Berlin - Früher war der Müggelsee so klar, dass Badegäste häufiger bis auf den Grund schauen konnten. Heute ist er eher trübe. Doch das muss nicht so bleiben. Die Seen in und um Berlin sind im Wandel. Ihre Zukunft ist jedoch schwer vorherzusagen. Denn unter ihrer glitzernden Oberfläche ist eine Vielfalt von Prozessen am Werk, die sich gegenseitig beeinflussen. Wassertemperaturen, Turbulenzen und Nährstoffeinträge spielen dabei ebenso eine Rolle wie der Konkurrenzkampf unter den Seebewohnern oder die Balance von Fressen und gefressen werden.

„Die ganze Komplexität dieser Vorgänge kann man unmöglich im Labor nachstellen“, erläutert Rita Adrian vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) in Berlin. Also setzen sie und ihre Kollegen auf Langzeitbeobachtungen vor Ort. Seit den 70er-Jahren untersuchen sie vor allem den Müggelsee und den Stechlin, um neue Entwicklungen rechtzeitig zu erkennen.

Am Müggelsee etwa erfassen sie jede Woche Größen wie Temperatur und Sauerstoffgehalt, Nährstoffe und pH-Wert – und natürlich jene winzigen Algen und Tierchen, die Biologen als Phytoplankton und Zooplankton bezeichnen. Zudem gibt es eine Messstation im See, die im Minutentakt verschiedene Charakteristika erfasst (kleines Foto).

„So haben wir über Jahrzehnte einen echten Datenschatz zusammengetragen, der weltweit ziemlich einmalig ist“, sagt Rita Adrian. Der hilft dem Team nun, die Vorgänge im See besser zu verstehen. Die Forscher interessiert vor allem die Frage, was sich verändert, wenn das Wasser im Zuge des Klimawandels immer wärmer wird. Das IGB arbeitet daher im internationalen Netzwerk Gleon (Global Lake Ecological Observatory Network) mit, das die Veränderungen der Seen weltweit dokumentiert.

Warm wie in Verona

Und dabei zeigt sich, dass auch die Gewässer in Berlin und Brandenburg einem großräumigen Trend folgen: Das Wasser an ihrer Oberfläche wird immer wärmer. So sind die Wintertemperaturen im Müggelsee zwischen 1976 und heute um durchschnittlich ein Grad Celsius angestiegen. Im Frühjahr klettern die Temperaturen inzwischen um 2,4 und im Sommer um 2,5 Grad Celsius höher. In ähnlicher Größenordnung haben sich der Bodensee und nordamerikanische Seen wie der Lake Tahoe erwärmt.

In all diesen Gewässern bricht das Eis im Frühling inzwischen zwei bis drei Wochen früher auf als vor wenigen Jahrzehnten. Ein Ende dieser Entwicklung scheint noch nicht in Sicht zu sein. So blieb der Müggelsee zwischen 1976 und heute in rund acht Prozent der Jahre ganz eisfrei. Bis 2100 könnten es Modellrechnungen zufolge 73 Prozent sein. „Das ist etwa so, als würde man das Gewässer von Berlin nach Verona verschieben“, sagt Rita Adrian.

Solche Entwicklungen aber verändern die Lebensbedingungen in einem See massiv. Gerade das Aufbrechen des Eises ist für Wasserbewohner ein wichtiger Zeitpunkt. Ohne den gefrorenen Panzer fällt mehr Licht in die Tiefe, der Wind wirbelt die Wasserschichten durcheinander, so dass Nährstoffe vom Grund an die Oberfläche kommen.

Und damit fällt der Startschuss für die Entwicklung der Algen – für den See hat der Frühling begonnen. Er hält sich aber immer weniger an den Kalender. Die Frühjahrs-Algenblüte setzt heute um bis zu vier Wochen früher ein als noch in den 80er-Jahren. Auch das Zooplankton, das sich von den Algen ernährt, hat den Höhepunkt seiner Entwicklung um etwa einen Monat vorverlegt. „Dieser Trend scheint die gesamte gemäßigte Klimazone auf der Nordhalbkugel erfasst zu haben“, sagt Rita Adrian.