Berlin - Wahrscheinlich hat jeder, der die ersten Nachrichten gehört hat, an einen Anschlag gedacht. An einen Terrorakt mitten in Berlin, auf dem Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz, ein Anschlag direkt an der zerbombten Gedächtniskirche, die an den Krieg gemahnt. Tote und Verletzte liegen auf dem Pflaster, ein Lastwagen ist  in die Menge gerast.

Jeder hat wohl in diesem Moment gedacht: Berlin ist kein halbwegs sicherer Ort, es war ja nur eine Frage der Zeit. So wie Paris, wie Nizza, wie auch München nicht sicher waren, nicht sind. Die Toten auf dem Berliner Weihnachtsmarkt sind gleich, ungeachtet aller Gewissheiten, eine Bestätigung für alle, die immer gesagt haben, es kann auch Deutschland wieder treffen, es wird Deutschland treffen.

Dieses drückende Gefühl der Beklemmung, des Schmerzes

Mit jeder neuen Nachricht der Berliner Polizei, mit den Opferzahlen, mit Nachrichten über mehr Tote und Verletzte an diesem Adventsabend steigt dieses drückende Gefühl der Beklemmung, des Schmerzes. Auch wenn wir in diesen Momenten noch gar nichts Genaues wissen, wenn ein Unfall nicht auszuschließen ist. Doch zu sehr passt dieser Abend in das Bild von einer Welt, das sich im Jahr 2016 so verdunkelt hat, dass manche nur noch schwarze Farben sehen.

In wenigen Minuten ist aus einem Weihnachtsmarkt ein Ort der Zerstörung geworden, der Trauer um die Opfer. Und diese Toten gilt es zu beklagen, völlig unabhängig davon, ob es ein Anschlag oder ein Unfall war. Diesen Toten sind  wir es schuldig, dass wir nicht vor ihren verlorenen Leben spekulieren. Und es ist abscheulich, wenn AfD-Politiker die Katastrophe, noch jenseits aller Gewissheit, unmittelbar für ihre Propaganda ausschlachten, von „Merkels Toten“ sprechen.

So etwas ist würdelos

Es ist mehr als beschämend. Den Familien der Toten, den Hinterbliebenen helfen keine politische Instinktlosigkeit und keine Sicherheitsdebatte dreißig Minuten nach der Katastrophe. So etwas ist würdelos. Den Familien hilft, wenn überhaupt, nur Mitgefühl. Ein Innehalten in dieser Zeit, in der wir uns nicht auf eine Katastrophe, sondern auf ein paar ruhige Tage in den Familien gefasst machen wollten. Ein Innehalten sollte es auch bei jenen sein, die ihre politischen Reflexe nicht beherrschen können.

Jetzt aber geht es um unser Mitgefühl für die Opfer

Und wenn es ein Anschlag war? Wenn einer der unschuldigsten Orte einer Großstadt, ein Weihnachtsmarkt, doch zu einem Ziel von Gewalt wurde. Dann werden wir in uns gehen müssen, wie wir als Gesellschaft dem entgegentreten wollen. Mit Hass? Mit Vergeltung? Dann aber wären wir dort, wo uns die Feinde unserer Freiheit haben wollen. Und das sollten wir niemandem zugestehen. Jetzt aber geht es um unser Mitgefühl für die Opfer einer Katastrophe, nichts sonst an diesem Abend.