneigungen – einer mir völlig unbekannten Person. Schräg gegenüber vom Haus meines Klarinettenlehrers wohnt eine Frau, die viel trinkt und rote Schuhe hasst.

Das weiß ich jetzt, weil die ansonsten ruhige Straße an diesem Morgen plötzlich von wüstem Geschrei erfüllt ist. „Ey, was für hässliche Schuhe, wie kann man nur solche Schuhe tragen, Alte, checkst du nicht, wie hässlich deine Schuhe sind?!?!“ So tönt es von oben. Weit und breit ist niemand zu sehen, folglich gilt die Tirade mir.

Ich befehle mir, nicht nach oben zu schauen, und tue es natürlich doch. Aus einem geöffneten Fenster hängt eine Frau mit Kippe und Flasche in der Hand. Gegen meinen Willen gehe ich schneller und fühle mich ausgeliefert. Klingele beim Lehrer und starre auf meine roten Stiefel.

Nun mach doch auf, bitte ich stumm, während die offenkundig völlig besoffenen Frau im Ohr immer dieselben Sätze wiederholt, mit so viel Wut, ja Hass in der Stimme, dass ich ganz niedergeschlagen bin, noch Stunden später.

Günthers Bilder sind gelöscht - doch noch im Kopf 

Seltsam. Eine Fremde, betrunken, und doch schaffte sie es, mir so nahezutreten. Wann immer ich die roten Stiefel trage oder diese Straße entlanggehe, denke ich seitdem an die Betrunkene. Ich kann nichts dagegen tun.

Und wann immer ich am Haus von Günther vorbeifahre – es liegt an einer Buslinie, die ich häufig nutze – oder die Kamera anschalte, denke ich an eine heitere Geburtstagsfeier, onduliertes Haar und blühende Balkonpflanzen.

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Die Fotos habe ich einzeln gelöscht, die Bilder im Kopf bleiben. Wie die Worte der Frau, der ich keinen Namen gebe. Denn an Günther und seine Familie denke ich lieber. Und die roten Stiefel trage ich absichtlich häufig und mit stolzem Trotz. Begegnungen kann man sich nicht aussuchen in der großen Stadt. Wohl aber das Schuhwerk.