Berlin - Die Straßenzeitung, die ich in der S-Bahn kaufe, heißt „Karuna Kompass“ und handelt vom Schenken. Es ist eine alte Ausgabe vom letzten Jahr. Ich muss sie der Verkäuferin aus der zerschlissenen Tasche ziehen, weil zwei ja nicht mehr dasselbe anfassen sollen. Sie strahlt mich an, Schweißperlen auf der Stirn unter rotblonden Haaren. Sie reichen ihr fast bis zum Steißbein. „Das ist die erste heute.“

„Wie viel noch mal?“ Mir fällt auf, wie lange ich keine Straßenzeitung kaufen konnte. Für einen Euro ist sie etwas günstiger als die Blätter vor dieser Zeit. Ich gebe ihr 1,50 Euro und sie fügt hinzu: „... und ein Lächeln.“ Ich packe mein schönstes Augenlächeln aus. Es ist echt und kommt zurück. Sie deutet auf ein paar in Aluminiumfolie gewickelte Brote in ihrer Tasche und sagt: „Aber satt werde ich heute. Darum geht es. Und um freundliche Begegnungen. Was bringen mir 50 Euro am Abend, wenn ich keinen netten Menschen getroffen habe?“

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