Er sieht gespenstisch aus. Der Mann sitzt am Kurfürstendamm auf dem Bürgersteig, an ein Gitter gelehnt. Körper und Kleidung sind mit weißer Farbe bemalt. Auch der Laptop, der auf seinem Schoß liegt, ist kreideweiß. Nur an der Wollmütze schimmert etwas Grün hindurch. Auf dem Boden vor ihm klebt ein Schild.

Passanten erfahren, dass der Mann Kevin heißt. In vier Sätzen wird seine Situation erklärt: Kevin sei ein alleinerziehender Vater und könne sich nicht mehr die hohe Miete für die Wohnung leisten. Deshalb sei er mit seiner halbwüchsigen Tochter auf der Straße gelandet. Das einzige Glück, das der Mann hat: Er ist kein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern eine lebensecht aussehende Puppe aus Kunststoff.

Kevin ist nicht allein auf dem Kurfürstendamm. Insgesamt 19 weißbemalte Puppen sind am Donnerstag für einen Tag auf dem weihnachtlich geschmückten Boulevard zwischen Adenauer Platz und Olivaer Platz wie Geister aus einer anderen Welt aufgetaucht. Neun Frauen und Männer platzierten sie um zehn Uhr absichtlich vor Häusern, in denen Immobilienfirmen residieren.

„Wir zeigen, dass es jeden Berliner treffen kann, aus der Wohnung und aus seinem Kiez zu fliegen“

Die Gruppe nennt sich Künstlerkollektiv Reflektor Neukölln. „Unsere Puppen-Aktion ist ein Zeichen des Protestes gegen die in Berlin rasant steigenden Mieten und der daraus folgenden Verdrängung der Menschen aus den Kiezen, in denen sie jahrelang lebten“, sagt Matthias Holland-Moritz, der die Aktion leitet. An den Kunststoff-Puppen hat die Gruppe seit September gearbeitet. Professionelle Theater-Maskenbildner halfen vor allem bei den Gesichtern. Die Kleidung der Puppen stammt aus Second-Hand-Läden.

Die Figuren stellen Personen aus allen Schichten dar. Zu sehen sind eine türkische Familie, eine Schwangere, ein Student, ein Hartz-IV-Empfänger, eine Rechtsanwältin oder ein altes Ehepaar, die ihre Wohnungen verloren haben. „Die Schicksale, die wir erzählen, sind zwar fiktiv. Aber sie stehen für viele, die tatsächlich in der Stadt passieren“, sagt Holland-Moritz.

Mit den Puppen, denen die Künstler Namen gaben, hole man die Gentrifizierungsopfer aus der Anonymität. „Ob Sozialhilfeempfänger oder Menschen mit einem guten Job: Wir zeigen, dass es jeden Berliner treffen kann, aus der Wohnung und aus seinem Kiez zu fliegen, weil er sich nicht mehr die hohen Mieten dort leisten kann“, sagt Holland-Moritz. „Oft droht am Ende sogar die Zwangsräumung.“

Puppen-Aktion trifft auf positive Resonanz

Zwangsräumungen sind in Berlin keine Seltenheit. Laut Senatsverwaltung für Soziales reichten Vermieter im vergangenem Jahr 4598 Räumungsklagen bei den Gerichten ein. Von diesen wurden 3611 durchgesetzt. Das wären umgerechnet etwa zehn Zwangsräumungen pro Tag.

Die Puppen-Aktion auf dem Kurfürstendamm findet positive Resonanz. Viele Passanten, die eigentlich in den Geschäften schnell Weihnachtseinkäufe erledigen wollen, bleiben neugierig vor den Figuren stehen. „Ich bin schon erstaunt, welche Folgen die drastische Mietentwicklung hat“, sagt Manfred Gnittka. Überrascht ist auch die Tschechin Theresa Melkov, die seit kurzem in der Hauptstadt als Architektin arbeitet. „Ich wusste gar nicht, dass es in Berlin so ein großes Problem mit den Mieten gibt“, sagt sie.

Die Puppenaktion ist bereits die zweite. Das Künstlerkollektiv, das aus dem Neuköllner Schiller-Kiez stammt, zeigte in dem Viertel erstmals letztes Wochenende seine Figuren. Laut Wohnungsmarktreport stiegen in dem Bezirk die Mieten allein 2017 auf über 17 Prozent. „Diese drastische Entwicklung und die Verdrängung vieler Menschen war eigentlich der Grund für unseren ersten Protest, den wir nun in die gesamte Stadt tragen wollen“, sagt Holland-Moritz. Die nächste Aktion wird bereits geplant.