Berlin - Neulich las ich irgendwo in den sogenannten sozialen Medien, in Berlin grüßten sich die Leute nicht auf der Straße. Vielen gefiel das, obwohl es ja, wenn es denn stimmte, eigentlich kaum jemandem gefallen sollte. Mir gefiel es nicht, weil ich finde, dass es einfach nicht stimmt. Nicht nur im Lieblingsblumenladen. Eine Frau und ich wollen gleichzeitig eintreten. Unser beider „Hallo“ und „Guten Tag“ mischt sich lustig in das Kuddelmuddel, das entsteht, wenn zwei gleichzeitig auf engem Raum dasselbe tun wollen.

Am Ende, das zugleich ein Anfang ist, öffnet sie die Tür, und ich trete zuerst ein. Drinnen empfängt uns der vertraute Duft von feuchtem Grün und mehrere „Hallos“ und „Guten Tags“, teils gemurmelt, teils geflötet. Zwei Kundinnen mit sehr genauen Vorstellungen und ein unschlüssiger Mann werden gerade von drei Floristinnen mit buntem Glück versorgt.

Bei dem Mann könnte es sich auch um eine bunte Entschuldigung handeln, so wie der guckt. Seine Ratlosigkeit scheint nicht nur die Wahl des Straußes zu betreffen. Aber er ist in guten Händen. Die Blumenhändlerin weiß sichtbar schon mehr und zupft, windet und arrangiert mit kundigen Händen Stängel, Blüten und Gräser.

Der Mann hält mir die Tür auf 

Auch ich weiß noch nicht so recht, wie mein Strauß aussehen soll, finde das aber kein bisschen schlimm. Es gibt kaum Schöneres, als zuzusehen, wie etwas wächst, von dem man gar nicht wusste, dass man es genau so wollte.

Während ich warte, beugt sich eine der Floristinnen nach unten, betrachtet die Unterseite einer prachtvollen weißen Blüte und ruft aus: „So würde ich auch gerne von unten aussehen!“ Alle lachen.

Mein Strauß ist fertig und eine Wucht. „Gott ist der schön“, entfährt es mir, wie jedesmal. Die Künstlerin, die ihn fertigte, fragt: „Verschenkste oder behältste?“ Das frage ich mich auch plötzlich und nehme vorsichtshalber noch einen kleinen, bereits fertig gebundenen mit. „Auf Wiedersehen!“ „Tschüß.“ „Auf Wiedersehen!“ geht es durcheinander.

Der ratlose Mann hält mir die Tür auf. Bei mir ging es schneller, aber ein Geburtstagsstrauß braucht eben nicht so lange wie einer für Momente, in denen sonst nichts mehr hilft.

Für den Duft der Freundlichkeit muss man schon rausgehen 

Auf dem Weg nach Hause grüßt ein etwas Verlotterter von einer Bank. Eine Nachbarin, die ich nicht kenne, nur vom Sehen. Die Postbotin. Ich glaube nicht, dass es an den zwei Blumensträußen liegt, nur ein bisschen an meinem frohen Gesicht, und bin jetzt mal pingelig: Wenn angeblich keiner grüßt, also wirklich niemand, dann wäre es doch an dem, der das als Erster merkt und moniert, damit anzufangen. Denn er oder sie hat ja offenbar auch nicht gegrüßt.

Sollte er oder sie es aus Angst, allen anderen damit einen Schrecken einzujagen, nicht tun, reicht ein offener Blick oder ein versuchsweises Lächeln. Vorher Blumen kaufen hilft auch. Von denen gibt es zwar in den sogenannten sozialen Medien reichlich. Aber für den Duft der Blumen und den Klang der Freundlichkeit muss man schon rausgehen. Auch in Berlin.