Eine Sache, über die an dieser Stelle noch nicht geschrieben wurde, die aber unbedingt das Jahr der frohen Kolumne zieren muss, ist Waschbeton. Dabei handelt es sich um eine Art Beton, bei dem auf einer Seite Kieselsteine zu sehen sind. Er war das Baumaterial meiner Kindheit. Wo immer in der alten Bundesrepublik gebaut wurde, diente er als dekoratives Element.

Praktisch jede neue Gesamtschule, jedes neue Rathaus, jede Neubausiedlung hatte – mal als wuchtige Mauer, mal als Pflanzkübel – Waschbeton im Einsatz. Aber wie so vieles der alten Bundesrepublik verschwindet auch das aus dem Straßenbild, unter anderem an der Wand der Turnhalle der Grundschule nebenan. Dort wird der Waschbeton unter einer Schicht Wärmedämmung versteckt, die wiederum hinter einer Holzwand versteckt wird, die wiederum so sehr nach Wald, Wiese und grüner Stadtratsidylle aussieht, dass sie prompt mit Graffiti überzogen wurde.

Entweder war man Soldat oder Drückeberger

Die andere Sache, für die die alte Bundesrepublik berühmt war und die ebenfalls verschwunden ist – ja, sie geht unter, die BRD; ein langsam sinkendes Schiff, das nichts hinterlässt als Deutschland –, ist der Zivildienst mit vorgelagerter Gewissensprüfung. Als junger Mann gehörte man entweder zu den Soldaten oder war Drückeberger.

Ich war Drückeberger. Eines Morgens fand ich mich auf der Station Chirurgie/Männer in einem Kreiskrankenhaus in Norddeutschland wieder. Man hatte nicht 16 Monate abzuleisten wie die Soldaten, sondern 24 Monate. Es begann die Ungerechtigkeit, die bis heute anhält. Während jeder Soldat, der mal einen Panzer geputzt hat, sich nach einem Erlass der von-der-Leyen-Behörde neuerdings Veteran nennen darf, bleiben mir Titel verwehrt.

Das Lachen des Stationsleiters war mein einziger Zuspruch

An meinem ersten Einsatzort war es ungeschriebenes Gesetz, dass nur männliches Pflegepersonal die Toten in die Leichenhalle tragen durfte. Weil an Pflegern Mangel war und die Ärzte studiert hatten, lief es auf uns Zivis hinaus. Ich habe an einem heißen Wochenende mit Todeswetter (heiß, schwül) wahrscheinlich mehr Leichen gesehen als die meisten Soldaten in ihrer ganzen Dienstzeit.

Hat mich jemand auf den Mann vorbereitet, der sich vor den Zug geworfen hatte? Nein. Habe ich psychologische Beratung bekommen nach dem Tod des Jungen in Zimmer 14, dessen Hand ich gerade noch hielt? I wo! Und später, als ich in den OP versetzt wurde, als amputierte Beine und Arme, aufgeschnittene Bäuche und perforierte Mägen mein Alltag wurden, redete da jemand von posttraumatischen Belastungsstörungen? Quatsch! Mein einziger Zuspruch war das Lachen des Stationsleiters in meinem Rücken, als ich die Diensttoilette vollkotzte nach dem Anblick meines ersten Falls von ernsthaftem Dekubitus.

Sie hielten sich für echte Helden, weil sie eine Knarre trugen

Nach einer wirklich fiesen Woche wurde ich für ein paar Tage in den Heimaturlaub geschickt. Ich ging in die örtliche Diskothek, wo Schulfreunde herumhingen, die zwei Wochen Wacheschieben hinter sich hatten, so öde wie zwei Jahre Ponyreiten. Sie hielten sich aber für echte Helden, weil sie eine Knarre trugen, und begrüßten mich mit den Worten: „Da kommt der Drückeberger!“.

Ich sagte: „Geht zurück in den Kindergarten“ und ging ich tanzen, der wildeste Veteran aller Zeiten. Darum hier die frohe Nachricht: Ich. Habe. Gedient. Ich würde es sogar in Schulen erzählen. Nun aber Schwamm drüber. Es war die alte Bundesrepublik, das Land des Waschbetons, verschwunden hinter Wärmedämmung.