Berlin - Seit mein Buch „Das Prachtboot. Wie Deutsche die Kunstschätze der Südsee raubten“ erschienen ist, werde ich häufig gefragt, was man nun tun solle. Schließlich seien die kolonialgeschichtlichen Tatsachen, wie sie auch von Bénédicte Savoy beschrieben werden, sehr beunruhigend.

Die deutsch-französische Historikerin Savoy dokumentiert in ihrem gleichfalls neuen Buch „Afrikas Kampf um seine Kunst“, wie sich afrikanische Staaten seit 50 Jahren vergeblich um die Rückgabe geraubter Kulturgüter bemühen. Ich erzähle, wie die Kolonie Deutsch-Neuguinea von Kaufleuten, Ethnologen und Soldaten leergeplündert und kulturell ruiniert wurde. Restitutionsfragen behandle ich nicht. Denn anders als im Fall Afrika geht es im Fall Südsee zunächst darum, die grundlegenden Fakten der deutschen Ausbeutungs- und Gewaltherrschaft ins Gedächtnis zu rufen. Außerdem hat der 1975 gegründete Staat Papua-Neuguinea bislang keine Forderung nach Rückgabe gestellt.

Das wird sich ändern, ob in fünf, 20 oder 30 Jahren bleibt offen. Bis dahin sollten sich die Verantwortlichen deutscher ethnologischer Museen und privater, kirchlicher oder auch universitärer Sammlungen als Treuhänder verstehen. Das bedeutet dreierlei: Erstens verzichten sie damit offiziell auf angemaßte Eigentumstitel, und zweitens erkennen sie die Pflicht an, koloniale Beuteobjekte zu pflegen und gegebenenfalls zu restaurieren. Besonders wichtig erscheint mir der dritte Gesichtspunkt: Alle deutschen ethnologischen Museen sollten verpflichtet werden, ihre originalen Inventare im Laufe des nächsten Jahres online für jedermann zugänglich zu machen. Da die deutsche Kurrentschrift (und ihre Sütterlin genannte Variante) selbst von den allermeisten Deutschen kaum noch gelesen werden kann, sind die Inventare in Worddateien zu transkribieren. Dazu stehen softwaregestützte und vielfach erprobte Verfahren bereit. Des Weiteren sollten die Inventare dann vollständig ins Englische übersetzt und auch die Übersetzungen online gestellt werden.

Noch verweigert Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) einen solchen Schritt. Zwar spendierte sie im Februar 2019 knapp zwei Millionen Euro „zur Pro­ve­ni­enz- und Grund­la­gen­for­schung von Samm­lungs­gut aus ko­lo­nia­len Kon­tex­ten“, aber das blieb reine Symbolpolitik. Denn im Oktober desselben Jahres erklärte sie kategorisch: „Eine Freischaltung (der Inventare) ohne Kontrolle, so wie es jetzt gefordert wird, könnte eventuell zu Irritationen führen, die wir alle gerne vermeiden möchten.“ Frage: Wer außer den uneinsichtigen Nachfahren der Plünderer und Beutemacher könnte von einem solchen Schritt irritiert sein?

Grütters’ Verhalten legt nahe, den Posten der Kulturstaatsministerin im Herbst neu zu besetzen. Zudem wäre von der nächsten Regierung zu beschließen, die Inventare des staatlichen Ethnologischen Museums in Berlin schleunigst auf Deutsch und Englisch zu veröffentlichen – beispielgebend für die vielen Sammlungen, die nicht der Bundesregierung unterstehen. Auf diese Weise würden alle Beteiligten eine gemeinsame Informationsgrundlage erhalten: die Museumsleute und staatlichen Stellen in den einstigen Kolonien, ebenso die dortigen und die hiesigen politischen und zivilgesellschaftlichen Akteure. Damit wäre der gewiss nicht kurze Weg zu einem fairen Prozess des fachlichen Austauschs, des Verhandelns und Zurückgebens geebnet.

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