Am Fuße der Gedächtniskirche liegen noch die Grabkerzen, achtlos zusammengeschoben zu einem Haufen, zerbrochenes Glas dazwischen und obenauf eine welke Rose. Am Bauzaun dahinter hängt ein Plakat mit den Bildern der Opfer, ihren Namen, ihren Nationalitäten, auf DIN A3, in Plastik eingeschweißt. „Wir trauern um die 12 Toten des islamistischen Terroranschlags vom 19.12.2016 am Berliner Breitscheidplatz“ steht da. Das Wort „islamistisch“ hat jemand versucht, mit Kugelschreiber zu übermalen. Hin und wieder bleiben ein paar Touristen stehen, schießen ein Foto.

Ein paar Meter weiter umrahmen vier Weihnachtsbäume neue Grablichter, fein säuberlich stehen sie aufgereiht auf den Stufen, die Kerzen darin brennen. Jemand hat auch die Holztafel mit den roten Lettern gerettet, die seit einem Jahr hier liegt und diese Frage stellt, auf die es keine Antwort gibt: „Warum?“

Es hat etwas Neues begonnen in diesen Tagen auf dem Breitscheidplatz. Am Montag wird der Weihnachtsmarkt eröffnen, Michael Müller wird eine Rede halten, es soll Kerzen und Gedenken geben. Und dann, in drei Wochen, am Jahrestag des Anschlags, soll das Mahnmal enthüllt werden: Ein Riss, der durch die Stufen an der Kirche geht, gefüllt mit einer Legierung aus Halbedelmetallen und Gold, wird dann an den Tag erinnern, an dem der Tunesier Anis Amri mit einem Sattelzug in den Weihnachtsmarkt raste. Die Namen der Menschen, die er tötetet, werden in die Stufen der Gedächtniskirche eingeschrieben.

Die Bilder der Zerstörung

Berlin hat dann endlich einen offiziellen Gedenkort für den Terror, der die Stadt für immer verändert hat. Das wildgewachsene Provisorium, das bisher an die Opfer des Terroranschlags erinnert, hat bereits in diesen Tagen ausgedient. Denn seit die Buden wieder stehen, ist der Platz ganz von selbst, ohne Plan und Konzept, zu einem Ort der Erinnerung geworden.

Die Bilder der Zerstörung haben sich ins Gedächtnis gebrannt: das geborstene Holz, die rot-weiß-gestreiften Dachplanen, geknittert und aufgerissen, das Tannengrün in der zersplitterten Windschutzscheibe des Lkws, der umgestoßene Weihnachtsbaum, der quer über der Budapester Straße liegt.

Bilder sind Teil von Terrorakten, sie sind von den Attentätern genauso gewollt wie die Toten und Verletzten, die Angst und die Verunsicherung. Sie sind das, was bleibt. Wie eine Folie legen sie sich jetzt über den wiederaufgebauten Weihnachtsmarkt, der genauso aussieht wie vor dem Anschlag, wie in jedem Jahr: bunt und leuchtend, trubelig und ein bisschen trashig.

Das Pariser Bataclan machte ein Jahr, nachdem Terroristen dort im November 2015 neunzig Menschen ermordet hatten, wieder auf. Sting spielte, das Konzert war ausverkauft. „Man darf zur Trauer nicht noch die Niederlage kommen lassen“, schrieb der Journalist Bertrand Dicale. „Das Bataclan konnte nur den Lauf seiner Geschichte fortsetzen – großzügig, kühn, gierig. Frei.“

Ist es das? Eine Botschaft der Stärke, der Freiheit? Seht her, nichts hat sich verändert, wir machen weiter wie bisher?

Sechzig, vielleicht achtzig Schritte

Man kann denselben Weg, den der Lkw vor einem Jahr genommen hat, entlanglaufen. Jetzt, kurz vor der Eröffnung, hängt der Geruch nach Lack und Holz zwischen den Buden, mischt sich hier und da mit einem Hauch von Glühwein. Weihnachtsbäume liegen, noch in Netze gepackt, am Boden. An den Ständen werden Mandelröster poliert und Grillroste abgeseift, Glühbirnen angeschraubt und Preisschilder festgetackert.

Es sind sechzig, vielleicht achtzig Schritte bis zu der Stelle, wo der Lkw zum Stehen kam. Er hat dabei die Hälfte eines hellblauen Häuschens abgerissen. „Faszination Weihnachtswelt“ prangte gut lesbar unter dem Giebel. Auch das Häuschen ist wieder da. Man kann dort wieder goldene Engelchen und Christbaumkugeln kaufen.

