Schon klar, Berlin ist älter als seine ersturkundliche Erwähnung aus dem Jahr 1237. Tatsächlich ist die Stadt (mindestens) so alt wie der Weinbau in der Region. Albrecht – Beiname „der Bär“–, erster Markgraf von Brandenburg, siedelte Mönche an in der unchristlichen Sumpflandschaft. Und diese Mönche brauchten Messwein, den sie an den südlichen Hängen des Barnim anbauten. Seit 1173 ist der Anbau verbrieft. Straßennamen wie der Weinbergsweg in Mitte zeugen heute noch von alten Anbaugebieten.

Den Weinberg in Mitte gibt es schon ewig nicht mehr, heute wachsen roter Acolon und weißer Ortega und ein gutes Dutzend weitere Sorten am Koppelweg in Britz, in der Kleingartenkolonie „Guter Wille“. Acolon und Ortega sind allemal gute Trauben. Werden sie richtig gepflegt und behandelt und ihr Saft in Fässern fachgerecht ausgebaut, kann das Ergebnis sich trinken lassen. Sagt Viktor Sucksdorf, der Winzer. Der hat das Handwerk in seiner moldawischen Heimat gelernt.

Seit 2002 erntet, keltert und füllt Sucksdorf in Britz ab. In guten Jahren kommen auf dem halben Hektar Anbaufläche schon mal mehr als 1000 Flaschen zusammen, von denen viele zuletzt an Gäste des Bezirks aus den USA oder Großbritannien gegangen sind.

Kampf um die Etiketten

Produziert also Viktor Sucksdorf „Britzer Wein“? „Neuköllner Wein“? „Berliner Wein“? Nein, nein, nein, das wäre wohl zu einfach und würde eklatant gegen das Deutsche Weingesetz verstoßen. Darin wird Berlin nicht als Weinanbaugebiet geführt. Also spricht man bei dem hiesigen Tropfen einfach von „Deutschem Wein“. Eine genauere Herkunftsbezeichnung soll später hinzukommen. „Berliner Landwein“ wäre der erste Schritt. Wenigstens darf auf dem Etikett auf der Rückseite der Fläche der Abfüller stehen – und das ist in diesem Fall die Agrarbörse Ost.

Die Agrarbörse Ost wird unter anderem vom Land Berlin und vom Jobcenter finanziert. Sie ist der Trägerverein der „Britzer WeinKultur“, wie die Fläche am Koppelweg offiziell heißt. Sie darf laut Weingesetz nicht Anbaugebiet heißen.

Wenigstens erlaubt das Paragrafenwerk offiziell, dass seit 1. Januar dieses Jahres überhaupt kommerzieller Weinanbau in Berlin betrieben werden darf. Für Viktor Sucksdorf heißt das, dass er endlich eine, wenn auch kleine, Chance hat, seinen Wunsch wahr werden zu lassen. „Ich möchte Berliner Wein herstellen und ihn verkaufen“, sagte er am Rande der Lese am vergangenen Mittwoch. Wie sein 2016er-Produkt schmeckt, kann dann im nächsten Frühjahr probiert werden. Wegen der komplizierten Lage war die Britzer Lese voriges Jahr ausgefallen.

Doch es war nicht nur das strenge Deutsche Weingesetz, das den Britzer Winzern zuletzt zugesetzt hatte. Auch die Neuköllner Kommunalpolitik war ihnen nicht immer zugeneigt. Das Gelände am Koppelweg gehört dem Bezirk. Über Jahre hatte dieser den Wein auf seinem Pachtland geduldet. Bis 2014 die Kündigung drohte, weil dort eine Grundschule für den stetig wachsenden Ortsteil Britz hätte gebaut werden können.

Der Konjunktiv gilt heute noch. In Ermangelung der Britzer Weinkönigin – die neulich gewählte Natalie Schultz war unabkömmlich – ließ sich am Mittwoch Bürgermeisterin Franziska Giffey den ersten Ertrag des neuen Jahrgangs zeigen und schmecken. Wie die SPD-Politikerin sagte, gebe es die Schulneubauplanung tatsächlich noch, sie sei aber derzeit nicht aktuell. Also wurde der Pachtvertrag verlängert.

Platz für einen Schulgarten

Dennoch gab Giffey Winzer Sucksdorf und den Leuten von der Agrarbörse einen Rat mit: „Bei der Suche nach einer langfristigen Lösung ist sicher eine Zukunft als Schulgarten denkbar und vernünftig.“ Dann ließe sich vielleicht auch über eine mögliche Nutzung angrenzender Flächen, die ebenfalls dem Bezirk gehören, reden.

Die Idee mit dem Schulgarten findet der Trägerverein Agrarbörse-Ost gut. Geschäftsführer Günter Röder gibt sich keinen Illusionen hin, dass man auf den 5000 Quadratmetern jemals gewinnbringend Wein herstellen kann. Vielmehr gehe es um „Bildung, Veranstaltung, Weinbau – egal, in welcher Reihenfolge“, so Röder. Gedacht sei an einen Lehrweingarten mit eigenem Ertrag, den man durchaus an Ort und Stelle verkaufen könne.

Aber ein wenig professioneller darf der Britzer Weinbau schon werden – und damit mehr als ein Hobby von Viktor Sucksdorf. Zuletzt habe man eine Begehung mit Beratern gehabt, so Röder, Erben eines großen Guts in der Weinstadt Traben Trarbach an der Mosel. Im Ergebnis soll sich Sucksdorf stärker auf seine beiden Star-Gewächse konzentrieren, den Acolon und Ortega stärken. Daraus lasse sich sehr wohl ein gut trinkbarer Landwein gewinnen, so Röder.