Der Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz an der Gedächtniskirche (Archiv 2018).
Foto: imago images/Frank Sorge

BerlinMit Beginn der am Montag startenden Weihnachtsmarkt-Saison wird in Hinblick auf den Terror-Anschlag am Breitscheidplatz erneut die Frage disktutiert, ob und wie sicher ein Besuch der winterlichen Märke ist. Zu Unrecht, sagt Sebastian Fiedler, Bundesvorsitzender beim Bund Deutscher Kriminalbeamter, im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Nach seinen Worten sei es deutlich gefährlicher, ohne Helm auf einen Elektroroller zu steigen. 

Hintergrund für die Aussage des erfahrenen Kriminalpolizisten sind Umfragen, die belegen sollen, dass das Sicherheitsgefühl der Deutschen sinke. Das, so Fiedler, liege aber nicht an der real existierenden Kriminalitätsrate oder terroristischen Gefährdungslage, sondern sei das Ergebnis eines "gezielt gesteuerten Erschütterns des Vertrauens in den Rechtsstaat und die Sicherheitsbehörden", unter anderem "durch links- und rechtsextreme Kräfte".

Verunsicherung und vermeintliche, radikale Lösungen

Man könne, so Fiedler, "an dieser Stelle ruhig auch die AfD ansprechen, denn das ist genau deren Programmatik: Den Menschen erzählen, wie gefährdet sie sind, in Deutschland Opfer einer Straftat zu werden". Wenn die AfD, "die sich nach außen hin ja immer auf der Seite der Polizei positioniert, das Vertrauen in einen funktionierenden Rechtsstaat nicht erschüttern würde, funktionieren ihre ganzen Erzählstränge, mit denen sie auf Wählerfang gehen, nicht mehr", so Fiedler weiter. 

Auf der anderen Seite gebe es "linksextreme Splitterparteien und Vereinigungen, die "unsere Sicherheitsbehörden zum Feind erklären und vor einem bereits existierenden Polizeistaat warnen". Dies sei "prinzipiell derselbe Mechanismus mit denselben Zielen wie bei den Rechten, nur eben andersherum: Man versucht, eine Abneigung gegen den Staat zu generieren, um die Menschen auf der Straße auf diese Weise zu verunsichern und ihn in einem zweiten Schritt dann vermeintliche und radikale Lösungsansätze zu bieten“.

Sebastian Fiedler, Bundesvorsitzender beim Bund Deutscher Kriminalbeamter. 
Foto: Friedhelm Windmueller/BDK

Von den Gegenreaktionen aus der Politik zeigte sich Fiedler enttäuscht. Auch "von diversen Innenministern" müsse er immer wieder hören, wie sie vermeintliche Zusammenhänge zwischen der Entwicklung der lückenhaften polizeilichen Kriminalstatistik und dem Sicherheitsgefühl herstellen wollten. Im nächsten Schritt würde dann über mehr Polizei auf der Straße geredet. Das sei reichlich ungeschickt und wirkungslos, denn weder Statistik noch Uniformen auf der Straße hätten eine erwiesene Wirkung auf das eigentliche Sicherheitsgefühl der Menschen.

Auch Medien tragen hier Verantwortung

Auch die Medien tragen nach Fiedlers Ansicht "ihren Teil dazu bei, die Bevölkerung zu verunsichern". Er hält es "für schwierig, wenn jedes Jahr wieder von Zeitungen und Fernsehsendern gefragt wird, ob und wie sicher der Besuch eines Weihnachtsmarkts in diesen Zeiten ist". Grundsätzlich sei es "um ein Vielfaches sicherer, zehnmal auf einen Weihnachtsmarkt zu gehen als ein einziges Mal ohne Helm auf einen Elektroroller zu steigen". Darüber würde sich aber kaum jemand Gedanken machen.

Natürlich sei es "absolut richtig, dass Veranstaltungen wie Weihnachtsmärkte stärker gesichert werden. Wir können Szenarien wie auf dem Breitscheidplatz oder in Nizza ja nicht ignorieren. Die Sicherheitsbehörden machen aber auch im Hintergrund alles Menschenmögliche, um die Bevölkerung zu schützen ", so Fiedler. Dennoch müsse man sich die Frage stellen, ob es richtig sei, "jedes Jahr aufs Neue darüber zu diskutieren und die Leute damit überhaupt erst dazu bringt, sich zu fragen, ob man überhaupt noch auf einen Weihnachtsmarkt trauen kann oder nicht".

Denn es seien "genau diese Diskussionen", die das Sicherheitsgefühl der Menschen senken würden. Völlig unabhängig von der tatsächlichen Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Gewalttat zu werden. Die hat in den vergangenen Jahrzehnten stetig abgenommen.