Fast eine Million Berliner hat den Senat am Sonntag aufgefordert, den Flughafen Tegel offen zu halten. Und zugleich will fast eine Dreiviertel Million Berliner genau das Gegenteil: die Schließung Tegels, und zwar möglichst bald.

Das ist ein Dilemma. Die Mehrheit – auf sie kommt es natürlich an – ist damit zwar klar. Sie hat sich für den Weiterbetrieb ausgesprochen. Punkt. Dieses Votum, auch wenn es im eigentlichen Sinne gar nicht verbindlich ist, steht nun da wie ein blinkender Flughafen-Tower direkt vor dem Roten Rathaus. Die rot-rot-grüne Koalition kann und darf dies nicht ignorieren.

Aber die vielen Nein-Stimmen zeigen ebenso klar: Das war kein rauschender Sieg der „Tegelretter“, wie die FDP sich selbst ernannte. Das Ergebnis des Volksentscheids ist vielmehr Beleg für eine gespaltene Stadt. Und, nimmt man die Ergebnisse der Bundestagswahl hinzu, auch für eine teils zutiefst frustrierte, unzufriedene: Beide „großen“ Parteien, noch bis vor Kurzem gemeinsam im Senat, verlieren rasant. Die SPD, wie im Bund, sogar noch brutaler als die CDU.

Die Hauptstadt – chaotisch, dysfunktional auf der einen, aufstrebend, attraktiv auf der anderen Seite – scheint unregierbar zu werden. Sie entzieht sich, offenbar mit Vergnügen, rationaler Lenkung. Angesichts der gefühlig geführten Debatte über Tegel etwa ist es sehr wahrscheinlich, dass letztlich nur die zeitgleiche Bundestagswahl dem Volksentscheid zum Ja-Quorum verholfen hat.

Und war’s nicht auch irgendwie nett mit Tegel?

Es dürfte längst nicht allen Berlinern um die komplizierte Sachfrage Tegel mit ihren juristischen Genießerdetails gegangen sein. Nie gab es seit dem Schließungsbeschluss von 2004 eine bemerkenswerte Gegenbewegung aus dem Volk, Tegel weiterzubetreiben. Erst als die FDP mit einer professionellen Kampagne einstieg, änderte sich das. Das mag legal sein, grenzt aber hart an parteipolitischen Missbrauch direkter Demokratie.

Dies festzustellen ist keine Wählerschelte. Schließlich ist es legitim, per Abstimmung ein Signal jenseits des konkreten Themas zu setzen. Ein Signal etwa, wie abgenervt man von dieser endlosen BER-Quälerei ist. Wer ist das nicht? Wie doof man den SPD-Müller und dessen Miesepetrigkeit findet. Und war’s nicht auch irgendwie nett mit Tegel? Bei einem Abstimmungstermin ohne Bundestagswahl gäbe es vermutlich ein anderes Votum. Gibt es aber nicht.

Und der Regierende Bürgermeister steckt in der Klemme. Man soll in der Politik niemanden bemitleiden, die Menschen machen das ja weitgehend freiwillig. Aber mit Michael Müller tauschen möchte derzeit sicher niemand. Nicht einmal sein innerparteilicher Lieblingsfeindfreund Raed Saleh, der Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus – der sich gern aus den Tagesquerelen heraushält.

Mit Michael Müller aus Berlin-Tempelhof ist die SPD auf ihr tiefstes Tief gerutscht, das es bislang zu beklagen gab. Im Bund geht es den Sozis schlecht, in Berlin geht es ihnen schlechter: Bei 17,9 Prozent der Zweitstimmen zur Bundestagswahl wirken sogar Projekt-18-Gags so schal wie ein offenes Schultheiß nach zwei Tagen auf der Parkbank am Neptunbrunnen.

Es muss einen tragischen Anti-Helden geben

Und dabei kann Müller nicht einmal wie Martin Schulz mit heroischer Geste in die Opposition wechseln. Erstens gibt es keine Mehrheiten ohne die SPD in Berlin. Zweitens gibt es jenseits der FDP keine Freunde von Neuwahlen. Drittens macht ein Müller so etwas nicht. Müller, pflichtbewusst bis ins sozialdemokratische Mark, ließe sich abwählen, vielleicht noch wegputschen, aber klein beigeben, das wird er sicher nicht.

Und so muss er den tragischen Anti-Helden geben. Seine Mundwinkel wird das nicht nach oben biegen. Müller muss einen Volksentscheid ernst nehmen und umzusetzen versuchen, von dessen Irrsinn er – übrigens zu Recht – überzeugt ist. Er muss eine SPD führen, in der das kollektive Haareraufen zur typischen Handbewegung geworden ist.

Am R2G-Senatstisch sitzen zwei frisch gestählte Koalitionspartner, die nun mit tausend tollen Ideen die sozialökologische Wende vorantreiben wollen, während Müller schon bald die nächste BER-Verschiebung ansagen darf. Das ist kein schöner Job. Wenn es schlecht läuft, wird es auch keiner mehr. Und eine Erlösung ist nicht in Sicht.