"Weißt du noch, wie wir früher das Lametta gebügelt haben“, sagte Boris. Es war der längste Satz, den er in der gesamten Adventszeit gesprochen hatte, vielleicht sogar im ganzen Jahr.

„Mmmh“, machte Katarina.

Sie trat einen Schritt vom Baum zurück, um sich ihre Arbeit anzusehen. Silberne Kugeln und Strohsterne. Die Bäume waren mit der Zeit immer kleiner geworden. Vor drei Jahren war Katja ausgezogen, nach Lübeck, im Herbst war Paula nach Mosambik geflogen, um nach dem Abitur in einem Kinderheim zu arbeiten. Sie hatte nur noch Boris. Kein Mann, der einen großen Baum aufstellen konnte. Und – so weit sie das beurteilen konnte – auch kein Mann, dem man mit einem großen Baum einen Gefallen tun würde.

Sie sah ihn an. Er saß im Sofa und gähnte, gleich würde er einschlafen.

Sein Lamettasatz hatte sie nicht erreicht. Boris sagte diese Sachen, um die Stille erträglicher zu machen, glaubte sie. So wie es Paare in ihrem Ehestadium handhabten, Paare Mitte, Ende vierzig, die Kinder aus dem Haus. Paare, die sich im Restaurant anschwiegen und nur manchmal – einfach, weil es sich so gehörte, oder weil sie von einem anderen, jüngeren Paar gemustert wurden, amüsiert, verwundert, aber auch ein wenig besorgt – einen Satz sprachen oder zwei. Geräusche, die sich über die Laute des klingenden Bestecks schoben. Ja, ja. Ach ja. Schön. Sollten wir öfter machen. Deins sieht aber auch gut aus. Wann kommt eigentlich der Mann, der den Strom abliest. Heute hat Peter angerufen. Ach was.

Vielleicht, dachte sie, wird ihre Ehe jetzt normaler, den anderen Ehen ähnlicher. Vielleicht sogar erfreulicher, verglichen mit den Ehen der anderen, weil ihre Erwartungen nicht so hoch waren. Hieß es nicht, dass sich im Laufe des Lebens alle Dinge ausglichen? Der Sex mit Boris war ohnehin besser als der mit ihren Liebhabern gewesen, mit all den Psychosen und Exfrauen und Psychosen der Exfrauen.

„Um zwei skypen wir mit Paula“, sagte sie.

Sie wusste, ohne dass sie zum Sofa sah, dass Boris eingeschlafen war. Er hatte seine ganze Energie in diesen einen Satz gesteckt.

Der Name ihres Mannes hatte besonders geklungen anfangs, zwischen all den Andreas’, Axels, Franks und Thomas’. Mit dem Unfall hatte sich das verändert. Boris klang erst tragisch, später mitleiderregend, hilflos. Der arme Boris. Boris, unser Sorgenkind.

„Papa schläft“, sagte sie kurz nach zwei in das flackernde Gesicht ihrer Tochter auf dem Computerbildschirm.

„Macht er das nicht immer“, sagte Paula, die ihren Vater mehr geliebt hatte, als ihn ihre ältere Schwester geliebt hatte. Für Katja, die viereinhalb Jahre alt war, als es passierte, schien Boris über Nacht die Lust am Vatersein verloren zu haben, als sei ihm die Rolle, die er bis dahin gespielt hatte, plötzlich fremd und vermessen vorgekommen. Paula aber war erst anderthalb gewesen, zu jung, sie hatte ihren Vater als eine Art Spielkameraden kennengelernt. Natürlich war er ihr später peinlich gewesen, auf Spaziergängen hatten sie den Vater herumgeführt wie einen großen müden Tanzbären. Geht ihr bitte noch mal mit Papa raus? Mit 14 wollte sie niemanden nach Hause einladen, schon gar keine Jungs.

„Ich soll dir von ihm frohe Weihnachten wünschen“, sagte Katarina.

