Weiche Triage? Warum Berlins Kinderkliniken wieder im Krisenmodus sind

RSV, Influenza und Corona – inzwischen wird es sogar schwierig, Kinder ins Umland zu verlegen. Eine Intensivpflegekraft und eine Mutter berichten.

Ein Kleinkind wird in einer Klinik behandelt.
Ein Kleinkind wird in einer Klinik behandelt.dpa/Murat

Cottbus, das war bisher der weiteste Weg. Sie haben das Kind in den Rettungswagen geschoben und auf die Reise geschickt. Zwei Stunden dauerte die Fahrt von einem Krankenhaus in Berlin zu einem Krankenhaus in der Lausitz, wo sich eine Intensivstation fand, die ein Bett frei hatte. In der Hauptstadt und ihrem Umland war zu diesem Zeitpunkt nichts zu machen, die Auskunft immer gleich: „Wir sind überbelegt und unterbesetzt.“

Petra Meier hat diese Geschichte jetzt erzählt, eine Kinder-Intensivpflegekraft, die eigentlich anders heißt, aber anonym bleiben möchte. Auch ihren Arbeitgeber will sie heraushalten, „weil ohnehin alle Kliniken derzeit am Anschlag sind“, wie sie sagt. Die Stadt steuert auf eine medizinische Krise zu, eigentlich steckt sie bereits mittendrin. Deutschland wird von einer wuchtigen Infektionswelle erfasst, mit am schlimmsten trifft sie die Jüngsten, natürlich auch in Berlin.

„Überbelegt und unterbesetzt“ – zwei gegenläufige Kurven bringen das System an seine Grenzen. Kinder sind sehr anfällig für Influenza und RSV, für die Grippe und das Humane Respiratorische Synzytial-Virus. Gleichzeitig melden sich viele Pflegekräfte vom Dienst ab. Auch sie haben sich einen Erreger zugezogen, etliche erneut mit Sars-Cov-2 infiziert, mit einer der hochansteckenden Omikron-Varianten. Viele leiden an Grippe, an einer schweren Erkältung, sind krankgeschrieben oder befinden sich in häuslicher Isolation. Die ohnehin dünne Personaldecke wird löchrig.

In der Abteilung von Petra Meier zum Beispiel kann ein knappes Drittel der Betten nicht belegt werden. Eine Pflegekraft darf auf einer Intensivstation am Tag maximal zwei Kinder versorgen, das ist so festgeschrieben, in der Nacht sind es drei. „Damit wir das schaffen, haben wir Betten abgemeldet und machen jeden Tag Überstunden“, sagt Petra Meier. Der Engpass setze sich nach unten fort, erzählt sie, buchstäblich in ihrem Berliner Krankenhaus bis hinunter ins Erdgeschoss: „Die Rettungsstelle ist hoffnungslos überfüllt.“

Kind im Grundschulalter stirbt an einem Infekt

Sogenannte akute respiratorische Infekte (Sari) nehmen nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) stark zu. Das RKI registrierte in seinem jüngsten Wochenbericht deutlich mehr Fälle bei bis zu vier Jahre alten Kindern im Vergleich zu 2018 oder 2019, der Phase vor der Corona-Pandemie. In dieser Altersgruppe verursacht RSV die meisten Erkrankungen der Atemwege; der Erreger breitet sich leicht von den oberen in die tiefer gelegenen Bereiche aus, was sich unter anderem in starkem Husten äußert. Bei einem besonders ungünstigen Verlauf kann es zu einer Lungenentzündung kommen – und im schlimmsten Fall sogar zum Tod.

Petra Meier arbeitet schon lange in ihrem Job, macht ihn sehr gern, doch solche tragischen Momente setzen sie nach wie vor unter seelischen Stress. Sie hat auch in dieser Grippesaison schon erleben müssen, dass ein Kind, gerade im Grundschulalter, vorerkrankt, an einem schweren Infekt verstarb. „Dass es so schlimm kommen würde, war am Anfang nicht absehbar“, sagt die Intensivschwester. Der junge Patient war deshalb in eine Klinik am Stadtrand verlegt worden, doch dort traten Komplikationen auf. Er wurde intubiert, der Zustand verschlechterte sich weiter, er kehrte auf die Intensivstation zurück. Am Ende waren Ärzte und Pflegekräfte machtlos. „Für das Gewissen ist so etwas extrem belastend“, sagt Petra Meier.

