Es geschah an einem frühsommerlichen Mittwochabend, in einem dezent heruntergerockten Hinterhofhaus, das ebenso gut Tempel hätte sein können wie Technokathedrale, tatsächlich aber ein Restaurant war. An einer langen Tafel saßen schöne, stilvoll gekleidete Native Speaker.

Wie sich herausstellte, waren sie Angestellte einer Firma, die schrecklich teure, aber wirklich tolle Unisexparfums herstellt. Einer der Männer trug eine Art Lederrock. Das vegane Menü wurde um eine alkoholfreie Teebegleitung ergänzt, auch die Teesommelière sprach Englisch. Raten Sie mal, in welcher Stadt sich diese Szene zutrug? Richtig, es war in Berlin.

Seit genau einem Jahr habe ich meinen Lebensmittelpunkt von dort nach Wien verlagert und darüber auch recht ausführlich unter der Überschrift „Warum ich mein Leben im hässlichen Berlin aufgab und ins paradiesische Wien zog“ in dieser Zeitung berichtet. Zeit also für eine Zwischenbilanz.

Florian Reimann
Zur Autorin

Eva Biringer, geboren 1989 in Albstadt-Ebingen, hat Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft in Berlin und Wien studiert. Angefangen zu schreiben hat sie als Theaterkritikerin für nachtkritik.de und Die Welt. Sie war Redakteurin bei Zeit Online, danach freie Autorin. Heute schreibt sie unter anderem für Die Welt am Sonntag, Der Standard, Zeit Online, Die Welt und Berliner Zeitung über Stil- und Kulturthemen. Sie lebt in Wien und Berlin.

Wien ist ein Dorf, im Guten wie im Schlechten

Die eingangs beschriebene Szene hätte aus verschiedenen Gründen so nicht in der österreichischen Hauptstadt stattfinden können. Hinterhöfe beherbergen hier weder Food- noch Technokathedralen, sondern Mülltonnen. Fremdwörter sind nicht der englischen Sprache entlehnt, sondern dem Vorarlberger, Kärtner oder Tiroler Dialekt.

Auch das Wienerische hat einiges zu bieten, Kiberer beispielsweise heißt Polizist und Scheibtruhe Schubkarren. Es wohnen schon auch Menschen aus anderen Ländern hier, aber sie bleiben entweder unter sich (gilt auch für viele Deutsche) oder machen Sprachkurse. Männer tragen keine Röcke, sondern Hosen, manchmal sogar solche aus Leder, und wer im Restaurant nach einer Teebegleitung fragt, kriegt wahrscheinlich einen Beutel Pfefferminztee. Während Berlin kosmopolitisch ist, großkotzig und verwegen, wie eine ältere Schwester, die einen zu Dummheiten anstiften will, ist Wien der Nachzügler mit gebügelter Bluse und Schleife im Haar. Anders ausgedrückt: ein Dorf, im Guten wie im Schlechten.

Herrliche Szene im ach-so-anarchistischen Friedrichshain

Das fängt bei den Öffnungszeiten an. Versuchen Sie mal, Freitagabend nach zwanzig Uhr im Wiener Stadtzentrum noch ein Bio-Ei zu kaufen, könnte schwierig werden. Spätis gibt es nicht. Selbst auf der Mariahilfer (Insider lassen die -straße weg), dem kleingeistigen Ku‘damm-Pendant, ist samstags um achtzehn Uhr Schluss. Wobei man im Umkehrschluss in Berlin vor acht Uhr morgens nichts zu essen bekommt, wie ich kürzlich bei einem Heimatbesuch feststellen musste. Hipsterbäckerei zu, Hipstercafé zu.

Herrliche Szene im ach-so-anarchistischen Friedrichshain: Eine Frau mit Maske wartet geduldig im Eingangsbereich des Biosupermarkts, bis es acht Uhr ist. Als ein Maskenloser einfach in den zugegeben bereits offenen Supermarkt hineinspaziert, echauffiert sie sich furchtbar über dieses „arschige Verhalten“. Ich bin unschlüssig und hungrig. Als noch ein Typ an uns vorbeirauscht, beginne auch ich, Dinkelflocken in den Einkaufskorb zu legen. Sorry, meine brave Zwillingsschwester habe ich in Wien gelassen – wo es wiederum völlig akzeptiert ist, angesichts einer vertretbar-kurzen Schlange quer durch den Laden „zweite Kassa“ zu schreien, und zwar ohne „Bitte“.

