Heike Paulus war nach Schicksalsschlägen selbst schon einsam. Sie hat dagegen angekämpft. Und sagt heute: „Wenn ich das kann, könnt ihr das auch.“
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinHeike Paulus’ Smartphone liegt auf dem Tisch. Innerhalb von einer Stunde klingelt es ein halbes Dutzend Mal, laut und durchdringend. Paulus wirft jedes Mal einen Blick auf den Display, checkt: Ist es sehr dringend? „Jetzt fängt die Zeit an, in der die Leute durchdrehen“, sagt die 33-Jährige.

Es ist Anfang Dezember, Weihnachten naht. Für manche ist es die schönste Zeit des Jahres. Für die Leute aber, die da durchdrehen, die Heike Paulus in rauer Menge schreiben, die manchmal mit Selbstmord drohen, manchmal um Hilfe bitten und oft einfach nur ihr Herz ausschütten wollen, für diese Leute ist die Vorweihnachtszeit der reine Horror. Denn sie sind einsam.

Einsamkeit ist ein schwer zu fassender Zustand, ein Gefühl, für das es kaum objektive Maßstäbe gibt. Forscher gehen davon aus, dass die Zahl der Einsamen in Großstädten wie Berlin besonders groß ist – weil man in der Masse verschwindet, weil die Anonymität besonders groß ist. Die Folgen der sozialen Isolation können gravierend sein: Psychiater warnen vor Symptomen wie Traurigkeit, Depressionen und Angststörungen, aber auch körperlichen Folgen wie Herzinfarkten, Schlaganfällen, Krebs und Demenz.

Einer repräsentativen Umfrage von Anfang des Jahres zufolge fühlen sich 17 Prozent der Deutschen häufig oder ständig einsam, 30 Prozent zumindest manchmal. Und: Besonders häufig fühlen sich Menschen im Alter von 18 bis 39 Jahren einsam. Die meisten Hilfsangebote aber richten sich an Rentner.

Soziale Medien gegen Einsamkeit zu Weihnachten

Heike Paulus kennt das Problem. Sie war vor drei Jahren einsam, da war sie gerade mal 30. Bei ihr kamen, wie bei so vielen, mehrere Faktoren zusammen: Für ihre Arbeit als Zugbegleiterin bei der Deutschen Bahn war sie aus ihrer Heimat Köln nach Stuttgart gezogen, ständig viel unterwegs, Langstrecke, Kontakt zu halten war ohnehin schwierig. Schon mit 18 war sie erstmals schwer an Krebs erkrankt, Mitte 20 streute er erneut. Zweieinhalb Jahre lang war ihre zweite Heimat das Krankenhaus.

Paulus besiegte den Krebs, startete eine neue Ausbildung. Kurz darauf starb ihre Mutter, der sie sehr nahestand. „Gerade aufgerappelt, schon wirst du wieder niedergeknüppelt“, sagt sie. Sie war verzweifelt – auch, weil Weihnachten bevorstand. „Ich wollte nur einen Menschen finden, einen einzigen, damit ich nicht alleine der Arsch bin.“

Oft lautet der Vorwurf an die junge Generation: Klar, dass ihr alleine seid. Ihr schaut den ganzen Tag nur auf euer Handy, habt soziale Kontakte verlernt. Für Heike Paulus aber war ihr Handy, die digital vernetzte Welt, die Rettung in ihrer analogen Vereinzelung: Sie fragte in einer Facebook-Gruppe, ob es Leute gebe, denen es genauso geht. Sie erhielt Gesellschaft – und so viele Antworten von 20- bis 40-Jährigen, dass ihr klar wurde: Der Bedarf ist da, aber es fehlt an Angeboten. Sie beschloss, diese Lücke zu füllen und über Facebook ein alljährliches Vermittlungsangebot zu starten.

Inzwischen lebt sie in Berlin-Wilhelmsruh. Ihre Gruppe „Weihnachten (nicht) allein“ hat 3500 Mitglieder deutschlandweit, viele davon kommen aus Süddeutschland oder Berlin. In diesen Wochen treten täglich rund Hundert neue Leute der Gruppe bei – weil sie Gesellschaft suchen oder sie anbieten wollen.

Was Heike Paulus antreibt

Der Aufwand, die Gruppe zu organisieren, ist hoch. Denn von Uhrzeiten über Lebensmittelunverträglichkeiten bis hin zu psychischen Krankheiten muss viel abgesprochen werden – und für Menschen, die schon lange einsam sind, ist Kommunikation ein Problem. „Viele haben sich eingerichtet in ihrer Einsamkeit“, sagt Paulus, „und wissen gar nicht mehr, wie man ein normales Gespräch führt.“

Paulus und andere ehrenamtliche Mitstreiter sind dringend nötige Vermittler – und dadurch zu Experten für Einsamkeit geworden. Das Spektrum sei groß, sagt Paulus: Ein Teil seien klassische Arbeitsnomaden, von ihren Arbeitsumständen entwurzelt worden. Ein Teil seien „Zauderer und Zögerer“, die etwas Hilfe bräuchten, darunter Alleinerziehende oder von der Familie Getrennte, die schon seit Jahren alleine sind. Und dann gebe es die „sehr schwer Vermittelbaren“, die „chronisch Einsamen“, die schwerste psychische Krankheiten haben. Wenn sie den Weg in die Gruppe finden, ist aus Paulus’ Sicht der wichtigste Schritt schon getan: „Es hat „Klick“ gemacht. Sie haben realisiert, dass sie nicht freiwillig einsam sind – und brechen das Tabu, darüber zu sprechen.“

Einsamkeitsbeauftragte in der Politik, wie Großbritannien einen eingeführt hat und die Berliner CDU vor kurzem einen forderte, hält Paulus für vollkommen „Quatsch“. Das suggeriere eine Lösung für ein zu komplexes Problem, dass nur zwischenmenschlich, ganz direkt, gelöst werden könne, sagt sie.

So wie im letzten Jahr – als ein chronisch Einsamer mit schweren Angststörungen bei Paulus anrief. Er wolle so gerne zu dem in der Gruppe vermittelten Abendessen gehen, sagte er, habe sogar die Jacke schon an. Doch er traue sich nicht, die Wohnung zu verlassen. Paulus blieb am Telefon, begleitete ihn durch die Tür, auf der Busfahrt, bis er an der Tür des Gastgebers klingelte. Für andere vielleicht nur ein kleines Erfolgserlebnis. Für Heike Paulus „der Grund, warum ich das alles mache“.