Sie macht niemandem vom medizinischen Personal Vorwürfe. „Alle tun, was sie können. Die Ärzte in der Rettungsstelle geben ihr Bestes. Sie müssen aber eine schwierige Auswahl treffen, welcher Patient welche Behandlung erhält.“ Dieser Vorgang heißt in der Medizin Triage. Im Fall ihrer Klinik gehe es auch um die Frage, welches Kind an ein Beatmungsgerät angeschlossen werden muss und welches voraussichtlich ohne auskommen kann. „Es sind eben zu manchen Zeiten keine Geräte frei“, sagt Meier. Es gilt, die knappen Ressourcen so gut wie möglich zu verteilen. Weil nicht jede Entscheidung sofort lebensgefährliche Folgen hat, nennt sie es „weiche Triage“.

Auch Karla Schröder hat in diesen Tagen erlebt, dass Ärzte und Pflegekräfte trotz extremer Belastung in ihrem Bemühen nicht nachlassen. In einem anderen Krankenhaus, aber unter genauso harten Bedingungen. „Ich kann niemandem einen Vorwurf machen“, sagt Schröder, die ihren richtigen Namen lieber für sich behält. „Es hat aber wahnsinnig lange gedauert, bis meine Tochter endlich auf einer Station angekommen ist.“ Sieben Stunden brachten Schröders Lebensgefährte und die ein Jahr alte Tochter auf der Kinder-Rettungsstation zu. „Wir waren vorher schon mal in dieser Notaufnahme, weil sie ja speziell für Kinder ist. Damals ging es allerdings deutlich schneller.“

Sieben Stunden warten auf der Kinder-Rettungsstelle

Diesmal wurde die Kleine zunächst getestet: auf Influenza, auf RSV, auf Corona. Alle Proben waren negativ, zum Glück. „80, 90 andere Kinder“, schätzt Karla Schröder, befanden sich an diesem Mittwoch in dem Wartesaal. Als die Diagnose dann endlich gestellt war, halbseitige Lungenentzündung, ging es relativ schnell. Die Tochter kam auf eine Normalstation für Kinder, nachts trägt sie nun eine Sonde in der Nase, die sie mit Sauerstoff versorgt.

Das Zimmer ist inzwischen voll belegt, zwei Jungen kamen dazu. Sie sind jetzt drei Kinder und zwei Erwachsene. Wegen der Enge hat eine Mutter entschieden, nicht an der Seite ihres Sohns zu übernachten. Auch tagsüber spürt Karla Schröder, dass sich die Station weiter mit Patienten füllt, merkt das am Betrieb draußen auf dem Flur. „Man bekommt den Stress mit“, sagt sie, „aber ich fühle mich und meine Tochter hier gut aufgehoben.“

Personal in Krankenhäusern muss immer wieder unter schwierigen Bedingungen arbeiten, nicht erst in der aktuellen Infektionswelle, nicht erst seit der Corona-Pandemie. Die hat allerdings die Misere für eine breite Öffentlichkeit sichtbar werden lassen: den chronischen Personalmangel. Den Ausnahmezustand, der vielerorts zum Regelfall geworden ist. Diese Spirale, angetrieben von Personalnot, die zu Personalflucht und der Flucht in die Teilzeit führt, die wiederum Schichtbesetzungen weiter ausdünnt und die Bedingungen nochmals verschärft.

In der Kinder- und Jugendmedizin kommt ein weiteres Problem hinzu. Nicht immer herrscht in den darauf ausgerichteten Stationen und Notaufnahmen ein derartiger Andrang wie im Moment. Kosten entstehen allerdings auch in ruhigen Phasen, dadurch etwa, dass Mediziner und Pflegefachkräfte für mögliche Notfälle bereitstehen müssen. Die Krankenkassen bezahlen bislang aber nur Behandlungen, abgerechnet wird nach Fallpauschalen. Deshalb belasten Kinder- und Jugendstationen das Budget von Kliniken.

Die Politik will das nun ändern, die Kinderkrankenhäuser hierzulande sollen finanziell bessergestellt werden. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat das Gesetz dafür am Freitag im Bundestag präsentiert. Für sie soll es 2023 und 2024 jeweils 300 Millionen Euro mehr geben, die Finanzierung auch künftig unabhängiger von der leistungsorientierten Logik werden.

Berlins Klinken versuchen unterdessen, die Abwärtsspirale beim Pflegepersonal insgesamt in Eigeninitiative zu stoppen. Sie werben verstärkt um Nachwuchs und Rückkehrer in den Job, haben Kampagnen gestartet, teils mit Plakaten, teils auf Online-Portalen, auch klassisch analog auf Jobbörsen. Der Bedarf an Fachkräften ist groß. Das Deutsche Krankenhausinstitut (DKI) beziffert ihn allein für Berlin bis 2030 mit 10.000 zusätzlichen Vollzeitstellen in der Pflege generell, von Kranken und Gebrechlichen.