„Klar“, sagte Paula, die zu blass wirkte für Mosambik, vielleicht war die Verbindung schlecht oder das Licht da unten. Im Hintergrund sah Katarina ein Stück einer weißen Wand, keine wilden Tiere, nichts Exotisches. In einem kleinen Fenster entdeckte sie ihr eigenes, sprechendes Gesicht, erschreckend alt. Es war drei in Berlin, in Cuamba, Mosambik, war es bereits eine Stunde später. Sie redeten ein bisschen über die portugiesische Sprache und Weihnachtsbräuche in Ostafrika, nichts über ihre Zukunft.

„Gib’ Papa einen Kuss“, sagte Paula zum Abschied. Dann verschwand sie irgendwo auf der südlichen Hälfte der Erde. Es war Sommer in Mosambik. Paula würde nicht mehr in ihr Kinderzimmer zurückkommen, dachte Katarina. Sie flog dort draußen in einem anderen Leben herum wie im All. Sie las ein paar Weihnachtsmails, die meisten kamen von irgendwelchen Firmen, die für ihre Niederlassung arbeiteten, eine von Carsten, einem Bauingenieur, mit dem sie vor vier oder fünf Jahren ein paar Mal geschlafen hatte. Ein Klammerer. Ein geschiedener Mann, der sie gern in seine Doppelhaushälfte verschleppt hätte, nach Mahlsdorf, im winzigen Garten die Obstbäume, die er mit seiner Frau gepflanzt hatte. Heidrun. Im Herbst hatte er die Bäume so behutsam auf den Winter vorbereitet, als bringe er sie ins Bett. Jeden einzelnen. Sie löschte die Mail.

Weißt du eigentlich noch, wie wir früher das Lametta gebügelt haben?

Bevor sie den Computer zuklappte, blieb sie an einer Nachricht auf Spiegel Online hängen. Die Lametta-Produktion in Deutschland war eingestellt worden. Boris’ Satz klang in ihrem Kopf nach. Weißt du eigentlich noch, wie wir früher das Lametta gebügelt haben? Sie konnte sich nicht daran erinnern, jemals Lametta gebügelt zu haben. Aber sie hatten es vom Baum gesammelt und vorsichtig in Papierheftchen gelegt. Lametta. Sie hatte das Wort seit Jahren nicht mehr gehört, und jetzt tauchte es gleich zwei Mal am Nachmittag auf. Seltsam.

Sie küsste ihren schlafenden Mann auf die Stirn. Der Weihnachtskuss seiner Tochter Paula aus Mosambik.

Er hatte sich nicht gut gefühlt an jenem Morgen vor sechzehn Jahren. Das hatte er nach dem Frühstück gesagt, als sie mit den Töchtern zu ihrer Mutter nach Friedrichshagen fahren wollte. Er mochte ihre Mutter nicht, hatte sie gedacht. Er mochte Friedrichshagen nicht, die Spaziergänge, die Schwäne, den Dünkel der Vorstadtbürger, ein einziger großer Dichterkreis. Es hätte ihn nicht gewundert, dass ausgerechnet die Friedrichshagener sich heute am meisten gegen die Flugrouten von Schönefeld wehrten. Sie glauben, dass ihnen der Krach am wenigsten zuzumuten sei, hätte der Boris von damals gesagt. Sie war wortlos gegangen, hatte die Wohnungstür hinter sich zugeknallt. Katja hatte sie erschrocken angesehen. Sie war vier, Paula anderthalb. Katarina hörte noch die Tür knallen, alles war da, die Geräusche, das Licht im Hausflur. Der Tag war oft in ihrem Kopf abgelaufen, ein Film, immer hatte sie sich gefragt, wo sie ihn hätte anhalten können. Im Auto hatten sie die Kassette mit den Disney-Liedern gehört, die Boris hasste. Extra laut. Die sieben Zwerge sangen: „Hei Ho, Hei Ho, wir sind vergnügt und froh.“ Und sie sang mit. Sie waren spazieren gegangen, ihre Mutter hatte vom Vater erzählt und seiner Sekretärin, bei der er jetzt lebte. Sie hatten beim Schwänefüttern über Männer geredet und den Mädchen zugesehen, die das alles noch vor sich hatten, den Männerscheiß.

