Einkaufen vor Heiligabend könnte so schön einfach sein. 
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BerlinDie Warnung war eindeutig: Ein Freund hatte mir erzählt, dass sich seine Schwiegermutter zu Weihnachten eine neue Spülmaschine wünscht. Das hat ihn etwas aus der Bahn geworfen. Nicht nur finanziell, sondern vor allem organisatorisch.

Er hätte ihr lieber ein Buch geschenkt, denn Buchläden sind in Zeiten des Adventskaufrauschs nicht ganz so voll wie Technik-Kaufhäuser. Er sagte sich: „Es gibt nur eine Chance – man muss dem ganzen Wahnsinn zuvorzukommen.“ Also stand er schon zehn Minuten vor der Öffnung des Kaufhauses an der Tür – und war schnell wieder draußen.

Kaninchen als Festtagsbraten vorbestellt

Auch wir wollten nun nicht alles dem Glück überlassen und bestellten den Festtagsbraten mal wieder vor. So wie zu Ost-Zeiten, zu Zeiten des Mangel und des kollektiven Schlangestehens. Ein Vorteil ist, dass auch wir inzwischen nicht mehr ganz so viel Braten brauchen wie früher, denn wir haben zwei Veganer in der Familie, und die wünschen sich zwar ganz nostalgisch Klöße und Rotkohl, aber mehr nicht. Alle anderen bekommen dazu bei uns zu Weihnachten allfeinsten österlichen Kaninchenbraten.

Der wurde schon zwei Wochen vor dem Fest in einem ziemlich großen Feinkostladen in Friedrichshain bestellt. Ich hatte einen Abholschein für den 23. Dezember in der Tasche und dachte: Alles bestens. Das Fest ist gerettet. Am Tag vor Heiligabend saß ich am Frühstückstisch mit der Familie und war sicher, dass der Laden um 9 Uhr öffnet. Um 7.40 Uhr schaute ich doch noch mal im Internet nach – und sah: Der Laden öffnet um 8 Uhr. Ich trug noch Nachtzeug. Es war unmöglich, um 7.50 Uhr vor der Ladentür zu stehen.

Längere Schlangen 

Trotz des Regens fuhr ich mit dem Rad, um schneller da zu sein. Aber zu spät. Als ich 8.30 Uhr in dem Laden stand, reichte die Schlange an den vier Kassen bis fast an das Ende des Ladens. Dabei werden die Supermärkte doch nur zwei Tage lang geschlossen sein. Es steht doch bloß Weihnachten an, nicht der Weltuntergang. Eine längere Schlange in einem Lebensmittelladen habe ich bislang nur im Sommer 1988 vor einem Fleischer in Rumänien gesehen. Und noch längere Schlangen gab es nur, als es im Winter 1989 im Osten 100 West-Mark Begrüßungsgeld verteilt wurden.

Ich gab auf und verließ den Laden. Draußen stieg ein Mann aus seinem großen schwarzen Auto und eilte hinein. Dabei sagte er tatsächlich sehr laut in sein Telefon: „Ich kann die Leute nicht am Telefon therapieren. Ich habe jetzt einen wichtigen Termin. Ich bin gleich da.“ Ich musste lachen, denn ein Verkäufer hatte gesagt, dass es an der Kasse mindestens eine Stunde dauert.

Freie Parkplätz ohne Ende

Ich fuhr zur Arbeit. In der City gab es Parkplätze ohne Ende, die Straßen waren fast menschenleer. Das war ja auch logisch: Die Leute standen alle Schlange in den Läden.

Ich wollte schnell noch in einen Buchladen, aber auch dort war es übervoll. Auf einer Postkarte neben der Tür stand: „Am Ende wird alles gut, und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“

Gar nichts war gut. Es war der Tag vor Heiligabend – ein voller Arbeitstag. Und es fehlten noch ein paar Geschenke und auch der Festtagsbraten. Es war noch nicht zu Ende.