Weihnachten in einer Neuköllner Eckkneipe: "Da steckt überall ein Schicksalsschlag hinter"

Gegen zehn fragt Cordi den Mann am Tresen, ob er schon seine Tabletten genommen habe. Der nickt. „Ja, hab ich.“ Der Mann heißt Helmut Freitag, er ist der Wirt der Lenau-Stuben in der Hobrechtstraße in Neukölln. Und Cordi, die eigentlich Cordula heißt, ist hier Stammgast. Sie stellt sich, wie alle anderen hier, nur mit dem Vornamen vor. Der kurze Austausch sagt viel aus über das Wesen der Eckkneipe.

Die Beziehung zwischen Wirt und Gast ist hier kein reines Geschäfts-Verhältnis. Alle duzen sich. Es geht familiär zu unter denen, die hier auf den Barhockern am Tresen sitzen, trinken und rauchen. Winne, Wolfgang, Cordi und ihr Mann Knut, alle zwischen 50 und 60. Später kommt noch Udo dazu, reicht allen die Hand, bevor er sich dazusetzt. „Das ist hier wie ein Wohnzimmer“, sagt Helmuts Frau Marlies Herdejürgen. Sie ist die Seele der Kneipe, wie man schnell feststellt. Einen Unterschied zum Wohnzimmer Zuhause gibt es doch: Man ist in der Lenau-Stuben nicht allein.

Die letzten Überlebenden

Die Lenau-Stuben gibt es schon fast hundert Jahre. Helmut Freitag hat sie vor zwölf Jahren übernommen. Tagsüber arbeitet er als Vertreter für Autoersatzteile. „Sonst funktioniert das auch gar nicht“, sagt Marlies Herdejürgen. Vielleicht ist die finanzielle Sicherheit ein Grund, warum es die Lenau-Stuben noch gibt, in dieser Gegend, die jetzt Kreuzkölln heißt und in der viele Eckkneipen zugemacht haben in den vergangenen Jahren.

„Wir gehören zu den letzten Überlebenden“, sagt Marlies Herdejürgen. Sie ist 49, trägt eine honiggelbe Kapuzenjacke, das dauergewellte weiße Haar ist zu einem Pferdeschwanz gebunden. Die vielen Kneipennächte haben manche Linie in ihrem Gesicht hinterlassen. Sie erzählt, dass sie als Kind in der nahen Sanderstraße gewohnt hat, bis sie mit den Eltern nach Kreuzberg zog. Eigentlich hat sie Einzelhandelskauffrau gelernt. „Aber ich hab’ schon während der Lehrzeit nebenbei in einer Kneipe gejobbt“, sagt sie. „Das Lehrlingsgehalt war ja nicht so doll.“ Bei dem Arbeiten in Kneipen ist es bis auf ein kurzes Intermezzo als Kosmetikerin geblieben.

Auf der Fensterbank stehen drei Schneemänner aus Plastik, in denen bunte Birnen blinken. Neben dem Eingang gibt es einen kleinen Tannenbaum, in den Blumenkästen sitzen Nikoläuse. Und auch an den Weihnachtstagen wird sie die Lenau-Stuben aufmachen. Mit der Familie, den Eltern, ihrem Sohn, der Tochter, den Enkeln, feiert sie in der Kneipe. Sie wird Rouladen machen und auch ein paar Stammgäste einladen. Leute, die keine Familie haben. „Das macht man schon, das bringt man sonst einfach nicht übers Herz“, sagt sie. „Da steckt ja auch überall ein Schicksalsschlag dahinter.“

Marlies Herdejürgen erzählt von Torsten, dessen Leben ein Schlaganfall veränderte. Während er im Krankenhaus war, habe seine Freundin ihm die Sachen vor die Tür gestellt. „Jetzt wohnt er mal hier, mal da.“ Auch Horst wird kommen. Er ist über 80 und hat vor zwei Jahren seine Frau verloren. Und eine Freundin. Sie habe zwar Kinder in Westdeutschland, aber sie hätten sich ein wenig auseinandergelebt. „Und sie hat auch nicht die finanziellen Möglichkeiten zu sagen, ich fahr da rüber.“

„Um 14 Uhr bin ich hier am vierundzwanzigsten“, sagt Knut. Vorher arbeitet er. „Wer bringt denn sonst den Müll weg.“ Knut arbeitet bei der BSR. Morgens um 3.50 Uhr klingelt sein Wecker. Knut geht heute gegen acht. Nicht mehr ganz standfest ist er, aber er wohnt nur zwei Türen weiter. Nicht einmal eine Jacke hat er dabei. „Machst du mir noch ein Kleines“, ruft Cordi Marlies Herdejürgen zu. Sie bleibt noch. Eine ältere Frau am Tresen sagt: „Ich habe noch nie fünf Bier auf einmal getrunken.“ Helmut Freitag, der Wirt sagt „Na, dann ist das ja jetzt ein Weltrekord.“ Udo erzählt von den klappernden Ventilen in seiner Heizung.

Hauptsache unbeschadet

Winne ist am 24. Dezember nicht dabei. „Das ist ein fürchterlicher Tag“, sagt er. „Da muss ich zu meiner kranken Mutter“, sagt er. „Sie ist 85 und stammt aus Breslau.“ Im Pflegeheim liege sie. „Lausitzer Straße, St.Marien. Ich hoffe, dass ich da mal nicht lande.“ Er kommt erst am ersten Weihnachtsfeiertag wieder in die Lenau-Stuben. „Zuhause fällt mir die Decke auf den Kopf alleine“, sagt Winne.

Er ist 59 Jahre alt, schwergewichtig, Frührentner und trägt eine Trainingsjacke, auf der schräg über der Brust sein Name steht. Sein Gesicht wirkt wie das eines kleinen Jungen. Es ist faltenlos, aber wahrscheinlich ist es vor allem die Stupsnase, die zu diesem Eindruck beiträgt. Er erzählt, dass er gern Karaoke singe, auch Auftritte hat, bei den Neuköllner Maitagen etwa. Helmut, der Wirt, holt sein Fotohandy und zeigt eine Aufnahme von Winne, als er im Südblock, der Fußballkneipe am Kottbusser Tor, auf der Bühne stand. „Ich singe gern“, sagt Winne. „Und ich hoffe, dass Weihnachten bald vorbei ist, und dass ich das unbeschadet überstehe.“