Und die ganze Zeit hatte Boris im Bad gelegen, sein Gehirn war mit Blut vollgelaufen. Die Ärzte hatten später nicht genau sagen können, was passiert wäre, wenn sie ihn eine Stunde früher gefunden hätte. Oder eine halbe.

Sie hatte sich Zeit gelassen. Sie wollte ihn spüren lassen, dass sie ihn nicht brauchte. Disney auf der Rückfahrt. Laut. Balu, der Bär sang: „Probier’s mal mit Gemütlichkeit.“ Die Mädchen schliefen in ihren Kindersitzen. Die Stille in der Wohnung, als sie zurückkam. Es dämmerte schon. Kein Licht brannte.

Das schlechte Gewissen hatte sie nie verlassen. Sie hörte Balu bis heute singen. Mit Ruhe und Gemütlichkeit. Sie sah dem Mann ins Gesicht, der sich ausruhte, um den Heiligen Abend mit ihren Freunden durchzustehen. Sie weckte ihn nicht, als Katja aus ihrer Lübecker Wohngemeinschaft anrief, im Hintergrund Musik und Stimmen. Katja fragte nicht nach ihm, und Katarina wollte nicht, dass er in der Kirche einschlief wie am letzten Heiligen Abend.

Sie hatten ihn sofort in die Charité gebracht. Zwei Mal hatte sie die Mädchen mit ins Krankenhaus genommen, dann wollten die nicht mehr. Nach zwei Wochen war er aufgewacht. Ein anderer Mann, ein Kind eher, ein Kleinkind in einem Männerkörper. Sie war 29 Jahre alt gewesen, die Ärzte stellten in Aussicht, dass sich die Dinge verbessern, versprechen wollten sie aber nichts. Es war von Verkrampfungen die Rede, Vernarbungen, Therapie und Geduld. Er konnte einfache Fragen beantworten, er sagte guten Morgen und gute Nacht und grüßte Bekannte auf der Straße, aber Dinge, die länger als eine halbe Stunde zurücklagen, versanken in dem schwarzen Meer, in dem er herumschwamm. Er schwieg meistens und wurde schnell müde.

Seit zwei Jahren waren die Erwachsenen unter sich

Sein Wesen war weg. Seine Züge und sein Temperament waren weich, als hätte man die Luft aus ihm gelassen. Alles, was sie einmal an ihm geliebt hatte, fand sie in den Zügen ihrer Töchter wieder, vor allem in Paulas, die ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten war. Zuletzt, als die Töchter das Haus verlassen hatten, schien es Katarina, als kehre ein wenig von ihm zurück, aber wahrscheinlich hatte sie eine Strategie entwickelt, die Dinge erträglich zu halten. Und Boris auch.

Frank und Bettina trafen gemeinsam mit Max und Anna ein, was Katarina ärgerte, weil es hieß, dass sie sich bereits unterhalten hatten, verständigt, vorbereitet. Sie kannten sich seit Jahren, sie hatten schon zusammen gefeiert, als Boris noch wach gewesen war. Sie waren geblieben, weil sie Freunde waren, aber auch weil sie sich besser fühlten, wenn sie nach so einem Abend nach Hause gingen. Was für ein Glück sie doch hatten! Der arme Boris, die arme Kati, keine Ahnung, wie die beiden das schaffen. Katarina holte sich sicher woanders, was sie brauchte. Aber toll, dass sie zu ihm hielt. In den alten Zeiten hatten sie zusammen Silvester gefeiert, nach dem Unfall war Weihnachten daraus geworden, ein Fest, das besser zu Boris’ Zustand zu passen schien als Silvester. Barmherzigkeit statt lustiger Hüte. In den ersten Jahren hatten die Kinder die Schwermut vertrieben, zwei oder drei Mal war Boris Weihnachtsmann gewesen, eine Rolle, wie für ihn gemacht. Nach einer halben Stunde glaubte er wirklich, dass auf dem Dach die Rentiere auf seine Rückkehr warteten. Irgendwann wuchsen ihm die Kinder über den Kopf. Seit zwei Jahren waren die Erwachsenen unter sich.