Nicht weit davon steht jetzt Martin Blume, 55, und blickt auf seine Buden, die direkt daneben aufgereiht sind. „Blumes kleine Glühweinbutze“, der Holzkohlegrill, der Stand, an dem es Hirtenbrote gibt. Es war knapp am 19. Dezember 2016. Hätte das Bremssystem des Lkws nicht funktioniert, wäre er direkt in seine Buden gerast. Dort stand Martin Blume. Er hörte nur den Aufprall – dann Stille, dann rannte er los. „Ich musste mich vergewissern, was geschehen ist.“

Er hat alles gesehen, die Toten, die Verletzten, die Gliedmaßen, die zwischen den Trümmern lagen. Er mag darüber nicht viele Worte verlieren, lieber spricht er über die vielen Menschen, die sich um die kümmerten, die Hilfe brauchten. „Das hat mich sehr beeindruckt“, sagt er. Diese große Menschlichkeit, die sich in Momenten der absoluten Katastrophe zeigt. Bilder der Hoffnung, an denen Martin Blume sich festgehalten hat im Chaos danach, die ihm Kraft gaben. „Das Leben musste ja weitergehen“, sagt er.

„Vom Weihnachtsgeschäft zehren wir den ganzen Winter“

Blume ist ein großer Mann mit breiten Schultern und sanftem Händedruck, er ist Schausteller, seit er anpacken kann. Sein Vater hat den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz ins Leben gerufen, zusammen mit Artur Brauner, dem Filmproduzenten, und Jule Hammer, den die Süddeutsche Zeitung damals, Anfang der Sechziger, „Chefclown des Berliner Kulturlebens“ taufte. Hammer, ein SPD-Mann, Galerist und Literat, war von der Idee getrieben, aus Berlins Innenstadt ein „unterhaltsames Gesamtkunstwerk“ zu machen.

Anfangs war der Markt ein Neujahrsrummel mit Fahrgeschäften und Buden bis zum Kranzler Eck. Der Weihnachtsmarkt gastierte bis 1983 in den Messehallen. Auf dem Breitscheidplatz wurde er über die Jahre zu einem der größten der Stadt. Im Jahr vor dem Anschlag kamen eine Million Besucher.

„Vom Weihnachtsgeschäft zehren wir den ganzen Winter“, sagt Blume. Er besitzt eine Geisterbahn, mit der er durch ganz Europa zieht. Er ist gut aufgestellt. Aber für die kleineren Budenbetreiber, sagt er, ist es ein hartes Business. Die Saison geht von Ende März bis in den Oktober. Danach kommen nur noch die Weihnachtsmärkte.

Nur zwei Tage nach dem Anschlag öffnete der Markt wieder. Manche sagten danach, dass das zu schnell ging, dass es kein Innehalten gab, sondern ein Hinweggehen über die eigene Verletzlichkeit, Zeichen eines kollektiven Verdrängens. Martin Blume sagt: „Es ging auch darum, Existenzen zu sichern.“ Er beschäftigt zwanzig, dreißig Mitarbeiter. „Für uns Schausteller wäre es ein wirtschaftliches Desaster gewesen, wenn der Markt beendet worden wäre.“

Entschädigungsanträge, statt Trauerbewältigung

Die Schausteller luden zu einer Andacht in die Gedächtniskirche. Unter den Toten war keiner von ihnen, trotzdem standen viele unter Schock. „Ich habe sieben Kinder“, sagt Blume, „ich habe schon einiges erlebt, aber das hat mich aufgewühlt.“ Nächtelang schlief er schlecht, die Bilder blieben noch eine ganze Weile, sagt er. Jetzt aber steht er wieder hier. „Man muss doch dagegenhalten, sonst haben die Terroristen gewonnen.“

Wie schaffen es Menschen, ein traumatisches Erlebnis zu verarbeiten? Und warum können manche mit Krisen besser umgehen als andere? Resilienz nennen das Psychologen, Widerstandsfähigkeit. Eine große Rolle spielt dabei, wie gut Menschen in eine Gemeinschaft eingebunden sind. Ist jemand für sie da? Können sie das Erlebte teilen? Wendet sich ihnen jemand zu?

Am schwersten hatten es die Schausteller, deren Buden zerstört wurden. Sie haben den Sommer damit verbracht, Anträge auf Entschädigung auszufüllen. Sie mussten sich an die Verkehrsopferhilfe wenden, weil der Anschlag mit einem Fahrzeug begangen wurde. Allein das wirkte zynisch. Manche warten bis heute auf Geld. Das hilft nicht gerade dabei, nach vorne zu schauen.

