Bettina Jarasch, designierte Spitzenkandidatin der Berliner Grünen für die Abgeordnetenhauswahl, während der Pressekonferenz zu ihrer Vorstellung als Spitzenkandidatin der Berliner Grünen für die Abgeordnetenhauswahl im kommenden Jahr. 
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Berlin Die Berliner Grünen wollen überraschend mit Bettina Jarasch als Spitzenkandidatin und damit als Kandidatin für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin in die Abgeordnetenhauswahl im nächsten Jahr gehen. Die 51-jährige Abgeordnete und frühere Landesvorsitzende Partei wurde am Montag vorgestellt, am 28. November soll sie auf einer Landesdelegiertenkonferenz zur Kandidatin gewählt werden. Damit kommen die Grünen allen Mitbewerbern zuvor, bei denen diese Personalie noch nicht feststeht.

„Ich will die Grünen in den Wahlkampf führen und Regierende Bürgermeisterin werden“, sagte Jarasch am Montag. „Ich will als Regierende Bürgermeisterin Verantwortung für unsere Stadt übernehmen und Berlin mit allen Zukunftskräften der Gesellschaft gestalten.“ Zentrale Themen seien für sie, die Verkehrswende voranzutreiben, den Klimaschutz zu stärken, sozialen Wohnraum und lebendige Quartiere zu fördern, die Transformation der Wirtschaft zu verstetigen und damit Arbeitsplätze zu sichern sowie breite Bündnisse für Demokratie und Menschenrechte zu schmieden und „die Vielfalt zu verteidigen“. In die Partei gerichtet sagte Jarasch, sie verstehe sich als integrative Kraft.

Die Grünen sehen für 2021 eine historische Chance, wie sie sagen. Schließlich schneiden sie seit langer Zeit bei allen Meinungsumfragen regelmäßig als stärkste Kraft in Berlin ab. Erstmals scheint das Rote Rathaus realistisch greifbar.

Zuletzt hatte Renate Künast ähnliche Ambitionen. Im Oktober 2010 überholten die Berliner Grünen die SPD in Umfragen und wurden als stärkste Partei bei der Wahl 2011 prognostiziert. Am 5. November 2010 verkündete Künast auf einer informellen Mitgliederversammlung der Berliner Grünen, dass sie für das Amt der Regierenden Bürgermeisterin kandidieren wolle, zwei Tage später stellte der Landesparteitag sie offiziell als Kandidatin auf. Künast stellte gleichzeitig klar, dass sie nur als Regierungschefin zur Verfügung stünde, nicht jedoch für andere Funktionen in der Berliner Landespolitik. Bei der Wahl am 18. September 2011 erhielten die Grünen 17,6 Prozent der abgegebenen Stimmen. Damit bleiben sie weit hinter der SPD und der CDU zurück, Klaus Wowereit blieb Regierender Bürgermeister.

Um diese neue Gelegenheit nicht zu gefährden, wurde die Frage nach der Spitzenkandidatur zuletzt immer drängender. Die Befürchtung war, dass sich die beiden Alpha-Frauen bei den Grünen, Wirtschaftssenatorin und Bürgermeisterin Ramona Pop und Co-Fraktionschefin Antje Kapek, einander gegenseitig blockieren würden. Beide liefern sich seit langer Zeit ein Kopf-an-Kopf-Rennen auch in der Außendarstellung. Es wurde zunehmend schwerer vorstellbar, dass eine der beiden ohne Gesichtsverlust zugunsten der anderen einen Schritt zurück machen könnte. Also gingen Pop und Kapek diesen Schritt gemeinsam.

Nach eigenen Worten wurde Bettina Jarasch „vor einiger Zeit“ von Kapek und Pop angesprochen. Da habe sie nicht lange überlegen müssen und zugesagt.

Antje Kapek über Bettina Jarasch: entscheidungsstark und charismatisch

Bestärkt fühlte sich Jarasch nach eigenen Worten durch die Erfahrungen, die sie vor allem in den Jahren als Landesvorsitzende der Berliner Grünen von 2011 bis 2016 gesammelt habe. „Ich habe die Partei geeint und sie nach langen Jahren in der Opposition erfolgreich in die Regierung geführt“, sagte sie. Und: „Ich bin als Brückenbauerin bekannt.“

Ramona Pop sagte am Montag bei Jaraschs Vorstellung, dass sie mit Antje Kapek „gemeinsam seit gewisser Zeit in Beratung“ gewesen sei. Nun hätten sie selbst und Kapek sich „als Teamplayer in den Dienst der Sache“ gestellt. Bettina Jarasch bilde „die gesamte Bandbreite der Partei“ ab. Sie freue sich auf einen „tollen gemeinsamen Wahlkampf“, sagte Pop, „wir wollen gemeinsam die Partei rocken“. Im Übrigen, so Pop, sei sie in ihrem Amt als Wirtschaftssenatorin „gut ausgelastet“.

Ob sie sich in einem möglichen neuen Senat unter oder neben Jarasch sehe, mochte Pop am Montag nicht sagen. „Ich mache meinen Job gerne. Aber darüber, wie es weitergeht, entscheiden unter anderem die Wählerinnen und Wähler.“

Antje Kapek sagte bei der Präsentation von Jarasch, Ramona Pop und sie hätten jeweils ihre „individuellen Interessen zurückgestellt“. Sie sei sich sicher, dass Jarasch die geeignete Kandidatin sei, so Kapek. Sie haben schon in der Vergangenheit „die Lager zusammengeführt und die Gräben überwunden“, sagte sie. Dabei sei es auch nicht entscheidend, dass sie noch keine Regierungserfahrung habe. „Wichtig ist, dass die Kandidatin entscheidungsstark ist, Charisma und vor allem einen Plan davon hat, wo sie mit dieser Stadt hinwill.“ All das treffe auf Bettina Jarasch zu, so Kapek.