Pop Up Radweg

Foto: Andreas Klug

BerlinFür Radfahrer sind auf der Kant- und der Neuen Kantstraße paradiesische Zeiten angebrochen. Wurden sie vorher von Kraftfahrern oft bedrängt und gefährdet, stehen ihnen jetzt auf den meisten Abschnitten eigene Fahrstreifen zur Verfügung. Doch weil sich neben den neuen Pop-Up-Radwegen Parkplätze befinden, bleibt für den fließenden Verkehr meist nur noch eine Spur pro Richtung. Vor Ampeln entstehen lange Warteschlangen, in denen auch die Linienbusse der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) feststecken. Bei dem Landesunternehmen ist man nicht glücklich über die neue Platzverteilung. „Wir bedauern, dass die BVG in die Planung nicht einbezogen wurde“, sagte Sprecherin Petra Nelken der Berliner Zeitung. „Wir beobachten die Situation und werden eine abschließende Einschätzung geben, wenn das Verkehrsaufkommen wieder ‚normal‘ ist.“

Der Straßenzug in Charlottenburg ist eine wichtige Busroute. Die stark frequentierten Linien X34 und M49 steuern relativ weit entfernte Ziele im Bezirk Spandau an, auf einem Teilstück ist auch der Kiezbus 309 unterwegs. Ein Mitarbeiter des Busbereichs hatte in seiner Freizeit die Muße, rund eine Stunde lang den Verkehr auf der Kantstraße zu beobachten. „In der Zeit habe ich ganze sechs Radwegnutzer gezählt. Davon fuhr einer noch entgegen der vorgegebenen Fahrtrichtung“, berichtet er. Der Auto- und Busverkehr sei viel stärker gewesen. „Ich möchte daran erinnern, dass die Busspuren auf dem Kurfürstendamm seinerzeit nur eingerichtet werden konnten, weil die Kantstraße als Ausweichstrecke ausgewiesen wurde“, so der BVG-er.

Wie berichtet, sind im Zeichen der Coronakrise auf mehreren Berliner Hauptverkehrsstraßen Radfahrstreifen provisorisch markiert und mit rot-weißen Warnbaken geschützt worden. So soll es Radfahrern ermöglicht werden, Abstand zu halten, hieß es. Die Pop-up-Radwege seien dort entstanden, wo ohnehin seit Jahren Radfahrstreifen geplant waren – oder wo das Mobilitätsgesetz mehr Platz für Radfahrer vorschreibt. Wie berichtet, sind rund elf Kilometer bereits markiert worden, weitere elf Kilometer seien in Arbeit.

Forscher stellen Umfrageergebnisse vor

Der Fahrgastverband IGEB hat bereits gefordert, die Belange des Nahverkehrs stärker zu berücksichtigen – was auf der Kantstraße nicht der Fall gewesen sei. Auch bei manchen Mitarbeitern des Landes Berlin stößt der Kurs von Verkehrssenatorin Regine Günther (Grüne) auf Skepsis. Es hätten sich „Radfahraktivisten“ durchgesetzt, die sich nicht für den Nahverkehr interessierten und keine Empathie für andere Lebensentwürfe hätten, hieß es. „Frau Günther stand bei den Grünen in der Kritik. Seitdem sie die Radfahraktivisten machen lässt, scheint ihr die Radfahrszene zugetan zu sein.“

Nun haben sich auch Wissenschaftler mit den neuen Pop-up-Radwegen in Berlin befasst. Das  Institut IASS Potsdam und die Technische Universität veröffentlichten die Ergebnisse einer nicht-repräsentativen Online-Befragung, an der zwischen dem 30. April und 10. Mai auch 1 661 Berliner teilgenommen haben. „Die höchste Akzeptanz zeigen wenig überraschend die Radfahrenden mit gut 94 Prozent Befürwortung“, sagte IASS-Sprecher Matthias Tang. Um einiges geringer, aber immer noch deutlich positiv, falle die Zustimmung bei Nahverkehrsnutzern und Fußgängern aus – bei ihnen betrugen die Quoten 79 beziehungsweise 75 Prozent. Wie zu erwarten, werden die temporären Radfahrstreifen von Autofahrern meist negativ bewertet. Von ihnen waren nur 11 Prozent für die neuen Radwege.

Die große Mehrheit der Befürwortenden, rund 78 Prozent, nutzt die Pop-up-Radwege aktuell, hieß es. Die Mehrheit fühlt sich dort sicherer. „Es sei jetzt möglich, genügend Abstand zu Autos, aber auch zu anderen Radfahrerinnen und Radfahrern einzuhalten.“ Doch es gab auch Kritik. „Einer der zentralen Nachteile ist aus Sicht der Ablehnenden die Einschränkung der anderen Verkehrsmittel“, so Tang. So wurde oftmals angemerkt, dass nicht nur dem Pkw-Verkehr weniger Platz zur Verfügung steht, sondern auch dem Nahverkehr, der Stadtreinigung und Paketlieferanten. „Ebenso äußerten einige Befragte die Befürchtung, dass die reduzierte Verkehrsfläche des Pkw-Verkehrs zu mehr Stau führen könnte, insbesondere, wenn die Wirtschaft im Zuge der Corona-Lockerungen wieder hochgefahren wird.“