„Der ganze alte Schrott muss raus / und neuer Schrott muss rein“, singen Element of Crime.
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BerlinWie viele andere haben wir die Zeit zu Hause im Frühjahr genutzt, um zu entrümpeln. Alte Klamotten, stockfleckige Balkonstühle, der Schulranzen aus der ersten Klasse: Alles sollte weg. Platz in der Wohnung – Platz im Kopf, so weit der Plan. Angesichts langer Schlangen vor den Einfahrten der Wertstoffhöfe beschlossen wir jedoch, die endgültige Entsorgung auf den Spätsommer zu verschieben und trödelten erst mal den Keller voll.

Letzte Woche war es dann so weit. Das kleine Auto ist bis unter das Dach gefüllt. Wehmut mischt sich mit der kurz bevorstehenden Erleichterung. Ein alter Schulranzen ist eben nicht nur ein Stück bunter Kunststoff, sondern ein Lebensabschnitt. Ihn wegzuwerfen bedeutet auch, das zu tun, was das Kind schon lange hinter sich hat: damit abschließen und weitergehen. Die Balkonstühle sind älter als der Teenager. Wie viele Pos wohl darauf gesessen haben? Wie viele Gläser Wein auf ihnen geleert wurden?

Doch Augen zu und durch. Etwas leichter macht es uns der Mitarbeiter der Berliner Stadtreinigung, der uns bestgelaunt den Weg zwischen den riesigen orangefarbenen Containern weist. Er trägt nicht nur BSR-Keidung, sondern hat auch seine Haare passend gefärbt. Fährt ein Auto vor, beugt er einen orangefarbenen Irokesenkopf zum Beifahrer hinab. Eine stattliche Wampe fällt dabei nach vorne und widersteht erstaunlicherweise der Erdanziehungskraft. Er zeigt uns den Weg zu Sperrmüll, Elektroschrott und Alt-Textilien und winkt den Nächsten heran.

Elektroschrott. Was da alles drinliegt. Fernseher, Waschmaschinen, Ventilatoren, Bildschirme, Föne. „Der ganze alte Schrott muss raus / und neuer Schrott muss rein“, singen Element of Crime und singen auch von diesem Ort, an dem sich die Perversion des Kapitalismus in ihrer ganzen Pracht zeigt. Kaufen, um wegzuwerfen, erwerben, um loszuwerden, jagen, um zu entsorgen, so lautet das Gesetz des Kreislaufs, der uns hierher und die Erde in Kürze in die Knie zwingt.

Beim Sperrmüll angekommen, werfe ich die Stühle mit Verve zwischen Sessel, Körbe und Teppiche und lasse den Schulranzen gleich hinterhersegeln. Es fühlt sich köstlich an, alle Wehmut ist dahin. Dabei mag ich Dinge. Die Wohnung ist voll von Erinnerungen, Büchern, die für bestimmte Lebensabschnitte stehen, Koffern und Kisten voller Post, Stehrumchen und Souvenirs. Der Unterschied: Diese Gegenstände sind schön, fühlen sich gut an, haben etwas zu erzählen. Die Geschichte der ersten Grundschuljahre hingegen ist auserzählt.

Auch die des Flachbildschirms, auf dem der Ranzen landet? Eine blitzende Riesenzange greift jetzt tief in den Hausrat und zerdrückt den Plunder zu Konsummatsch. Das bleibt also am Ende von den Einkäufen. Ich denke, der Bildschirm war zu klein, das Sofa nicht mehr chic, der Teppich irgendwie aus der Zeit gefallen. Also muss was Neues her, die Keller sind ja wieder leer. Das reimt sich, und was sich reimt, ist gut. Sagt Pumuckl, und der hat eigentlich immer recht. In diesem Falle irrt der Klabautermann. Das hier ist nicht gut. Unser Keller bleibt jetzt leer und die nächsten Balkonstühle werden welche für die Ewigkeit sein. Pumuckl-Ehrenwort.