BerlinUrsprünglich sollte es im Sommer losgehen. Doch nun zeichnet sich ab, dass es länger dauern wird, bis die ersten Züge mit Fahrgästen fahren. Berlin bekommt eine neue S-Bahn-Strecke – doch die Inbetriebnahme verzögert sich, sagte ein Sprecher der Deutschen Bahn (DB) der Berliner Zeitung. Die neue Verbindung zwischen Gesundbrunnen und Hauptbahnhof geht erst im letzten Quartal 2021 in Betrieb, teilte er auf Anfrage mit.

Es geht um ein Verkehrsprojekt, von dem die Berliner bislang wenig Notiz genommen haben – das aber wichtig für die Stadt sein wird, wenn nach Corona die Fahrgastzahlen wieder in die Höhe gegangen sind. Um  Kapazitäten zu schaffen und neue Verbindungen zu ermöglichen, soll in der Mitte der Stadt eine zweite Nord-Süd-S-Bahn entstehen. Die Trasse vom Nord- zum Südring soll auch dazu dienen, den Umsteigeknoten Friedrichstraße zu entlasten und die Erreichbarkeit des Hauptbahnhofs zu verbessern.

Grafik: BLZ/Galanty

S-Bahn setzt ihre modernsten Züge ein

Der erste, 3,9 Kilometer lange Abschnitt ist seit einem Jahrzehnt im Bau. Er führt vom Ringbahnhof Wedding nach Süden und taucht kurz vor dem Hauptbahnhof in einen Tunnel ab. Ein Abzweig zum S-Bahnhof Westhafen gehört dazu.

Nördlich der Invalidenstraße entsteht im Untergrund ein 75 Meter langer Behelfsbahnsteig, von dem aus die Passerelle unter dem Hauptbahnhof barrierefrei per Aufzug erreichbar ist. Er wird die vorläufige Endstation der neuen Linie S15 sein, die den Bahnhof Gesundbrunnen mit dem Hauptbahnhof verbindet. Auf dem ersten Teilstück der Nord-Süd-Route sollen vier-Wagen-Züge des neuesten S-Bahn-Typs verkehren. Es sind Vertreter der Baureihe 483/484, die am 1. Januar erstmals eingesetzt werden soll.

„Die Strecke ist im Sommer 2021 fertig“, sagte der Bahnsprecher. Das heiße aber nicht, dass dann sofort der Fahrgastbetrieb beginnen kann. „Es folgt das übliche Prozedere, also Abnahmefahrten, Probebetrieb und Erlangung der Streckenkenntnis durch die Triebfahrzeugführer“, hieß es. Absehbar sei: „Der Abnahmeprozess bis zur Aufnahme des Zugbetriebes mit Reisenden gemäß Fahrplan wird sich voraussichtlich Corona-bedingt bis in das vierte Quartal 2021 verschieben.“ Die Pandemie hat dazu geführt, dass Firmen Projekte verschieben und zeitweise mit verminderter Kapazität arbeiten mussten, so ein DB-Mitarbeiter. Das wirke sich aus. Spätestens zum Fahrplanwechsel Mitte Dezember 2021 soll es auf der neuen Strecke losgehen, heißt es.

Baugrube vor dem Brandenburger Tor

Es ist nicht die erste Verzögerung bei dem Projekt, das lange Zeit bahnintern unter der Planungsbezeichnung S21 firmierte – bis die DB den Namen wegen der Anklänge an das kritisierte Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 in City-S-Bahn änderte. Erste Bauarbeiten hatten 2010 begonnen, damals wurde der Tunnelrohbau unter der Invalidenstraße in Angriff genommen. Zeitweise hieß es, dass die erste S-Bahn 2017 fahren kann, aber dann gab es mehrere Terminverschiebungen. Auch die Projektleiter wechselten.

Mit einem besonders gravierenden Problem wurden Planer und Bauleute Ende 2015 konfrontiert. Im Bereich der Tunnelbaugrube unter der Minna-Cauer-Straße drang zu viel Grundwasser ein, die Arbeiten an der S-Bahn-Trasse wurden unterbrochen. Um die von unten eindringende Feuchtigkeit in Schach zu halten, kam Technik zum Einsatz, die bisher vor allem beim Bau von Ölplattformen eingesetzt wurde. Ein ferngesteuerter Tauchbagger einer norwegischen Firma wirbelte mit einer Fräse Erdreich auf, der Schlamm wurde abgesaugt, Bodenpartikel wurden vom Wasser getrennt. Danach konnte eine feste Sohle betoniert werden, und der Zustrom wurde gestoppt.

Noch schwieriger als der erste Bauabschnitt dürfte das zweite, 1,9 Kilometer lange Teilstück werden, das den Hauptbahnhof unterirdisch mit dem Potsdamer Platz verbinden soll. Geschätzte Bauzeit: sechs Jahre. Der Tunnel, der von einer Schildvortriebsmaschine gebohrt werden soll, unterquert die Spree, dann teilt er sich auf. Eine Röhre führt westlich, die andere östlich um das Reichstagsgebäude herum.

Die Strecke wird nicht nur am Sitz des Bundestags, sondern auch an der US-Botschaft vorbeiführen. Vielerorts sind andere unterirdische Bauwerke im Weg. Und so wird die City-S-Bahn dort zu einer kurvigen Berg-und-Tal-Bahn werden. Vor dem Brandenburger Tor wird eine Baugrube klaffen. Um den Anschluss an den jetzigen, 1939 fertig gestellten Nord-Süd-Tunnel herzustellen, muss dieser zentrale Abschnitt der S-Bahn-Linien S1, S2, S25 und S26 mindestens 22 Monate gesperrt werden.

Nachdem die Streckenführung rund um das Reichstagsgebäude klar zu sein schien, gab es in diesem Jahr erneut Diskussionen. Die Tunnelbaustelle käme dem Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma zu nahe, hieß es. Deshalb musste die DB ihre Planer erneut in die Spur schicken. „Wir sind in guten Gesprächen“, so der Bahnsprecher.