Unzählige Schausteller demonstrierten am Donnerstag in Köpenick.
Foto: Berliner Zeitung / Gerd Engelsmann

BerlinMit Lkw fuhren sie am Donnerstag durch Köpenick, um auf ihre prekäre Situation und ihre Existenzängste aufmerksam zu machen: Berlins Schausteller. Sie wollen, dass sich ihre Karussells wieder drehen, damit sie wieder Geld verdienen können. Doch Volksfeste gibt es wegen der Corona-Pandemie noch immer nicht. Auf der Kundgebung gab es dann einen spannenden Vorschlag, der sogar bei Bezirksbürgermeister Oliver Igel Anklang fand.

Öffnet der Spreepark bald wieder seine Pforten? Der einstige Vorzeige-Vergnügungspark der DDR, der seit Jahren verfällt, soll zu einem Kunst-Park werden – nun könnte alles doch etwas schneller gehen als gedacht. Zumindest, wenn es nach Berlins Schaustellern geht. Recht spontan kam bei der Kundgebung nach ihrer Demonstration vor dem Rathaus Köpenick ein Vorschlag auf den Tisch: Wäre es nicht möglich, den Karussell- und Budenbetreibern der Stadt im stillgelegten Spreepark kurzfristig Flächen anzubieten, einen Freizeitpark auf Zeit zu installieren?

Oliver Igel, der Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick, reagierte angetan. „Ich finde den Vorschlag sehr charmant. Wir bemühen uns seit Jahren darum, dass dort wieder etwas passiert, dass endlich wieder Angebote für Familien gemacht werden“, sagt er. Die Entscheidung müsse auf Landesebene erfolgen, weil das Gelände von der Grün Berlin GmbH verwaltet wird. Seine Türen seien, sagt Igel, für Gespräche offen.

Gibt es also bald wieder Rummel im Plänterwald? „Warum nicht? Man ist dort schon relativ weit, was die Beräumung und die Herrichtung des Geländes betrifft“, sagt Igel auf Nachfrage der Berliner Zeitung. „Ich denke, dass es Möglichkeiten gibt, kurzfristig Flächen zu nutzen, vielleicht auch noch in diesem Jahr. Es wäre ein wichtiges Signal. Und ich war auch mehrfach da. Dort ist so viel Platz, so viel Wiese.“ 

Auf Nachfrage bei Grün Berlin verweist man an die Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz. Hier wird die naheliegende Idee, im Spreepark Raum für Schausteller zu schaffen, allerdings abgelehnt. Schon aus Sicherheitsgründen komme das Gelände nicht dafür infrage. „Die erhaltenen Fahrgeschäfte und Gebäude des früheren Vergnügungsparks, die für das künftige Nutzungskonzept des Spreeparks mit einer Verbindung von Kunst und Natur erhalten bleiben sollen, müssen verkehrssicher hergerichtet werden“, teilt Sprecherin Dorothee Winden mit. Derzeit sei das Betreten des Geländes nur im Rahmen von Führungen möglich.

Bernhard Schaffelt (38) mit seiner Tochter Kimberly (14) – ihr Karussell steht seit Monaten still.
Foto: Berliner Zeitung / Gerd Engelsmann

Für Berlins Schausteller wäre ein solcher Vorstoß aber eine Erleichterung – sie leiden unter den Corona-Einschränkungen. Am 2. Juli fuhren sie mit ihren Trucks durch Mitte, doch bisher tat sich nichts. Während anderswo Freizeitparks wieder eröffnen, mussten in Berlin alle Volksfeste ausfallen. „Wir haben ein Berufsverbot – und das schon seit Anfang des Jahres“, sagt etwa Karussell-Betreiber Bernhard Schaffelt (38). Viele, die ihr Geld mit Fahrgeschäften verdienen, müssten um ihre Existenz kämpfen. Das Problem: Die Schausteller sind oft nur in den warmen Monaten im Einsatz und erwirtschaften in dieser Zeit das Geld, um über den Winter zu kommen. Ein Polster, das in diesem Jahr fehlt. „Wir haben aber im vergangenen Winter natürlich unsere Fahrgeschäfte auf Vordermann gebracht, ich habe mein Kinderkarussell auf LED umgerüstet. Doch dann, als wir in die Saison gestartet wären, kam Corona. Die Ersparnisse sind jetzt aufgebraucht.“

Die Verzweiflung ist riesig, auch bei vielen Kollegen. Jacqueline Hainlein-Noack (58) betreibt ein Karussell namens „Breakdance“. „Viele Schausteller haben ihr letztes Geld bei den Weihnachtsmärkten im Dezember verdient“, sagt sie. „Einige hatten das Glück, dass sie mit ihren Imbiss-Buden auf Gewerbeparkplätze ziehen konnten, aber das können Kollegen mit großen Fahrgeschäften nicht.“ Seit 30 Jahren sei sie selbstständig, habe immer davon leben können. „Ich möchte mit meiner Hände Arbeit wieder Geld verdienen. Und die ganze Situation greift auch die Psyche an. Wir sind es gewohnt, die Menschen vom Frühjahr bis in den Dezember zu unterhalten. Aber jetzt fühlen wir uns nicht mehr gebraucht. Das ist wirklich schlimm.“

Jacqueline Hainlein-Noack betreibt ein Kult-Karussell, ihr Neffe Philipp Noack verkauft Süßigkeiten – beide wollen endlich wieder arbeiten.
Foto: Berliner Zeitung / Gerd Engelsmann

Man habe bereits Hygienekonzepte entwickelt, alles durchdacht. Besucherführung, Desinfektion der Fahrgeschäfte, Maskenpflicht – all das sei auch auf einem Rummel umsetzbar. Was bisher fehlt, ist ein Signal aus der Politik. Wichtig ist den Schaustellern, dass sie keine finanziellen Hilfen fordern. „Geld ist das eine. Aber eigentlich wollen wir nur unser Leben zurück“, sagt Thilo-Harry Wollenschlaeger, der in den vergangenen Jahren unter anderem das Deutsch-Amerikanische Volksfest organisierte. „Wir erwarten jetzt die großzügige Bereitstellung von Freiflächen. Warum kann man uns nicht ein kleines Areal auf dem Tempelhofer Feld überlassen? Es macht uns wütend, dass sich keine Lösung findet. Denn wenn man möchte, gibt es viele Möglichkeiten.“