Frank trug einen Weihnachtspullover, Annas Zornesfalte war verschwunden, vielleicht ihr Weihnachtsgeschenk. Ihre Stirn bewegte sich nicht mehr, als sie den Mund zur Begrüßung aufriss, nur der untere Teil ihres Gesichtes lächelte, der obere blieb ernst.

„Na, ihr beiden. Schon wieder ein Jahr rum“, sagte Bettina.

„Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie warm es da draußen ist“, sagte Max.

„Klimakatastrophe“, sagte Boris.

Alle sahen ihn an, als habe er das Welträtsel geknackt.

„So sieht’s aus, mein Alter“, sagte Max und haute Boris liebevoll auf die Schulter. Boris trug ein blau-weiß-kariertes Hemd, das er, wie er es liebte, bis ganz oben zugeknöpft trug. Katarina hasste das, weil es seine Rainman-hafte Erscheinung noch verstärkte.

„Da sind wir ja seit Paris glücklicherweise ein bisschen weiter“, sagte Anna und versuchte, ihre linke Augenbraue nach oben zu ziehen, um ihrer Bemerkung noch mehr Nachdenklichkeit zu verleihen. Wir. Als habe sie dort nächtelang mit am Verhandlungstisch gesessen, dachte Katarina. Wenigstens war Annas Stirn so gelähmt, dass die Augenbraue nicht mehr funktionierte. Katarina fragte sich, ob sie das merkte.

„Wir?“, fragte Boris.

„Was?“, fragte Anna.

„WIR sind weiter?“, fragte Boris. Er lächelte leicht. Katarina glaubte ein Glimmen der Seele in seinem Blick zu erkennen, die ihren Mann vor sechzehn Jahren verlassen hatte. Boris war ein großer Spötter gewesen. Aber die anderen waren schon ins Wohnzimmer weitergezogen, und Anna sah ihn aus ihrem gelähmten Gesicht an wie eine altgewordene Barbiepuppe. Der magische Moment verstrich. Katarina hatte immer wieder diese Erscheinungen. Sie machte sich mit Boris über die Welt lustig, bis sie merkte, dass er gar nicht im Raum war oder schlief. Sie sprach seine Rolle mit, sie redete mit einem imaginären Freund wie ein dreijähriges Mädchen. Ihr einziger Vertrauter, ihr bester Freund war seit sechzehn Jahren tot. Fünf Minuten später saß Boris mit seinem zugeknöpften Hemd am Tisch und starrte in den Milchschaum auf seinem Kaffee.

Kaffee und Kuchen, Spaziergang durch den Friedrichshain, Kirche. Der Pfarrer hatte über Flüchtlinge geredet. Bethlehem, Barmherzigkeit, Pipapo. Kommet ihr Hirten, ihr Männer und Frauen. Sie musste Boris in den Arm kneifen, damit er wach wurde. Spaziergang zurück, Fischsuppe.

Als Katarina die vierte Flasche Grauburgunder entkorkte, erzählte Bettina gerade, dass ihre Tochter Tanita seit ein paar Monaten in einem Köpenicker Flüchtlingsheim aushalf. Tanita hatte die elfte Klasse in Oregon verbracht, nach dem Abitur, das sie mit Eins-Komma-Null abgeschlossen hatte, ein Jahr in einem kirchlichen Hilfsprojekt in Sierra Leone gearbeitet und studierte jetzt Psychologie an der Humboldt-Universität. Damit hätte Anna noch leben können, deren Sohn Jonas die 11. Klasse in irgendeinem Kaff in Alabama verbracht hatte und im Herbst ein Zahnmedizinstudium angefangen hatte, über das sie nicht gern redete. Was sie wirklich nervte, war, dass Tanita in drei Folgen der neuen „Homeland“-Staffel auftrat und einmal mit der Hauptdarstellerin Claire Danes ausgegangen war. Angeblich hatten sie das Mädchen in der Mensa entdeckt.

