Jubiläen wie dieses haben die Geschmacksrichtung Bittersüß. Einerseits ist es natürlich ein Grund zum Feiern, dass Frank Zander und seine Familie sowie Freunde und Unterstützer am Montagnachmittag nun schon zum 20. Mal ihre Weihnachtsfeier für Obdachlose und andere Bedürftige organisiert und damit etwas für die Ärmsten getan haben. Andererseits wäre es für Zander & Co. ein viel größerer Anlass für eine Fete, wenn ihre jährliche Großtat kurz vor Weihnachten gar nicht mehr nötig wäre. Sie ist es aber. Und wird es bleiben, da macht Zander sich selbst gar keine Illusionen.

Nun wünscht er sich noch lange Kraft, um weiterzumachen: „Ich sehe unser Zwanzigjähriges als Bergfest.“ Die bewegendsten Momente erlebt Zander jedes Jahr am Eingang seines Weihnachtsfestes, wo er die Gäste persönlich begrüßt: „In ihre Gesichter zu kucken, haut mich um.“ Zander freut sich über die große Schar der Unterstützer, die sich seit seiner ersten Weihnachtsfeier für Obdachlose im Jahr 1995 um ihn geschart haben.

Unter den Prominenten, die das Essen für die Gäste servierten, waren Boxtrainer Ulli Wegner, die die Schauspieler Herbert Köfer, Wolfgang Bahro und Frank Kessler, Natascha Ochsenknecht, Grünen-Politiker Cem Özdemir, Innensenator Frank Henkel, Neuköllns Bürgermeister Heinz Buschkowsky und Boxer Arthur Abraham. Zum ersten Mal band sich Kulturstaatssekretär Tim Renner die Servierschürze um. Er wäre ja schon früher gekommen, aber: „Man hatte mich bisher nicht gefragt.“ Renner findet die Gelegenheit, so kurz vor Jahresende noch drei oder vier Karmapunkte zu sammeln, ganz günstig. Mit Erfahrungen als Servierer konnte er dabei nicht dienen: „Bei uns zu Hause muss der, der kocht, den Tisch nicht decken. Deshalb koche ich immer.“ Einer von Zanders Helfern der ersten Stunde ist Ex-Boxer Axel Schulz: „Ich finde toll, was der Frank hier jedes Jahr auf die Beine stellt, das muss man einfach unterstützen.“

Bundestags-Linksfraktionschef Gregor Gysi nutzte seinen Einsatz als Gänsebratenkellner für einen kleinen, verschmitzten Schlag gegen den europäischen Hochadel, indem er sich eine Fliege umband: „Beim Staatsbesuch von Königin Beatrice sollte ich eine tragen, da habe ich mich geweigert. Für die Obdachlosen trage ich sie aber gern.“ Neben 2800 Portionen Gänsebraten bekamen die Gäste in diesem Jahr wieder ein besonderes Showprogramm geboten, in dem die Schlagergrößen Semino Rossi, Linda Feller und Jürgen Drews neben Gastgeber Frank Zander auftraten. Die Organisation des Tagesablaufs im Estrel lag wieder in den Händen von Marcus Zander. Bei ihm liefen alle Fäden zusammen, aus jahrelanger Erfahrung konnte er viele Probleme mit einem kurzen Anruf klären. Inzwischen fragen auch hilfsbereite Menschen aus anderen Städten nach, wie man so eine Feier für die Bedürftigen organisiert. In Hannover, Hamburg, Oldenburg, Halle/Saale und anderswo gibt es auch solche Obdachlosenweihnachtsfeiern.

Rund um das Weihnachtsessen im Saal haben sich aus der Erfahrung der zwei Jahrzehnte Traditionen entwickelt. So steht inzwischen immer ein Dutzend Friseure bereit, bei denen sich die Gäste der Obdachlosenweihnachtsfeier die Haare schneiden lassen können. Die Johanniter Unfallhilfe hatte einen Stand für die medizinische Betreuung von Obdachlosen. Die Sachspendenliste war in diesem Jahr drei Seiten lang. Darauf fanden sich Einzelposten wie 120 Paar Socken, 3000 Unterhosen, ein kostenloser LKW für zwei Wochen, 5000 Tafeln Schokolade und 1200 Paar Handschuhe (letztere von Hertha BSC gestiftet).

Eine spendierfreudige Seniorin aus Treptow hat für Zanders Obdachlosenweihnachtsfeier in diesem Jahr 35.000 Euro gespendet. Weil sie anonym bleiben möchte, schickte sie das Geld über die Stiftung Berliner Sparkasse.