Der Fall Klaus R. ist immer noch nicht gelöst.
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BerlinEs ist ungewöhnlich, über eine Untersuchung zu reden, die 33 Jahre zurückliegt, sagt Udo Schilling im Zeugenstand. Das Berliner Landgericht hat den Kinderpsychologen darum gebeten, denn die 40. Strafkammer verhandelt dort gegen Klaus R. Dem 62-Jährigen wird vorgeworfen, am 18. September 1987 die 30-jährige Annegret W. ermordet zu haben.

Ihr damals sechsjähriger Sohn fand die Tote im Schlafzimmer: Rücklings auf dem Bett liegend. Der Täter hatte ihr die Ärmel ihres weißen Strickpullovers um den Hals gezogen und deren Enden tief in den Rachen gestopft. Außerdem hatte er der bereits Verstorbenen ein Küchenmesser in Hals und Brust gerammt. Aus ihrem Portemonnaie fehlte Geld.

Neben Annegret W. saß ihr jüngster Sohn Christian, zum Tatzeitpunkt zweieinhalb Jahre alt. Er hatte die Tat gesehen. Er hätte der Polizei sagen können, wer sie begangen hatte. Doch der Kleine sagte nur: „Mann Messer reingemacht“, „viel Blut“, „Mama tot“. Den Täter bezeichnete er immer wieder als „Onkel Degake“. Die Kriminalisten wandten sich an Udo Schilling. Drei Tage nach der Tat versuchte der Psychologe, dem Kind spielerisch Anreize zu geben, etwas von seinem Wissen preiszugeben. „Ich habe versucht, das Kind zu lesen“, berichtete Schilling. „Projektive Tatsituation“, nennt man das. „Man geht in die Situation und schaut, was das Kind wiederholt. Die Erinnerungsmöglichkeit eines Kindes ist gering. Es hat der Polizei aus dem Frischgedächtnis erzählt.“

Auffällig fand der Psychologe den Umgang von Christian mit einem Kuscheltier: „Er hat dass Kuscheltier geküsst. Dann hat er es geschlagen, gebissen und gewürgt. Dann hat er es aufs Bett geworfen und mit einem Stift gestochen.“ Dabei war das Kind emotional sehr aufgewühlt. Die Annahme ist naheliegend, dass es mit dem Kuscheltier das Erlebte nachgespielt hat.

Trotz akribischer Ermittlungen musste die Kriminalpolizei den Fall 1991 als ungelöst beiseite legen. Das Hauskleid der Toten sowie ihr Pullover, ein Kopfkissen und das Küchenmesser, das in ihrem Hals gesteckt und dort von ihrem jüngsten Sohn herausgezogen worden war, gelangte zu den Asservaten, die Akten wurden archiviert.

Eine DNA-Spur führte die Berliner Cold-Case-Ermittler zu dem arbeitslosen Mann, der früher als Maler, Gerüstbauer und als Landschaftsgärtner gearbeitet hatte. Im Jahr 2015 hatten die Sonderermittler den Fall neu aufgenommen, in der Hoffnung auf die verbesserten Möglichkeiten der DNA-Analyse. Im November 2018 wurde Klaus R. verhaftet, ein Mann, der niemals zuvor mit diesem Fall in Verbindung gebracht worden war. Sein Genmaterial war auf dem Hauskleid und auf dem Pullover der Toten gefunden worden. Im September 2019 wurde er von der 32. Strafkammer wegen Mordes verurteilt.

Die Richter waren damals davon überzeugt, dass der tätowierte Klaus R. der „Onkel Degake“ gewesen sein muss, „der Onkel mit der Krake“ auf den Unterarmen. Doch der Bundesgerichtshof hob das Urteil wieder auf.

Seit einem Monat nun vernimmt die 40. Strafkammer erneut die noch lebenden Zeugen und geht mit ihnen ihre alten Aussagen durch. Zu ihnen gehört Udo Schilling, aber auch Peter K., der Lebensgefährte des Opfers. Der bezeichnete Annegret, als „seine Perle“, „seine Prinzessin“, „seine große Liebe“. Obwohl das Paar gemeinsam sexuell sehr offen war, habe es ihn betrübt, als er hinterher von der Mordkommission erfahren habe, „dass sie doch nicht so lieb war, wie man dachte“. So habe er etwa mitbekommen, dass Annegret W. im Auftrag ihrer Freundin Kontaktanzeigen in der „B.Z.“ und im „Neuköllner Wochenblatt“ geschaltet und beantwortet habe. Noch ein halbes Jahr nach der Tat hätten bei ihm zu Hause Männer angerufen und sich nach einer „Petra“ oder „Inge“ erkundigt. Die Nummer hätte ihnen ein Kumpel gegeben, behaupteten die Anrufer.

Hat sie auf diesem Weg auch Klaus R. kennengelernt? Der Angeklagte spricht von einer Begegnung im Park kurz vor dem Tod von Annegret W., von einem „Techtelmechtel“ ohne Sex. So sollen die Spuren an ihrem Hauskleid und an ihrem Pullover entstanden sein. Doch das Gutachten einer Expertin für DNA-Spuren belastet ihn schwer. Laut ihrer Expertise können die Spuren nur bei einer intensiven Berührung entstanden sein. Ein Rechtsmediziner entkräftete zudem ein vermeintlich entlastendes Argument: Sperma-Spuren waren im Mund der Toten gefunden worden. Ihre Blutgruppe stimmte eindeutig nicht mit der des Angeklagten überein. Der Rechtsmediziner bekundete nun, dass es sich dabei auf gar keinen Fall um das Sperma eines Alternativ-Täters handeln könne, da es zu einem Zeitpunkt zu der Toten gelangte, als diese nachweislich noch gelebt hatte.

Klaus R. könnte der Täter gewesen sein. Doch war er der Mörder von Annegret W. oder ist die Tat als Totschlag zu bewerten? Dieses Delikt wäre mittlerweile verjährt. Lebenslang oder eine Verurteilung ohne Strafe – das sind die wahrscheinlichsten Alternativen für das Gericht.

Um den Angeklagten wegen Mordes zu verurteilen, müssen die Richter ein Mordmerkmal finden. Etwa Habgier, eine Verdeckungsabsicht oder niedrige Beweggründe, davon hatte den Richtern ein Mitgefangener berichtet: Klaus R. sei beleidigt gewesen, dass Annegret W. Geld für den Sex gefordert habe und habe sie deshalb getötet. Für ihre Entscheidung, egal wie sie ausfällt, müssen die Richter eine für den Bundesgerichtshof plausible Erklärung finden.