Frank glühte vor Stolz, er schien über seinem Stuhl zu schweben. Anna rümpfte die Nase, wobei Katarina merkte, dass sich auch die nicht mehr richtig bewegte. Sie schenkte großzügig nach.

Inzwischen trugen sie ihren Ehrgeiz auch über die Kinder aus. Jonas und Tanita, die nach der Sängerin Tanita Tikaram benannt worden war. Ein One-Hit-Wonder aus England. Katarina war sich nicht sicher, ob Bettina und Frank die Ironie begriffen. Twist in my sobriety. Sicher würde sie später noch ein bisschen von Paula und Mosambik erzählen, weniger von Lübeck und Katja, die dort als Muse irgendeines Hamburger-Schule-Gitarristen lebte. Ihre Töchter konnten mithalten, schon weil sie zu zweit waren.

Jahrelang hatten die Erwachsenen ihren Konkurrenzkampf unter sich ausgemacht.

Frank, der früher Sprecher eines aussichtslosen CDU-Bürgermeisterkandidaten gewesen war, arbeitete heute als Referatsleiter im Verteidigungsministerium und würde sicher gleich irgendetwas von einer seiner Reisen mit der Ministerin erzählen. Max schrieb für eine Lokalzeitung und gewann gelegentlich einen Preis, der von irgendeinem Versicherungsunternehmen gesponsert war. Oder von der Deutschen Bahn. Oder einem Pharmaunternehmen. Sie stießen jedes Mal darauf an, als handele es sich um den Pulitzer. Bettina war in wechselnden Projekten aktiv, von denen nicht immer klar war, ob sie dafür bezahlt wurde oder sie dafür bezahlen musste. Es ging um Fußgängerinseln, Schulspeisung, Straßenbäume und den Weltfrieden. Anna hatte vor zehn Jahren bei einem Dokumentarfilm über die Fischereirechte in der Ostsee mitgemacht und seitdem unzählige weitere Filmprojekte angestoßen. Wenn man sie fragte, was aus dem letzten geworden war, erzählte sie vom nächsten. Gerade arbeitete sie an einer Fernsehserie über eine ostdeutsche Frauenstaffel im 100-Meter-Lauf, die sich auf die Olympischen Spiele in München vorbereitete. Weiblichkeit, Doping, Krieg der Welten, die Siebziger, Abba, hatte sie gesagt. Arbeitstitel war: „The winner takes it all“.

Boris hatte ihnen allen geholfen, durch ihre Karrieretäler zu gehen. Mit seinem Zustand. Es konnte immer noch schlimmer kommen. Sie waren ja gesund. Auch Katarina dachte manchmal, dass sie ihre Karriere ihrem Mann zu verdanken hatte, den sie überallhin mitnahm wie ein Möbelstück. Sie waren für drei Jahre nach Leipzig gezogen, weil sie dort einen Job in einer großen Niederlassung ihrer Firma bekommen hatte, und dann wieder zurück nach Berlin, wo sie Chefin einer kleineren Dependance werden konnte. Sie war nie eine Bedrohung gewesen, nicht für die Kollegen, aber, was wahrscheinlich noch wichtiger war, auch nicht für ihre Kolleginnen. Sie war immer die arme Frau gewesen. Zwei Kinder und keinen Mann, eigentlich drei Kinder und keinen Mann.

„Schafft Tanita denn das alles neben ihrem Studium und den Filmsächelchen?“, sagte Anna.

„Im Gegenteil, Anna, all die Geschichten von den traumatisierten syrischen Flüchtlingen, die Tani mit nach Hause bringt, das ist wie Feldarbeit zu ihrem Psychologiestudium. Das ist anders als bei, sagen wir mal, Zahnärzten.“

„Ich dachte nur, weil sie beim letzten Mal so abgekämpft aussah, Betty“, sagte Anna.

„Sie ist nur nicht so dick und zufrieden wie …“, sagte Bettina.

„Ich war ja gerade mit der Ministerin an der syrischen Grenze“, sagte Frank.

