Der Waschbär ist in Europa eigentlich nicht heimisch und stört deshalb das lokale Ökosystem. 
Foto: dpa/Fredrik von Erichsen

BerlinDie Menschen bekommen sie meist nicht zu sehen, aber es ist laut und deutlich zu hören, dass sie da sind. Zum Beispiel am sehr weiträumigen Drachenspielplatz im Bezirk Friedrichshain. Wenn sich abends der Spielplatz geleert hat und die Kinder in den umliegenden Häusern einschlafen sollen, lärmt in den Bäumen am Spielplatz ein Vogel sehr laut und lange herum. „Das ist eine Krähe, die Krach wegen eines Waschbären macht“, sagt ein Anwohner. „Wir haben den Waschbären bereits gesehen und auch Kot von ihm gefunden.“

Waschbären in der Großstadt? Sie wurden 2016 von der EU auf die „Liste der unerwünschten Spezies“ gestellt. Denn die aus Nordamerika stammenden Kleinbären sind hier eigentlich nicht heimisch, deshalb haben sie keine natürlichen Feinde, können sich immer weiter ausbreiten und stören dabei das bestehende Ökosystem erheblich.

Der Waschbärenlärm der Vögel ist inzwischen eine typische Situation in Berlin, sagt auch der Wildtierexperte des Senats Derk Ehlert. „Es sind meist Nebelkrähen, die überall in der Stadt anzeigen, wo Waschbären sind.“ Es geschieht meist am frühen Abend, wenn die nachtaktiven Kleinbären über die Hausdächer schleichen, die noch wachen Krähen mit dem Lärm die Raubtiere vertreiben und ihre Jungen in den Nestern schützen wollen. „Einen ähnlichen Lärm gibt es dann auch morgens so ab 4.30 Uhr“, sagt Ehlert. „Zum Beispiel auch in Mitte.“

Waschbären gehören zu den sogenannten Neozoen, sind also „Neutiere“, die vom Menschen bewusst oder unbewusst angesiedelt wurden. In Deutschland sind zwei Daten für die Verbreitung entscheidend: Einmal setzte ein Förster zwei Pärchen 1934 am hessischen Edersee gezielt aus. Bis in die 60er-Jahre war die Population dann bis auf 600 Tiere angewachsen.

Die Berliner Waschbären sind Nachfahren jener zwei Dutzend Tiere, die 1945 bei Strausberg aus einer Pelzfarm ausbrachen. Wieviele Waschbären es bundesweit inzwischen genau gibt, weiß niemand. Als Indiz für die Verbreitung gilt die Jagdstrecke, also die Zahl der erlegten Tiere. Im Jagdjahr 2018/2019 wurden bundesweit 166.554 Waschbären getötet, zehn Jahre davor waren es nur 54.790 gewesen.

In Berlin wurden zuletzt 40 Tiere geschossen. Der Senat geht davon aus, dass die ersten Waschbären etwa vor 30 Jahren nach Berlin einwanderten. 2014 waren es dann geschätzte 800 Exemplare. „Inzwischen gibt es sicher weit mehr als 1000 Waschbären in der Stadt – in allen Bezirken“, sagt Ehlert.

BLZ/Sabine Hecher; Quelle: Deutscher Jagdverband

Bei den einen stehlen sie die Kirschen aus den Schüsseln auf dem Balkon, bei anderen siedeln sie sich in Dachböden an und richten dort oft massive Schäden an, indem sie Dächer abdecken oder Wärmedämmungen zerstören. Auch Keller, Garagen und Abwasserkanäle nutzen sie gern als Quartier. Der Senat hat extra ein Faltblatt herausgeben, wie Dachböden „waschbärensicher“ gemacht werden können.

Einen öffentlichkeitswirksamen Zwischenfall verursachte im Juli 2017 ein Waschbär im Kraftwerk Reuter West. Bei der Polizei gingen Hunderte Notrufe aus Spandau und Charlottenburg ein, weil es morgens um 2.10 Uhr einen lauten Knall gab wie ein Silvesterböller, dann folgte bis 2.45 Uhr Lärm wie das Horn eines Dampfers. Der Grund: Ein Waschbär hatte sich einen Schlafplatz in der Schaltanlage des Kraftwerks gesucht, dabei einen technischen Defekt ausgelöst. Es gab einen hellen Blitz, und Tausende Berliner hatten keinen Strom.

Grundsätzlich greifen diese Tiere keine Menschen an, außer wenn sie sich bedrängt fühlen. Wenn sie beißen, können sie Krankheiten und Parasiten übertragen. Sie sind vor allem deshalb ein Problem, weil sie auch viele heimische Tiere töten. „Sie holen sich oft Vogeleier und machen den heimischen Vögeln, Reptilien und Amphibien das Leben schwer“, sagt Ehlert.

Doch in einer Großstadt ist die Jagd auf die Kleinbären schwierig. Auch gehen Naturschützer davon aus, dass das nicht so viel bringt, weil die Verluste von den Tieren durch mehr Junge ausgeglichen werden.

Wichtig ist, dass die Tiere nicht noch zusätzlich vom Menschen angelockt werden. So ist beispielsweise seit 2011 das Füttern in Berlin verboten und kann mit bis zu 5000 Euro Geldstrafe geahndet werden.

Regeln zum Schutz vor Waschbären

  • Futter: Waschbären sind Allesfresser. Je nach Jahreszeit und Angebot fressen sie Regenwürmer, Insekten, Schnecken, Mäuse, Vogeleier und auch junge Vögel. Vor allem im Sommer und Herbst bevorzugen sie pflanzliche Kost, am liebsten Früchte und Samen. In Siedlungen plündern Waschbären auch gerne mal Obstbäume und durchwühlen Komposthaufen. Sie durchsuchen auch Mülltonnen und Papierkörbe in Parks und auf Spielplätzen.
  • Krankheiten: Einige Waschbären haben Spulwürmer oder Spulwurm-Eier, andere leiden an einer Krankheit namens Staupe. Das ist vor allem für ungeimpfte Hunde gefährlich. Theoretisch können sie auch Tollwut übertragen. Man sollte die Tiere nicht füttern, nicht anfassen und nicht anlocken.
  • Schutz: Gerade Hausbesitzer sollten Waschbären fernhalten. Empfohlen wird: Metallgitter auf dem Schornstein anbringen, Schlupflöcher an Dächern schließen, Blechabdeckungen über Fallrohren anbringen, Mülltonnen mit schweren Steinen oder Spanngurten schließen oder unzugänglich aufstellen, Futter für Haustiere nicht im Garten oder auf der Terrasse lagern; Brot, Obst, Fleisch, Fisch und Milchprodukte nicht auf den Komposthaufen werfen.