Weiße Geisterräder erinnern an Berlins tote Radfahrer

Der Fahrer raste an der roten Ampel vorbei – und dann krachte es auch schon. Es war 21.40 Uhr, als ein Radfahrer am Mittwoch auf der Straße Alt-Friedrichsfelde von einem Auto erfasst wurde. Der 26-Jährige war gerade dabei, an der Rosenfelder Straße die Fahrbahn auf einer Fußgängerfurt zu überqueren. Ihm zeigte die Ampel grünes Licht. Bei dem Aufprall wurde der Mann so schwer verletzt, dass er am Unfallort starb. „Er ist der zweite Radfahrer, der in diesem Jahr in Berlin ums Leben kam“, teilte die Polizei mit. Insgesamt gab es zwölf Verkehrstote.

Im vergangenen Jahr sind in Berlin zehn Radfahrer tödlich verunglückt. Damit sie nicht in Vergessenheit geraten, stellt der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) an den Unglücksorten Geisterräder auf – weiß bemalte Fahrräder. Am Donnerstag hat die Landesvorsitzende Eva-Maria Scheel das erste postiert, in Kreuzberg an der Glogauer-/Ecke Reichenberger Straße. Dort starb ein 30 Jahre alter Radfahrer, nachdem ihn ein rechts abbiegender Lastwagen überrollt hatte.

Beim Abbiegen übersehen

„Geisterräder sind keine deutsche Erfindung, die Idee stammt aus den USA“, sagt Nikolaus Linck, Sprecher des Berliner ADFC. In Deutschland gibt es die Mahnmale seit 2009.

Obwohl zehn Radfahrer in Berlin starben, werden an den Straßen nur neun Ghost Bikes aufgestellt. Linck: „Der letzte Unfall 2015 fand auf einer Autobahn statt“ – und dort sei eine solche Aktion verboten. Am 17. Dezember hatte ein 75 Jahre alter, offenbar verwirrter Radfahrer versucht, den Berliner Ring im Bezirk Pankow zu queren. Dafür wird ein weiteres Geisterrad auf dem Tempelhofer Feld postiert, wo ein Kitesurfer im Oktober einen Radfahrer getötet hat. Das Opfer zählt nicht zu den Verkehrstoten, weil die Piste nicht als Straßenland gilt.

Der ADFC hat auch die anderen tödlichen Unfälle analysiert. Das Unglück in Kreuzberg war nicht das einzige, an dem der Kraftfahrer schuld war. So wurde am 13. Mai ein 82-jähriger Radfahrer auf der Waltersdorfer Chaussee in Rudow von einem Autofahrer übersehen. Am 17. Dezember starb eine 32 Jahre alte Radlerin auf der Karlshorster Straße in Lichtenberg unter einem Lkw, dessen Fahrer sie beim Abbiegen offenbar nicht beachtet hatte.

Moritzplatz wurde entschärft

Der Verband listet aber auch Fälle auf, bei denen die Radfahrer die Verantwortung tragen. So wurde am 11. Oktober ein Radfahrer, der die Danziger Straße bei Rot querte, von einem Auto erfasst – und getötet.

„Wir haben die Unfälle mit Radfahrerbeteiligung eingehend untersucht“, sagte Scheel. In Berlin hat die Polizei im vergangenen Jahr 7724 solcher Unglücke registriert. 4085 Unfälle, mehr als die Hälfte, wurden von Radfahrern (mit)verursacht. In diesen Fällen war die „Benutzung der falschen Fahrbahn“ Hauptursache. Ein Beispiel: Ein Radfahrer ist auf dem Fahrradweg in der falschen Richtung unterwegs.

Am häufigsten kommen Radfahrer allerdings unter die Räder, weil sie von Rechts- oder Linksabbiegern übersehen werden. „Fehler beim Abbiegen“ waren im vergangenen Jahr die Ursache von 1534 Unfällen.

„Der Senat muss endlich handeln. Die Infrastruktur an Gefahrenschwerpunkten muss rasch umgebaut werden“, fordert die Landesvorsitzende. Doch für ganz Berlin gibt es nur eine einzige Unfallkommission, in der Polizei und Verwaltung Brennpunkte analysieren. Immerhin: Der Moritzplatz in Kreuzberg, einst der gefährlichste Ort für Radfahrer, wurde umgestaltet. Seitdem passieren dort kaum Unfälle.