„Wenn es so weitergeht, wirst du mit deiner Ministerin bald in Syrien sein“, sagte Max. „Im Schützenpanzerwagen.“

„Es wird keine Bodentruppen geben mit uns“, sagte Frank.

„Ich weiß nicht, ob das nicht ehrlicher wäre“, sagte Max.

„Den Krieg spüren, was? Du kannst ja schon mal losfahren, Hemingway“, sagte Frank.

„Meine Zeitung konzentriert sich eher auf den Berliner Markt, wie du weißt. Du kannst mir später auf eurer Datsche deine Kriegserinnerungen diktieren, Molotow“, sagte Max.

„In Wildau“, sagte Anna, mit ihrer Augenbraue kämpfend. Katarina stellte sich vor, wie ihr Gesicht zerriss, aufsprang. Sie konnte sich nicht vorstellen, was darunter zum Vorschein kam.

„Manchmal denke ich, das hängt alles miteinander zusammen“, sagte Bettina.

„Was?“, fragt Katerina.

„Das, was Tanita und Frank machen“, sagte Bettina.

In dem Moment verschluckte sich Boris, hustete und prustete ein bisschen Fischsuppe über den Tisch. Er konnte gar nicht mehr aufhören, seine Augen tränten. Katarina schlug ihm auf dem Rücken, er sah sie aus den Augenwinkeln an. Es schien ihr, als habe er einen Lachanfall.

„Die Fischsuppe ist übrigens ausgezeichnet“, sagte Anna. „Ich weiß gar nicht, wie du das immer alles schaffst.“

Die anderen nickten. Es war die Ebene, auf der sie Frieden schließen konnten. Eine Hochebene. Das Schlachtfeld der Versehrten. Boris schnaufte neben ihr, sein kariertes Hemd war ein bisschen mit Fischsuppe bekleckert. Sie berührte ihren Mann am Bein. Er sah sie an, lächelte. Tani und Franki und die ganze Welt. Konnte das sein? Hatte er wirklich über Bettinas absurde Weltsicht gelacht? Wie schön das wäre, dachte Katarina.

Was macht eigentlich die Fernsehserie über die Sprinterinnen, fragte sie Anna. „The winner takes it all?“

„Ach, die deutschen Anstalten reden die ganze Zeit von den wunderbaren amerikanischen Serien. Aber wenn wir dann mal eine Idee dafür haben, verhindern sie sie“, sagte Anna. Das Gesicht weiß und starr wie eine Halloween-Maske. „Wir machen jetzt was über das Interhotel Neptun in den Achtzigern. Die Möbel da, die Gäste, die Orgien, die Stasi, Barschel. Das schreibt sich von allein. Im Soundtrack Aha, Spandau Ballett und Duran, Duran. Netflix sucht diese Stoffe.“

„Oder du fragst diesmal Claire Danes“, sagte Boris.

Sie sahen ihn an, als sei er über Wasser gewandelt. Katarina fragte sich, ob es wieder nur die Stimme in ihrem Kopf war. Der Spötter Boris, der dort überlebt hatte. Aber Boris schien alle Zweifel ausräumen zu wollen.

„Tanitas Freundin. Carrie“, sagte er. „Carrie Mathison. Sie ist doch sowieso in der Stadt.“

„Boris sieht ‚Homeland‘“, sagte Max. „Ich fasse es nicht.“

Katarina war sich sicher, dass er daran dachte, ein Porträt über seinen alten Freund zu schreiben. Das Weihnachtswunder. Eine Seite drei für die bleierne Zeit zwischen den Jahren. Vielleicht der AOK-Preis, wenn es den gab. Anna könnte den Film machen. Mit Matthias Brandt als Boris. Der konnte ja alles spielen.

Boris lächelte schmal. Er schien seinen Auftritt zu genießen.

