Offener Machtkampf: Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) stellt sich gegen die Klinikleitung,
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PotsdamEine solche Krise hat es in der 264-jährigen Geschichte dieser renommierten Klinik wohl nur recht selten gegeben: Wegen eines massiven Corona-Ausbruchs mit einer sehr hohen Zahl von gestorbenen Patienten innerhalb des Ernst-von-Bergmann-Klinikums in Potsdam steht die Klinikleitung nun vor der Beurlaubung. Am Mittwochabend tagte der Hauptausschuss des Stadtparlaments, um darüber zu beraten.

Die Zustimmung gilt als recht sicher. Denn der Vorschlag zur Beurlaubung kommt vom Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) selbst. Seine rot-grün-rote Mehrheit im Stadtparlament wird sich im offenen Machtkampf zwischen dem Stadtoberhaupt und der Klinikleitung wohl kaum gegen den Verwaltungschef der Landeshauptstadt stellen.

Die sechsmonatige Beurlaubung von Klinik-Chef Steffen Grebner und der ärztlichen Geschäftsführerin Dorothea Fischer hatte der Aufsichtsrat der Klinik bereits am Dienstagabend nach einer mehrstündigen Krisensitzung empfohlen.  Gegen die Klinikleitung laufen bereits disziplinarrechtliche Verfahren, und die Staatsanwaltschaft prüft, ob Ermittlungen aufgenommen werden.

Oberbürgermeister Schubert war, wie die vorherigen Stadtoberhäupter, bis zum Herbst 2019 im Aufsichtsrat des stadteigenen Krankenhauses. Die Funktion übernahm dann die zuständige Gesundheitsbeigeordnete.

Von den landesweit knapp 100 Toten, die auch Corona hatten, sind allein etwa 60 in Potsdam gestorben, davon 40 im Bergmann-Klinikum. Umstritten ist, warum sich das Corona-Virus so massiv bei den Patienten und Mitarbeitern ausbreiten konnte.

Die Chefärzte stellten sich in einem Brief hinter die Klinikleitung. Ihre Argumentation: Nicht die Fehler der Klinikleitung seien schuld, sondern dass Deutschland derzeit „eine Pandemie ungeahnten Ausmaßes durch ein hochansteckendes Virus“ erlebe. Trotz dieser Sicht hatte, der Geschäftsführer bereits Fehler eingeräumt und eine Aufarbeitung und Konsequenzen versprochen.

Auch in der Stadtverwaltung heißt es, dass die Krankheit in Corona-Zeiten natürlich jederzeit von außen in jedes Krankenhaus eingeschleppt werden könne. „Die offene Frage ist aber, warum das so lange nicht erkannt wurde“, sagte Stadtsprecher Jan Brunzlow der Berliner Zeitung. „Eine Frage der Stadtverordneten ist: Warum konnte sich das Virus im Klinikum so lange ausbreiten?“

Die Stadtverwaltung sieht Defizite bei den gesetzlich vorgeschriebenen Meldeauflagen für ansteckende Krankheiten und hat auch die Staatsanwaltschaft eingeschaltet, weil bestimmte Coronafälle nicht rechtzeitig gemeldet wurden. „Von der Klinik liegt noch kein abschließender Bericht dazu vor“, sagte Brunzlow. „Auf den Bericht wartet das Gesundheitsamt, und auch das Gesundheitsministerium hat ihn eingefordert.“

Wenn Aufsichtsrat und Hauptausschuss beide die Beurlaubung empfehlen, wird Oberbürgermeister Schubert diese wohl am Donnerstag aussprechen. Einen neue Übergangsgeschäftsleitung soll dann die Arbeit jener Kommission unterstützen, die mögliche Fehler im Klinikum aufarbeiten soll.

Viele Defizite im Gesundheitswesen wurden nun erst durch Corona öffentlich bekannt. Doch die Gewerkschaften sehen den allgemeinen Pflegenotstand und den Personalmangel in Kliniken schon lange als ein großes Problem an. „Die Missstände bei der Personalausstattung im Bergmann-Klinikum prangern wir seit Jahren an“, sagte die stellvertretende Verdi-Landeschefin Susanne Feldkötter der Berliner Zeitung. Es gebe eine Initiative der Gewerkschaft namens „Mehr von uns ist besser für alle“. Sie sagt: „Eines ist klar: Mehr Personal bedeutet auch mehr Hygiene.“

In Potsdam gab es bereits ein Bürgerbegehren zum Personalmangel im Klinikum. Die Forderungen will die Stadt nun als Folge der Coronakrise doch übernehmen und will künftig wieder nach Tarif bezahlen.