Man sollte Papa öfter als nur alle drei, vier Wochen mal anrufen.  
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BerlinArm sein ist einfach ein Zustand, den keiner anstrebt. Deine Kinder und du selbst haben schlechtere Perspektiven, deine Lebenserwartung ist niedriger, und den Rest erledigt dein Selbstwertgefühl, weil irgendjemand sich schon finden wird, der dir die Schuld gibt, dass du arm bist. Aber wie toppt man arm sein noch? Tot und arm sein. Wenn man es sich richtig geben will: einsam, tot und arm sein.

Vorweg: Es ist nur zu verständlich, dass eine Stadt sich überlegen muss, wie man mit Verstorbenen umgeht, die keine Angehörigen haben und/oder kein Geld für ihre Bestattung. Ich erkläre gleich, was ich meine, aber für alle, die jetzt denken, das betrifft sie nicht, ein Fallbeispiel:

Eine junge Frau studiert im Ausland, ist noch bei ihrem Papa gemeldet, mit dem sie alle drei, vier Wochen auch mal telefoniert. Man hat sich lieb, aber tägliche Videotelefonate machen andere. Die Nachbarn des Papas nehmen im Hausflur einen unangenehmen Geruch war und verständigen die Polizei. Polizist Schmidt weiß schon beim Betreten des Hausflurs, was die Stunde geschlagen hat. Denn was sommerliche Hitze, eine nicht belüftete Wohnung und ein toter Körper als Mischung ergeben, hat er oft genug erlebt. Papa liegt seit wahrscheinlich vier Tagen – da hat die Nachbarin ihn das letzte Mal gesehen – tot in der Wohnung. Jetzt kommt die Polizei, dann ein Arzt, der schaut, ob es ein natürlicher Tod war, und im Rahmen der Polizeitätigkeit holt in Berlin ein Vertragsbestatter für den jeweiligen Bezirk Papa ab.

So weit, so gut. Im „Normalfall“ erfährt die Tochter am nächsten Tag vom Tod ihres Vaters, kümmert sich um einen Bestatter ihrer Wahl, und die Geschichte geht ihren Gang. Aber in unserem Fall hat niemand die Nummer der Tochter, sie erfährt erst einmal nichts. Nach fünf Tagen meldet sich der Polizeibestatter beim Gesundheitsamt, die schreiben an die Meldeadresse der Tochter (also zu Papa nach Hause) einen Brief, dass er verstorben ist und die Tochter sich bitte um die Bestattung kümmern möchte. Nun reagiert die Tochter nicht und das Gesundheitsamt gibt beim Bestatter die Amtsbestattung in Auftrag.

Nun laufen die Mühlen. Papa wird schnell eingeäschert und kommt dann auf den Friedhof in der Liesenstraße: der kleine Friedhof, der der katholischen Kirche gehört, den auch schon Wim Wenders liebte für seinen Film „Der Himmel über Berlin“. Ohne Angehörige, ohne Freunde und ohne Rücksicht auf seine Wünsche oder seine Religion. Ja, man munkelt, dass Muslime, Juden, auch viele Christen es gar nicht so gerne sehen, wenn sie verbrannt werden.

Jetzt mag man sagen: Toll, die Stadt kümmert sich. Und das ungefähr 2200 Mal im Jahr. Das sind zwischen fünf und zehn Prozent aller Bestattungen. Eine ganze Menge. Spannend wird es aber wie immer im Detail.

Die Stadt zahlt einen Friedhof, der nicht ihr gehört, weil die städtischen Friedhöfe teurer wären: 365 Euro. Die Stadt zahlt ihrem eigenen Krematorium den vollen Satz für eine Kremation, obwohl jeder mittelgroße Bestatter da einen besseren Preis bekommen würde: 218 Euro. Und dem Polizeibestatter 148 Euro, der das nur machen kann, weil er hoffen muss, dass die Tochter doch noch auftaucht und einen normalen Preis bezahlt. Bei arm und einsam fragt niemand mehr nach Würde.

Verschiedene private Initiativen versuchen das seit geraumer Zeit zu verbessern, zumindest eine Andacht gesammelt für die Verstorbenen abzuhalten oder auch mal einen Blumenkranz zu besorgen. Aber das Wichtigste für jeden Leser dieser Zeilen: Hinterlegt die Kontaktdaten eurer engsten Menschen sichtbar. Wie gesagt: Arm, tot und einsam ist nicht die beste Kombination. Erst recht, wenn man, wie Papa, gar nicht arm ist und einsam nur auf dem Papier.