Die Österreicher und ihre Liebe in Mailabschlussformeln

Jenseits der Supermarktschlange finde ich die Wiener nach wie vor nett. So lange man jedenfalls als Deutsche nicht auf die Idee kommt, einen Stuhl, pardon Sessel, zu reservieren, auch nicht, wenn man nur kurz zum Kaffeeholen nach drinnen geht. „Wie die Poolliegen auf Mallorca“, diesen Satz habe ich bereits mehrmals gehört, dabei fahren die Österreicher doch viel eher nach Zadar oder Jesolo oder an den Millstätter See. Sonst sind aber wirklich alle sehr nett. In sprachlicher Hinsicht wird man regelrecht mit Liebe überschüttet.

Nicht nur mein Vermieter unterschreibt seine Mails, wie ich im letzten Text berichtet habe, mit „Alles Liebe“, sondern auch Podcasterinnen und nicht gendernde Chefredakteure von Alte-weiße-Männer-Medien. Auch beim Abschied ruft man sich gerne „Alles Liebe“ zu, was ich schön finde, aber gleichzeitig merke, wie eine ursprünglich für den inner circle vorgesehene Formulierung ausbleicht wie ein am Pool vergessenes Handtuch (ich weiß nicht, ob sich irgendjemand auf der Welt ähnlich viele Gedanken über Mailabschlussformeln macht wie ich).

Typen, die sich mit einem Beaglewelpen fotografieren

Wo wir schon bei der Liebe sind: Sex haben heißt auf Wienerisch pudern und Daten macht hier leider nicht so viel Spaß. Die Behauptung „Alle meinen es immer ernst, sogar bei Tinder“ würde ich gerne zurücknehmen. Mit der üblichen fünfjährigen Verzögerung hat das Phänomen Ghosting jetzt nämlich auch Österreich erreicht. Am schlimmsten sind die, die bei Bumble als Interesse „Empathie“ und „Feminismus“ angeben. Einer dieser Empathisten glänzte mit einem Gesprächsanteil von 98 Prozent. Wenn ich doch mal etwas sagte, kommentierte er es stets auf dieselbe Weise, indem er den Kopf schieflegte und „voooooll schön“ säuselte. Er kam allerdings aus Hamburg.

Meistens ist das Problem aber eher die fehlende Auswahl. Immer wieder kommt es vor, dass mir dieselben Männer drei-, viermal vorgeschlagen werden, oder solche, die in Graz wohnen, weil der Fünfzehn-Kilometer-Radius offenbar erschöpft ist. Diesen klassischen Berliner-Irgendwas-mit-Medien-Typ, der tagsüber mit dem Rennrad zum Acne-Store brettert und nachts in der Panoramabar tanzt, sucht man hier vergebens.

Stattdessen tummeln sich in den Dating-Apps auffallend viele Anzugtypen mit Champagnerglas oder solche der Kategorie „Easy-going Landbursche“, dann gerne beim Bouldern/Wandern/Kiten. Oder Typen, die glauben, es reicht schon, wenn sie sich mit einem Beaglewelpen fotografieren.

Seit wann können die Deutschen kochen?

Den Vorwurf des Mittelmaßes muss ich leider auch an die hiesige Gastronomie richten. Gerade hat von reichlich medialer Skepsis begleitet das erste vegane Fine-Dining-Restaurant eröffnet. Was hingegen aktuell richtig gut läuft, sind Poké Bowls und Ramen (wobei ich auch überrascht bin über die Tatsache, dass in der Torstraße im Jahr 2022 Matcha-Shops aufmachen).