Was Halt gibt: Schausteller sind Familienmenschen, das Geschäft wird von einer Generation an die nächste weitergegeben, die Familien heiraten untereinander. Sie sind eine große Gemeinschaft hier auf dem Breitscheidplatz, viele sind dabei, seit der Weihnachtsmarkt vor 34 Jahren das erste Mal stattfand. Am Donnerstag nach dem Anschlag drehten sie also die Partymusik an ihren Buden leise, dimmten die grelle Beleuchtung und schenkten wieder Glühwein aus. Polizisten mit Maschinenpistolen patrouillierten zwischen den Ständen, Kräne hievten Betonsperren auf den Platz.

Poller haben Konsequenzen

Ein Jahr später sind diese Poller das einzige weithin sichtbare Zeichen, dass sich etwas verändert hat an diesem Ort, in dieser Stadt seit jenem 19. Dezember 2016.

Poller sind ein seltsames Phänomen urbaner Räume. In Berlin tauchten sie erstmals in den Achtzigern auf, sie dienten der Verkehrsberuhigung. Man kann das nachlesen bei Helmut Höge, dem Begründer der Pollerforschung. Auch dass es einen Zusammenhang zwischen Pollern und Gentrifizierung gibt, weil sie in Bezirken wie Kreuzberg dazu beitrugen, ganze Straßenzüge zu beruhigen und so aufzuwerten.

„Poller stehen nicht einfach nur in der Gegend herum, sie haben Konsequenzen“, sagt Philipp Goll. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität in Siegen und hat Höges Forschungsergebnisse in einem Sammelband herausgegeben. „Poller verändern eine Stadt“, sagt er.

Betonsperren, wie sie am Breitscheidplatz stehen, wurden als Begrenzung von amerikanischen Highways erdacht – daher die Form, die bei einem seitlichen Aufprall ein Fahrzeug in die Spur zurückleiten kann. Jetzt sollen sie zeigen: Die Politik tut was, um die Bürger zu schützen. Sie vermitteln Sicherheit, wo es keine geben kann.

„Poller sind nicht die richtige Antwort auf Terror“

Denn erstens ist es sehr unwahrscheinlich, dass genau auf diesem Weihnachtsmarkt noch einmal genau solch ein Anschlag mit einem Lkw begangen wird. Und zweitens halten sie keinen Rucksackbomber und keinen Messerstecher auf. Nicht einmal einen Kleinwagen. Im Sommer raste ein übermüdeter Autofahrer mit seinem Kia in eine der Betonsperren am Kudamm – und schob sie um neunzig Grad zur Seite.

„Poller sind nicht die richtige Antwort auf den Terror“, sagt Goll. Auch weil sie die Besucher immer wieder daran erinnern, dass sie sich an einem gefährdeten Ort befinden. „Das sorgt für eine Atmosphäre der Angst. Wie ein ungewolltes Mahnmal.“

Trotzdem stehen jetzt hundert Betonsperren um den Platz, an einigen wurden halbierte Weihnachtsbäume befestigt, um sie zumindest etwas zu kaschieren. In den Tagen vor der Eröffnung beschwerten sich die Schausteller, dass sie allein die Kosten – um die 30 000 Euro – für die Poller tragen.

Eine private Veranstaltung

Der Innensenator reagierte mit holprigen Statements: Der Weihnachtsmarkt sei eine private Veranstaltung, es gelte also die Gewerbeordnung, nach der die Veranstalter in Abstimmung mit dem Bezirk für die Sicherheit zu sorgen hätten. Man schicke Polizisten, wieder mit Maschinenpistolen, damit trage die Stadt ihren Teil bei. Es könnte auch Videoüberwachung geben. Der Präsident des Deutschen Schaustellerverbandes merkte irgendwann vorsichtig an, dass ein Weihnachtsmarkt keine Festung sein dürfe.

2017 war das Jahr, in dem Berlin lernen musste, mit dem Terror zu leben. Der Anschlag hat eine Wunde in die Stadt gerissen. Das hatten auch die Architekten des offiziellen Mahnmals im Kopf. Geheilt ist diese Wunde noch nicht. Man spürt das, wenn man den Schaustellern zuhört. Die meisten sagen nicht viel, sie wollen, dass endlich Normalität einkehrt, nicht Besinnlichkeit, das wäre zu viel verlangt, dafür stand der Weihnachtsrummel auf dem Breitscheidplatz sowieso noch nie.

„Das hier ist wahrscheinlich der sicherste Weihnachtsmarkt der Welt“, sagt Martin Blume. Er packt eine Kiste mit Metallbeschlägen, die an die Buden gezimmert werden müssen, schiebt die Schirmmütze zurecht. Im Gehen sagt er noch: „Hundertprozentige Sicherheit gibt es nie.“ Zwischen seinen beiden letzten Sätzen liegt das ganze Dilemma unserer Zeit.