In gewisser Weise muss man den Marketingleuten in der Mineralwasserbranche Respekt zollen. Einen Rohstoff wie Wasser, das im Brunnenbetrieb wie in jedem Wasserwerk schlicht aus dem Grundwasser hochgepumpt und – in der Regel unverändert – in Flaschen abgefüllt wird, erfolgreich zum „Gourmet“- oder „Premium“-Produkt hochzujazzen und dem Publikum teils für einen oder zwei Euro pro Flasche anzudrehen, das muss man schon können.

Gewiss, feine Zungen können im direkten Vergleich Unterschiede zwischen verschiedenen Wässern erschmecken. Im KaDeWe werden für den Connaisseur sogar „Jahrgangsmineralwässer“ aus aller Welt angeboten, allerdings zum Preis einer guten Pfälzer Riesling-Spätlese mit Goldener Kammerpreismünze.

Mineralien aus dem Hahn

Die in Berlin ansässige Stiftung Warentest, ein Fels in der Brandung des „Brandings“ und sonstigen Markenwahns, beeindruckt das alles nicht. Stocknüchtern beurteilt sie seit Jahren in regelmäßigen Abständen die Qualität von Mineral- und Trinkwasser in Deutschland, lässt die stylischen Flaschen mit den adjektivstarken („sanfte Quelle, vitalisierend...“) Etiketts vor der Labortür und konzentriert sich bei ihren Untersuchungen auf das Wesentliche: das Wasser. Still, medium oder „classic“ (sprudelnd.)

Schon 2012 wurden parallel zu 30 stillen Mineralwässern in Flaschen auch die Werte von Leitungswasser aus vier deutschen Großstädten zum Vergleich hinzugezogen, darunter Berlin. Ergebnis: Das Berliner Wasser aus dem Hahn darf sich – unter anderem wegen des Kalziumgehalts – dem Test zufolge eher Mineralwasser nennen als zwei Drittel der abgepackten Wässer, von denen einige mit unter 50 Milligramm praktisch keine Mineralien enthielten. Das ist rechtlich zulässig.

Dafür ist aber einiges andere drin. Die Warentest-Chemiker stießen in 12 der 30 Flaschenwässer auf möglicherweise krankmachende Keime. In einem weiteren Test fanden die Tester 2014 in 10 von 30 untersuchten Medium-Mineralwässern zwar eben meist wenig Mineralien, aber neben Keimen auch Abbauprodukte von Unkrautvernichtungs- und Pilzbekämpfungsmitteln. Alles in sehr geringen Mengen und für Gesunde erträglich, sofern diese die „leichte Fremdnote im Geschmack nach Acetaldehyd“ bei etlichen verkosteten Wässern nicht stört.

Der Stoff stammt aus den wabbeligen PET-Plastikflaschen. Auch dies ist zwar nach heutigem Kenntnisstand nicht gefährlich. Aber Warentest fragte angesichts dieser Befunde: Warum soll man dafür auch noch viel Geld zahlen? Gerade in Berlin eine gute Frage, denn das Trinkwasser in der Stadt ist, begünstigt durch die gewässerreiche Geografie mit Havel und Spree und das Warschau-Berliner Urstromtal, von guter Qualität. Es wird überwiegend aus Uferfiltrat gewonnen, also aus versickertem Regen- und Oberflächenwasser, das zahlreiche reinigende Erd- und Sandschichten durchquert, bevor es aus den Brunnen der Berliner Wasserbetriebe (BWB) angesaugt, aufbereitet und ins Leitungsnetz gespeist wird.

Bis auf das Entfernen von Eisen und Mangan, die Wasser braun färben, muss in den Wasserwerken am Produkt nicht viel getan werden. Anders als in anderen Ballungsgebieten wird in Berlin in der Regel auch kein Chlor zugesetzt, das beim Trinken immer etwas Schwimmbadatmosphäre erzeugt. Über die Einhaltung der Trinkwasservorschriften wachen das Landesamt für Gesundheit und Soziales, die bezirklichen Gesundheitsämter und die Labore der Berliner Wasserbetriebe (BWB).

Dass die Trinkwasserqualität heute so gut ist, kommt aber nicht von ungefähr und dass sie mindestens so bleibt, dafür müssen Politik, BWB und die Berliner, die wieder Eigentümer der Wasserbetriebe sind, aktiv sorgen. Denn die Geschichte der früheren Industriemetropole schlägt sich immer noch in schadstoffgetränkten Sedimenten am Grund der Gewässer nieder. Die Kanalisation befindet sich teils auf dem Stand des 19. Jahrhunderts.

Medikamentenreste in Gewässern machen Sorgen, und das Thema Blei im Hauswasser ist trotz seit Jahren verschärfter Grenzwerte auch noch nicht vom Tisch. Von 351 Leitungswasserproben, die das BWB-Labor 2015 im Auftrag von Berliner Bürgern untersuchte, enthielten elf zu viel von dem Schwermetall. Als im Frühjahr in Brunnen des Wasserwerks Tegel die Chemikalie Perchlorat entdeckt wurde, musste es die Produktion drosseln, andere Wasserwerke kompensierten den Ausfall. Leitungswasser in Berlin sei immer eine Mischung, eine „Cuvée“, sagt die BWB-Sprecherin.

Einfach umfüllen

Cuvée de Berlin – Dein Wasser aus Deiner Region: eine schöne Marketingidee, der aber wohl die Flaschenfans nicht von der Flasche bringt. Berliner Leitungswasser ist billig und gut, sagt der Verstand, es ist kühl, aber eben nicht cool. In der Welt der Marken ist ein Produkt, das sich Krethi und Plethi leisten können und auf dem kein Etikett hält, völlig ungeeignet, ein „Statement“ abzugeben, zumal die Wasserflasche zur Marke der Designerjeans und des Kopfhörers passen muss. Manche Berliner synchronisieren beides: Leitungswasser in leere Flaschen von Gerolsteiner, Perrier, San Pellegrino & Co abgezapft, vereint die Bedürfnisse nach Vernunft und sozialer Differenz auf das angenehmste. Und keiner merkt was davon.

Mehr Infos im Netz:

https://www.test.de/Natuerliches-Mineralwasser-im-Test-4258945-0/

Mineralien in Berliner Wasser:

http://www.bwb.de/content/language1/html/1133.php