Katarina dachte an den alten taubstummen Indianer, Chief Bromden, der im Film „Einer flog über das Kuckucksnest“ einen Kaugummi von McMurphy bekommt, in den Mund steckt und sagt: „Danke.“ Bromden sitzt mit ihm im Irrenhaus. Der Chief hat bis dahin noch nie ein Wort gesagt. Er gibt sich zu erkennen. McMurphy schaut ihn an wie ein Fabelwesen und gibt ihm gleich noch einen Kaugummi. Chief Bromden steckt ihn in den Mund und sagt: „Oh, mit Fruchtgeschmack.“

„Sie denken, du bist taub und doof“, sagt Mc Murphy und strahlt. „Du hast sie alle zum Narren gehalten, Chief.“

In Katarinas Kopf liefen die letzten sechzehn Jahre im Zeitraffer ab. Die Elternversammlungen, die durchweinten Nächte, die Gespräche mit Ärzten und Therapeuten, die freudlosen Affären, die Einkäufe, die mitleidsvollen Blicke auf der Straße, im Urlaub, hier an diesem Tisch, sechzehn Weihnachten. Hatte er all das gesehen, ausgesessen, war das heute die Pointe unter dem größten Witz seines Lebens? War es die Rache für Friedrichshagen, für Balu, den Bären, für die zugeschlagene Tür, für den langen, einsamen Sonntag vor sechzehn Jahren?

Probier’s mal mit Gemütlichkeit. Mit Ruhe und Gemütlichkeit jagst du den Alltag und die Sorgen fort.

Sie sah ihn an, sie wollte auf den Grund seiner Seele sehen, und er schien unter ihrem Blick zu verglühen. Die Luft wich aus seinen Zügen, er wurde wieder weich. Zum ersten Mal fragte sie sich, ob sie den kindlichen Boris nicht mehr mochte, als sie den Spötter gemocht hatte. Sie hatte sich in den schnellen, scharfen Geist von Boris verliebt, aber um Verliebtheit ging es nicht mehr, jetzt, da die Kinder aus dem Haus waren. Es war schon viel wert, sich nicht weh zu tun. Sie sah ihre Freunde an, die wie Hyänen am Tisch saßen.

Boris, der Blick trübe, stand auf, schlurfte zum Plattenspieler und drehte die dritte Platte des Weihnachtsoratoriums um, man spürte seine Hand zittern, als er die Nadel aufsetzte. Die fünf Freunde sahen sich an.

„Vielleicht der Wein“, sagte Katarina. „Twist in my sobriety.“

Anna kicherte, weil es gegen die erfolgreiche Tanita ging. Jedenfalls kicherte der untere Teil ihres Gesichtes. Bettina und Frank sahen sich ratlos an. Max verlor den Glauben an die Geschichte eines Weihnachtswunders.

Katarina entkorkte die nächste Flasche.

Eine halbe Stunde später waren sie schon wieder bei Weltkriegen, Rechtsruck, Europa und der Zukunft ihrer Kinder. Boris gähnte und schlurfte ab und zu zum Plattenspieler. Um Viertel vor eins, am ersten Weihnachtsfeiertag, standen Katarina und Boris in der Wohnungstür und winkten ihren Freunden hinterher. Die Freunde winkten zurück, man sah die Erleichterung in ihren Zügen. Die Erleichterung, davongekommen zu sein. Es war wie immer in der Heiligen Nacht. Die Armen und die Glücklichen. Katarina schloss die Tür und sah sich und ihren Mann im Garderobenspiegel. Ein Paar am Ende eines langen Abends. Boris öffnete seinen obersten Hemdknopf und lockerte den Kragen.

„Besser?“, fragte er.

Katarina spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen. Sie dachte an Abba aus dem Soundtrack zu ihrem Leben, aber nicht an „The winner takes it all“, sondern an „Take a chance on me“.

Honey I’m still free.

„Take a chance on me“, sang die Band in ihrem Kopf. Sie sah eine glänzende Tanzfläche, Scheinwerfer und eine rotierende Discokugel, im Hintergrund explodierte Feuerwerk in die Nacht. Es schien ihr ein bisschen zu viel Kitsch zu sein. Zu viel Lametta. Aber sechzehn Jahre waren eine lange Zeit. Und es war spät.

„Besser“, sagte sie.