BerlinDer leichte Nieselregen hält die Mitglieder des Bläserensembles der EKBO (Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz) nicht davon ab, gegen 13.15 Uhr ein erstes Lied vor der St. Marienkirche am Alexanderplatz zu proben. Besonders viele Zuschauer haben sich nicht vor der schlichten, kleinen Bühne mit dem rotem Pavillondach versammelt. In 15 Minuten startet hier das erste von fünf Christvesper-Open-airs an Heiligabend. Im halbstündigen Takt finden bis 18.30 Uhr Gottesdienste mit muskalischer Untermalung des Posaunenchors vor der Kirche statt.

Desinfektionstücher werden unter den Besuchern verteilt, Sicherheitsbeauftragte achten darauf, dass jeder seine Maske trägt. Die Polizei fährt in der ersten halben Stunde dreimal an der Kirche vorbei. Als um 13.25 Uhr die Turmglocken zu läuten beginnen, ist auf dem Vorplatz keine Menschentraube zu erkennen. Rund 20 Berliner hören pünktlich zu Beginn das erste Lied des Posaunenchors. Gesungen wird in diesem Jahr nicht. Anschließend richtet Pfarrer Eric Haußmann mit Mundschutz ein paar einleitende Worte an die Gottesdienstbesucher: „Leider können wir nicht in der Kirche feiern. Es ist anders in diesem Jahr, aber nicht weniger schön“, sagt er. „Wir sind es, die den Weihnachtsfrieden in die Stadt, in die Haushalte bringen“, wendet sich Haußmann ans Publikum.

Foto: Robin Schmidt
Großer Andrang herrschte nicht vor der St. Marienkirche am Alexanderplatz.

Die Weihnachtsbotschaft ist auch in diesem Jahr an Heiligabend in Berlin verkündet worden, wenn auch anders als wohl an allen Weihnachtsfesten jemals zuvor. Denn die Möglichkeiten, sich eine Predigt vor Ort anzuhören und das Krippenspiel anzuschauen, sind im Jahr der Corona-Pandemie stark beschränkt. In vielen Berliner Kirchengemeinden mussten die Bänke leerbleiben.

So auch in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Breitscheidplatz. Für alle, die an Heiligabend nicht auf einen Gottesdienst aus der traditionsreichen Kirche verzichten wollten, sendete der rbb einen vorproduzierten ökumenischen Fernseh-Gottesdienst mit dem evangelischen Bischof Christian Stäblein und Berlins Erzbischof Heiner Koch. Mitglieder des Staats- und Domchores sorgten für die passende Musik in den eigenen vier Wänden, die Schauspielerin Christina Große las die Weihnachtsgeschichte.

Christvesper im Berliner Dom als Livestream

Per Livestream verfolgen konnte man die Christvesper aus dem Berliner Dom. Zwar konnten auch einige Besucher die Weihnachtsmesse vor Ort besuchen, aber die Reihen am Nachmittag blieben vielfach leer. Rund 50 Menschen mit Masken und Abstand waren beim Gebet „Vater Unser“ auf dem Bildschirm zu sehen. Bischof Christian Stäblein und Dompredigerin Dr. Petra Zimmer wandten sich in ihrer Predigt an all diejenigen, die nicht vor Ort sein konnten und in diesem Jahr zu Weihnachten die Covid-19-Patienten versorgen müssen: „Gott, sei denen nah, die heute traurig und einsam sind. Wir bitten dich um deine Kraft für alle, die in diesen Tagen in den Heimen und Krankenhäusern arbeiten und um das Leben der Patienten kämpfen.“

Reger Andrang hingegen herrschte in der evangelischen Markus-Kirchengemeinde in Steglitz. Die als sehr musikalisch bekannte Gemeinde hat draußen neben der Kirche ein Lagerfeuer entzündet, an dem man sich als Gottesdienstersatz zum Weihnachtslieder singen versammeln sollte. Der Regen verhinderte das allerdings mehr oder weniger.