O-Ton Rainer Nowak, einer der einflussreichsten Gastrojournalisten des Landes: „Die Moden kommen und gehen spät in Österreich“. Immerhin hatte ich in einem solchen Ramen-Laden einen der wenigen erhebenden kulinarischen Momente der letzten Zeit, ich würde sogar sagen, es gab dort die beste japanische Suppe, die ich je hatte. Gekocht wird sie von zwei Nürnbergern, was der Kritiker der Tageszeitung Der Standard unter der Überschrift „Der Piefke-Faktor“ wie folgt kommentierte: „Schon wieder stürmen die Wiener ein von Deutschen bekochtes Restaurant. Also echt: Seit wann können die denn kochen?“

Nach einem Jahr Wien stehe ich allem skeptisch gegenüber, was irgendwie nach Trend schmeckt. Am glücklichsten wird man hier in den gut geführten Neo-Wirtshäusern, dem Reznicek beispielsweise oder dem Brösl, mit wunderbaren Mehlspeisen und, wenn es denn sein muss, dem obligatorisch von allen Berlinbesucherinnen verlangten Schnitzel. Ausnahme-Fine-Dining gibt es schon auch, bei Mraz & Sohn oder Pramerl & the Wolf, aber dass hier alle paar Wochen ein neuer gastronomischer Stern am Firmament aufgeht, ist leider nicht der Fall.

Noch ein Wermutstropfen, literally, ist die Tatsache, dass Alkoholkonsum in Österreich noch viel weniger problematisiert wird als in Deutschland. Aus vertrauenswürdigen Quellen weiß ich, dass nicht mal eine sichtbare Schwangerschaft als Ausrede gilt („ein Achterl geht sich schon aus!“) und aus eigener Erfahrung, dass einige Wirte wenig mehr zu bieten haben als Soda-Zitron.

In Wien bin ich wohl jetzt so richtig angekommen

Erst neulich hat mir ein solcher Wirt in einem ansonsten meinen Geschmack treffenden Gasthaus die Weinkarte hingelegt, nachdem ich verkündet hatte, keinen Alkohol zu trinken. Der Wiener Ex-Bürgermeister macht Werbung für Österreich Wein.

All das soll nicht über die vielen Vorzüge hinwegtäuschen, die meine neue Heimatstadt noch immer hat. Pünktliche öffentliche Verkehrsmittel zu verlockenden Preisen: Das Wiener-Linien-Jahresticket kostet 365 Euro, und für 999 Euro kann man ein Jahr lang bundesweit alle Verkehrsmittel nutzen. Bänke, so viele Bänke, auf denen die Leute mitten am Tag sitzen, weil kaum jemand sich burnoutet wie in Berlin.

Die Tatsache, dass man ruckizucki einen Facharzttermin bekommt und nette Männer einem beim Tragen von Kombuchakartons helfen, ganz ohne Puderabsicht. Niemals überquellende Mülltonnen, pardon Mistkübel. Das Abendlicht in meinem staffelmietfreien Wohnzimmer. Überhaupt das großartige Wetter, das, nebenbei bemerkt, jeden Tag aufs Neue von einer Stadtzeitung in Grund und Boden kritisiert wird. An einem meinem Empfinden nach perfekten Frühsommertag zum Beispiel so: „Also, Hochsommer muss jetzt echt noch nicht sein. Am Wochenende dann nicht mehr ganz so heiß, dafür aber sehr windig. Können wir bitten den Frühling zurückhaben?“

Oder so: „Wir spüren eine leichte Tendenz des Wetters, mit fortschreitender Woche immer unangenehmer zu werden.“ Je länger ich über diese „Wetterkritiken“ (Betonung auf Kritik) nachdachte, desto klarer wurde mir, was die Bewohnerinnen und Bewohner meiner Wahlheimat ausmacht, nicht komplett natürlich, aber doch zu einem essenziellen Teil: das Motzen, Meckern, Nölen, das Beklagen der Missstände der Welt im Allgemeinen, aber vor allem ihre Stadt betreffend, was auf Wienerisch Sudern heißt. Insofern bin ich jetzt wohl jetzt so richtig angekommen.

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