Ansturm auf Kinder-Rettungsstellen von Vivantes

Petra Meier findet es gut, dass endlich etwas passieren soll, allerdings hat sie ihre Zweifel, dass sich merklich etwas zum Positiven verändern wird. Zu oft, sagt sie, seien auf Versprechen der Politik keine Taten gefolgt oder hätten diese Taten die Lage nicht verbessert. Und wenn sie sich bei ihren Vorgesetzten über fehlendes Personal beschwert habe, sei ihr schon mal entgegnet worden, sie könne ja kündigen. Überhaupt, sagt Meier: „Das kommt jetzt alles viel zu spät. Es muss sofort eine Lösung her!“

Die Opposition im Berliner Abgeordnetenhaus sieht das ähnlich. Sie kritisiert das Krisenmanagement des Senats; es ist Wahlkampf. Christian Gräff (CDU) zum Beispiel schrieb auf Twitter: „Wir stehen vor einer dramatischen Situation für Babys und Kleinkinder mit einer RSV-Virus-Infektion, und es ist ein Skandal, dass in Berlin kein Notfallplan vorbereitet wird!“ Indes ist die Charité aktiv geworden, ihr dient als Vorbild eine Strategie aus der Hochphase der Corona-Pandemie. Sie baut mit anderen Kinderkliniken der Stadt ein Netzwerk auf, das ähnlich wie das sogenannte Save-Konzept funktionieren soll.

Die Charité verteilt die Patienten auf andere Häuser und übernimmt als Universitätsklinik selbst auch die sehr schweren Fälle. Dafür werden schon jetzt Kapazitäten freigesetzt. „Immer häufiger erfolgen deshalb Absagen von elektiven Behandlungen und elektiven Operationen bei Kindern“, so Charité-Sprecher Markus Heggen. Und: „Auch wir müssen aus unserer Notaufnahme Kinder in andere Kliniken in Berlin und Brandenburg verlegen, was sich aufgrund der allgemein angespannten Situation jedoch oftmals schwierig gestaltet.“

Bei dem zweiten landeseigenen Klinikkonzern ist die Lage ebenfalls prekär, wie in der Charité führen bei Vivantes die stark steigenden Infektionszahlen unter Kindern und erkranktes Personal zu Engpässen. Das Klinikum im Friedrichshain etwa behandelt kontinuierlich rund zwölf Fälle von RSV, die Patienten wechseln häufig, bis zu zwei von ihnen müssen auf der Intensivstation behandelt werden.

Die Kurzlieger-Station für die Nachtstunden sowie die Rettungsstelle für Kinder haben ihre Kapazitätsgrenze längst erreicht. „Daher sind Verlegungen leider manchmal nicht zu vermeiden“, sagt Vivantes-Sprecher Christoph Lang. Im Klinikum Neukölln ist die Situation ähnlich angespannt. Die Statistik des vergangenen Wochenendes spricht für sich. Am Sonnabend registrierte die Neuköllner Kinder-Rettungsstelle 130, am Sonntag 133 Patienten. In der angegliederten Praxis der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin (KV) waren es 80 am Sonnabend und nochmals 50 am folgenden Tag.

Die Zusammenarbeit zwischen ambulanter und stationärer Versorgung hat sich bei Erwachsenen bewährt. Bei Kindern läuft sie nach dem gleichen Prinzip ab. In Neukölln stufen Fachkräfte von Vivantes und der KV am Empfang gemeinsam die erkrankten Kinder ein, schicken sie je nach Schwere der Symptome in den stationären Bereich oder zur ambulanten Versorgung in die Praxis. Das Klinikum wird dadurch entlastet. Allerdings, sagt Lang: „Auch hier sind Verlegungen immer wieder notwendig.“

Karla Schröder muss einen solchen Umzug vorerst nicht befürchten, auch wenn sich die Kinderstation ihrer Klinik weiter füllt. „Bei aller anfänglichen Sorge sind wir darüber erst einmal froh“, sagt sie. Petra Meier wartet sehnlichst darauf, dass sich die Lage ein wenig entspannt. Dass einer ihrer Patienten wieder bis nach Cottbus transportiert werden muss, „darf nicht wieder passieren“, sagt sie. Wie es dem Patienten geht, der die zwei Stunden im Rettungstransport unterwegs war, weiß sie nicht. Sie hofft, es geht ihm gut.