Die Markus-Gemeinde hatte in diesem Jahr schon früh für sich entschieden, dass es wegen der Corona-Pandemie keine normalen Weihnachtsgottesdienste geben kann. Der große, eindrucksvolle Kirchensaal wurde leergeräumt und den Studentinnen und Studenten des Masterstudiengangs „Bühnenbild Szenischer Raum“ der Technischen Universität überlassen. Sie wurden eingeladen, die Weihnachtsgeschichte darzustellen. Herausgekommen ist eine feine, besinnliche Rauminstallation. Mit grauen Tüchern verhängte Holzkonstruktionen stellen die Berge rund um Bethlehem dar. Sich drehende Laternen werfen übergroße, laufende Bilder an die Wand: Der Einzug des heiligen Paares in Bethlehem. Die Ankunft der heiligen drei Könige. Der Kindsmord befohlen von Herodes. Ein bunter Sternenhimmel verziert die Decke.

Foto: Tobias Miller
Blick in den Stall der Markus-Kirchengemeinde in Steglitz.

Im Mittelpunkt steht aber der Stall, dessen Bretterverschlag an die eilig zusammengenagelten Flüchtlingshütten erinnert, die man im Fernsehen sehen kann. Er steht nicht im Altarraum, wo man dieses in einer großen Sandkiste Kerzen aufstellen kann, sondern genau gegenüber am anderen Ende der Kirche. Anfang und Ende des Lebens Christi auf wenige Meter verdichtet. Im Stall haben die Studierenden auf eine reale Darstellung verzichtet. Lediglich Papierfiguren – Ochs, Esel, Maria, Josef - hängen wie ein Mobile über der Krippe, in der keine Puppe liegt, sondern aus der ein Licht strahlt. Dass die Krippe keine Krippe ist, sondern wie der Pappkarton eines Lieferdienstes aussieht, ist eine feine Ironie auf dieses so ungewöhnliche Weihnachten.

Die Kirche kann in den nächsten Tagen noch besucht und besichtigt werden - mit Abstand halten und Maske tragen.

Open-Air-Gottesdienst auf dem Pankower Anger

In Pankow hatte just am 24. Dezember die Corona-Inzidenz die Marke von 200 überschritten. Die Zahl der Besucher des Open-Air-Gottesdienstes auf dem Pankower Anger nahe der Pfarrkirche „Zu den vier Evangelisten“ musste weiter abgesenkt werden. „Nur noch hundert Teilnehmer durften kommen“, sagt Pfarrer Michael Hufen. In aller Eile hat man nach dem Freiluft-Präsenzgottesdienst um 16 Uhr noch einen zweiten möglich gemacht, um 16.40 Uhr.

Wer eingelassen werden wollte, musste angemeldet sein, am Zugang hakten Orderinnen die Namen auf Listen ab, alles wohlgeordnet. Die Menschen verteilten sich auf der Fläche. Viele Familien mit Kleinkindern waren gekommen, eine alte Dame nutzte ihren Rollator als Sitz, ein Mann hatte eine große Laterne mit stimmungsvoll leuchtender Kerze mitgebracht. Alles auf Abstand und alle mit Maske.

So gesichert wurde es dann ein richtiger Weihnachtsgottesdienst, wenn auch kurz und vom Nieselregen in der Dämmerung und den rechts und links vorbeirollenden Straßenbahnen und Autos begleitet. Die Weihnachtsgeschichte wurde vorgelesen, Bläser musizierten; „Stille Nacht, heilige Nacht“ und andere Lieder wurden - hinter der Maske – gesungen. Pfarrer Hufen erinnerte an alle, die in diesen Tagen eine besonders schwere Last tragen, arm oder einsam sind, Verluste erlitten haben oder am Heiligen Abend arbeiten, in Krankenhäuser Menschen pflegen. In seiner Predigt zitierte er ein Gedicht des evangelischen Theologen und NS-Widerstandskämpfers, das dieser im Dezember 1944 in Gestapo-Haft verfasst hat: „Von guten Mächten treu und still umgeben/behütet und getröstet wunderbar/so will ich diese Tage mit euch leben/ und mit euch gehen in ein neues Jahr.“ Im April darauf wurde Bonhoeffer hingerichtet.

Die Gemeinde konnte nach Andacht, Vaterunser und Kollekte mit dem Gedanken nach Hause gehen, dass Corona-Beschränkungen nicht das schrecklichste Schicksal sind. „Fürchtet euch nicht!“, hatte die Vorleserin aus der Weihnachtsgeschichte vorgetragen. Diese Worte sagte der Engel Gabriel den Hirten, die er zu dem Kind in der Krippe schickt.