Im britischen Guardian las ich kürzlich, dass in England ein Streit über die Geburtshilfe tobt. Frauen würden zunehmend unter Druck gesetzt, bei der Geburt auf jede medizinische Hilfe zu verzichten, hieß es in dem Text. Am härtesten treffe es Frauen, die sich für einen Wunsch-Kaiserschnitt entschieden hätten. „Man kann die Leute heute eher schocken, wenn man sagt, man hatte einen Wunsch-Kaiserschnitt, als wenn man sagt, man hatte eine Abtreibung gehabt“, schrieb die Autorin des Guardian.

Vor zwei Jahren gab es in Großbritannien einen Skandal, damals war herausgekommen, dass in einem Krankenhaus Hebammen um jeden Preis Kaiserschnitte verhindern wollten. „Die Musketiere“ nannten sie sich. Sie ließen Frauen mit ihren Schmerzen zu lange allein, elf Babys und eine Mutter starben.

In Deutschland kommt etwa jedes dritte Kind per Kaiserschnitt zur Welt, der deutsche Hebammenverband findet diese Zahl viel zu hoch, auch hierzulande ist die Debatte aufgeladen. Es wird viel von der selbstbestimmten Geburt geredet, solange Selbstbestimmung nicht heißt, dass man alle Möglichkeiten der Medizin in Anspruch nehmen möchte. Im Schwangerschafts-Yoga fangen die Warnungen an: Kaiserschnitt? Ganz schlecht fürs Baby. Rückenmarksanästhesie? Ganz schlecht fürs Baby. Fertigmilch? Ganz schlecht.

Andersdenkende werden mit einer Schärfe verurteilt, die mich an die Schulzeit in der DDR erinnert, Polit-Agitation, 8. Klasse. Wenn man eine Zahnwurzel-Behandlung hat, redet niemand davon, dass das möglichst „natürlich“ ablaufen soll. Den Geburtsschmerz aber, etwa hundert Wurzelbehandlungen gleichzeitig, oft über Stunden hinweg, darf man nicht betäuben.

Wie an einem Kriegsschauplatz

Als ich Anfang des Jahres mein zweites Kind bekam, traf ich auf der Geburtsstation des Krankenhauses eine junge Frau, die genau wusste, wie ihre Geburt ablaufen sollte, sie hatte einen Plan, mit Musik, heilenden Perlen. „Ich will keinen Kaiserschnitt“, war das erste, was sie mir sagte. Anderthalb Tage später sah ich sie wieder. Sie wurde ins Zimmer hereingerollt, sie sah aus, als käme sie von einem Kriegsschauplatz, nicht nur erschöpft, sondern regelrecht geschockt. Es war ein Gesichtsausdruck, den man öfter auf Wöchnerinnen-Stationen sieht. Ein Blick, den niemand sehen will, denn man muss sofort wieder funktionieren, sich ums Neugeborene kümmern, Stillen, Windeln wechseln.

Die junge Frau wollte nicht funktionieren, das Kind sah sie kaum an, sie schimpfte auf die Hebammen. 35 Stunden hat sie in den Wehen gelegen, dann wurde das Kind per Kaiserschnitt geholt. Sie fühle sich wie eine Versagerin. Ich fragte mich, warum man ihr Martyrium nicht früher beendet hatte? Aus Personalmangel – oder vielleicht doch aus ideologischen Gründen? Es war ein Krankenhaus, das stolz auf seine geringe Kaiserschnitt-Quote ist.

Ich habe häufiger solche Geschichten gehört, von Frauen, die man in ihrem Leiden fast vergehen ließ, bevor das Kind per Kaiserschnitt geholt wurde. Manche Mütter werden Jahre brauchen, um sich von solchen Erlebnissen zu erholen. Was ist so schlimm an einem Kaiserschnitt, wenn dadurch eine Traumatisierung der Mütter vermieden werden kann? In den nächsten Jahren wird die Rate weiter steigen, weil die Frauen später ihre Kinder bekommen und die Kinder größer sind. Keine Frau sollte sich deswegen als Versagerin fühlen.