Berlin - Corona hat dem öffentlichen Verkehr massiv geschadet. „Er hat in der Pandemie einen erheblichen Vertrauensverlust erlitten“, sagte Susanne Henckel, Geschäftsführerin des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB). „Das Unwohlsein hat sich stark ausgebreitet.“ Das ergab eine Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), die am Donnerstag vorgestellt wurde. Dafür waren Ende November und Anfang Dezember 1001 Berliner und 501 Brandenburger befragt worden.

In beiden Bundesländern gaben jeweils 60 Prozent der Teilnehmer an, dass sie sich im öffentlichen Verkehr „unwohler“ oder „deutlich unwohler“ als vor Corona fühlen. Dagegen fühlten sich 27 Prozent der Berliner Befragten im Auto „wohler“ oder „deutlich wohler“ als zuvor, im Land Brandenburg waren es 18 Prozent. Entsprechend stieg die Autonutzung an. Der Prozentsatz der Menschen, die ausschließlich auf das Auto setzen, nahm in Berlin von 25 auf 34 Prozent zu, in Brandenburg sogar von 42 auf 56 Prozent. Auf die Frage, ob sie den öffentlichen Verkehr wenn möglich meiden, antworteten 53 Prozent der befragten Berliner „trifft voll und ganz zu“ oder „trifft eher zu“. In Brandenburg summierte sich dieser Anteil sogar auf 57 Prozent.

Ticket für Berliner Teilzeitpendler noch in der Diskussion

Die Studie zeige alarmierende Trends, sagte Susanne Henckel. „Wir müssen es sehr ernst nehmen, dass sich Fahrgäste um ihre Sicherheit sorgen.“ Obwohl die Gefahr einer Corona-Ansteckung gering sei, wenn die Pflicht zum Tragen einer Maske eingehalten wird, konnte die Branche verloren gegangenes Vertrauen bisher offenbar nicht zurückgewinnen. Die Nachfrage im Regionalverkehr sei im Lockdown light ab November auf rund 40 Prozent des Vorjahresstands gesunken, sagte sie. Die Fahrgeldeinnahmen wiederum gingen im Jahr 2020 internen Prognosen zufolge um 21 Prozent zurück - rund 320 Millionen Euro. 2019 waren noch 1,531 Milliarden Euro in den Kassen gelandet.

Die Verkehrsunternehmen müssten alles daran setzen, das Vertrauen wiederzuerlangen, lautete die Forderung. Dazu gehöre es unter anderem, die Maskentragepflicht durchzusetzen. Auch darauf, dass viele Beschäftigte weiterhin im Homeoffice arbeiten wollen, müsse reagiert werden. Henckel sprach sich dafür aus, stärker für das bestehende Firmenticket zu werben. „Das ist ein tolles Angebot – auch für jene, die nur ein- oder zweimal pro Woche ins Büro fahren“, sagte sie. Je nachdem, wie viel Geld der Arbeitgeber zuschießt, ließen sich die monatlichen Kosten für den Arbeitnehmer unter 40 Euro drücken.

Außerdem werde über neue digitale Angebote nachgedacht. „Hier sind wir aber noch in der Diskussion.“ Wie berichtet, geht es dabei um den Plan, zum 1. August ein Ticket einzuführen, das auf die Bedürfnisse von Teilzeitpendler zugeschnitten ist. Damit dürften Fahrgäste den Berliner Nahverkehr innerhalb von 60 Kalendertagen acht-, zwölf- oder 20-mal jeweils 24 Stunden lang nutzen – für Preise zwischen 44 und 88 Euro. Damit wollen BVG und S-Bahn, die mehr als zehn Prozent ihrer Abo-Kunden verloren haben, Stammkundschaft zurückgewinnen. Im Land Brandenburg wird das Vorhaben allerdings kritisch gesehen.

Eine Absage erteilte die VBB-Chefin dem Vorschlag des Fahrgastverbands IGEB, den Preis für ein Jahresticket in Berlin drastisch zu senken – von mindestens 728 Euro auf nur noch 399 Euro. Der Preis lehnt sich an die Wiener Jahreskarte an, die 365 Euro kostet, allerdings ein kleineres Gebiet abdeckt. „Wir sprechen derzeit über einen weiteren Rettungsschirm“, entgegnete Henckel. Dabei lege der Bund Wert darauf, dass die Fahrgäste zur Finanzierung des Nahverkehrs angemessen beitragen. Dazu würde es nicht passen, Tickets einzuführen, die bezuschusst werden müssten. Für das von der SPD Berlin geforderte 365-Euro-Ticket würden den Verkehrsunternehmen jährlich bis zu 300 Millionen Euro entgehen.