Die Liebe kann in allen möglichen Gewändern kommen. 
Imago Images/Malte Mueller

BerlinWarum ich jetzt an Lilo denke? Zunächst zur Person: Lilo ist ein erschütternd hässliches Plüschnilpferd. Sein Kopf ist fast so groß wie sein Rumpf, was ihm die plumpe Gestalt eines zu klein geratenen Schneemanns verleiht, sein Fell ist algengrün und seinen Bauch ziert ein gelber Kreis. Arme und Beine sind lediglich Stümpfe. Womöglich war es gerade sein bemitleidenswertes Aussehen, das uns auf es aufmerksam machte. Ich weiß nicht, wie oft wir an ihm vorbei gelaufen sind auf dem täglichen Weg zur Kindertagesstätte – der Teenager war damals noch ein Kleinkind auf kurzen, krummen Beinen –, doch eines Morgens sahen wir es.

Noch namenlos saß das schauerliche Tier im Schaufenster eines Secondhand-Geschäftes auf einem winzigen Korbstühlchen. Eine absolut unwürdige Sitzgelegenheit für ein Nilpferd von seiner Statur! Saß da und guckte irgendwie bittend. Wir hatten es eilig, folglich überließen wir es vorläufig seinem traurigen Schicksal. Doch von nun an verfolgte uns der vorwurfsvolle Blick aus den schwarzen Plastikaugen jeden Morgen und jeden Nachmittag und manchmal bis spät in den Abend. Ich glaube, wir haben sogar von ihm geträumt.

Es kam der Tag, an dem das Korbstühlchen leer war. Ein Schock. Doch das dicke Nilpferd, das bald den Namen Lilo tragen sollte, lag nur daneben auf der schmutzigen Auslegeware wie eine Schildkröte auf ihrem Panzer. Nun wurde es Zeit, dieses demütigende Schauspiel zu beenden. Wir gingen in den Laden, kauften das Tier ohne zu zögern für 50 Cent und tauften es mit feierlichen Gesichtern auf den Namen Lilo. Das Stühlchen ließen wir im Geschäft. Sollte doch irgendein Püppchen darauf Platz nehmen.

Fortan war Lilo immer dabei. Sie bekam ein rotes T-Shirt über den dicken Kopf gezogen, auf welches das Kind mir den Namen Lilo zu schreiben auftrug. Sie bekam Socken an die runden Füße und sogar eine Unterhose, obwohl kaum eine über den dicken Nilpferdpo passte. Das Kind nahm Lilo mit ins Bett, mit auf Ausflüge und mit auf Reisen. In Kambodscha schlief das geliebte Tier unter einem eigenen Moskitonetz und saß zwischen uns im Tuktuk. In Italien bekam es ein Zitroneneis, in Frankreich ein Croissant. Heute thront Lilo zufrieden und ein wenig selbstherrlich im Regal des Teenagers und hat alle Umzüge, Entrümpelungen und Flohmärkte überdauert. Die Geschichte seiner Rettung aus seiner früheren, kümmerlichen Existenz darf bei keinem Familienessen fehlen.

Warum ich jetzt an Lilo denke? Mir gegenüber in der Tram sitzt ein kleines Mädchen mit karottenroten Zöpfchen und Rotznase. Es presst ein pinkfarbenes Ungetüm aus Stoff an sich, als hielte es die hübscheste und wertvollste Puppe der Welt im Arm. Das Fell des Plüschdings, von dem Mädchen immer wieder mit kleinen Küssen bedacht, beißt sich entsetzlich mit der Haarfarbe des Kindes und sieht reichlich ramponiert aus. Fäden hängen aus aufgeplatzten Nähten und eines seiner absurd hellblauen Augen wird es bald verlieren. Das Fell ist zerschlissen, regelrecht kaputtgekuschelt. Aber Liebe fragt eben nicht nach Schönheit. Liebe braucht Treue. Fragen Sie Lilo.