Hier soll einmal eine Autobahn gebaut werden? Genau. Hier – mitten im dicht bebauten Friedrichshain, wo Straßenbäume stehen, Kinder spielen, Cafébesucher sitzen, soll eine Großbaustelle entstehen. Für einen Tunnel, eine Verkehrsschneise, Anschlussstellen – für die A 100, die aus Neukölln kommend über Treptow hinaus nach Lichtenberg verlängert werden soll. Noch ahnen die meisten Anwohner nicht, was in einigen Jahren auf sie zukommen könnte. Doch diejenigen, die Bescheid wissen, lehnen das Projekt meist ab. Das ergab eine Umfrage des Grünen-Politikers Harald Moritz.

„De Resultate sind eindeutig“, sagte der Abgeordnete. Die zentrale Frage lautete: „Befürworten Sie diesen Ausbau der A 100?“ – gemeint war der 17. Bauabschnitt, der durch Friedrichshain führen soll. Von den 230 Anwohnern, die sich bisher an der Umfrage beteiligten, kreuzten 81,5 Prozent Nein an. Nur 13,5 Prozent stimmten mit Ja. 83,3 Prozent fühlten sich von den Autobahnplänen betroffen. 77 Prozent befürchteten, dass der Bau in die Stadtstruktur eingreift.

Gebäude stehen im Weg

Eine Befürchtung, die ihre Berechtigung hat. Zwar weist die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung darauf hin, dass alle Einzelheiten noch nicht feststehen – es gebe auch noch kein Genehmigungsverfahren oder eine Finanzierung. „Für detaillierte Aussagen ist es zu früh. Die Aktualisierung älterer Unterlagen und darauf aufbauend weitere konkretisierende Planungsschritte stehen noch aus“, erklärte Sprecher Martin Pallgen.

Doch die Trassenführung ist sicher – und bestätigt die Befürchtungen der Anwohner. Sie hat sich in zwei Jahrzehnten nicht verändert. Das zeigt ein vor anderthalb Jahren gefertigter Plan des Senats, der Sebastian Schlüsselburg von der Linken in Lichtenberg vorliegt.

Der 17. Bauabschnitt schließt an den 16. an, der 2022 fertig werden soll. Kurz darauf gibt es das erste Hindernis. „Im Bereich der Spreequerung ist der Platz nicht ausreichend, deshalb muss die östliche Hälfte der Elsenbrücke abgebrochen werden“, so der Senat. Danach steht die ehemalige Osthafendirektion im Weg, auch sie müsste abgerissen werden.

Zwischen Alt-Stralau und der Hauptstraße wechselt die A 100 in den Untergrund. In einem Doppelstocktunnel mit je drei Spuren (25 Meter breit) führt sie unterm Ostkreuz, der Neuen Bahnhof- und der Gürtelstraße nach Norden – durch ein Wohngebiet, das unter hohem Grundwasserstand leidet. Im Bereich des Wiesenwegs geht es unter der Ringbahn hindurch, bevor die A 100 östlich davon wieder ans Tageslicht kommt.

Dort sind weitere Problemstellen. So sollen rund um die Wartenbergstraße Grundstücke planiert werden, um als Baustellenfläche zu dienen. „Bei uns wollen sie alles abreißen, obwohl laut Planung die Autobahn fast 100 Meter von meinem Haus weg sein wird“, so Dirk-Toralf Bräuer aus dem Kietzer Weg.

Nördlich davon ließe der jetzige schmale Park zwischen den elfgeschossigen Wohnhäusern der Wilhelm-Guddorf-Straße und der Ringbahn kaum Platz für eine sechsspurige Autobahn. Moritz: „Mir ist schleierhaft, wie die A 100 da hindurchgeführt werden soll.“

Was geschieht mit dem Center?

Wenig Raum gibt es auch an der Frankfurter Allee. Weil dort kein großer Verkehrsknoten möglich wäre, führt die Trasse weiter zur Storkower Straße in Lichtenberg. „Um eine Überlastung der Anschlussstelle zu vermeiden und eine verträgliche Verteilung des Verkehrs zu sichern“, so Pallgen.

Doch diese Stadtstraße beschert den Planern einen weiteren Problembereich: das Einkaufszentrum an der Frankfurter Allee. „Uns ist das Thema der möglichen Beeinträchtigung des Ring-Centers durchaus bekannt“, bestätigte Christian Stamerjohanns von der ECE Projektmanagement. „Wir beobachten die Entwicklung und werden zu gegebener Zeit die möglichen Auswirkungen prüfen.“

Der 17. Bauabschnitt soll 4,1 Kilometer lang werden. Kostenschätzung: 531,2 Millionen Euro. Aber dabei werde es nicht bleiben, sagte der Friedrichshainer SPD-Abgeordnete Sven Heinemann. „Ich gehe von einer Milliarde Euro aus.“ Schon der 16. Bauabschnitt, der nur etwas kürzer ist und keinen Doppelstocktunnel hat, soll 473 Millionen Euro kosten. „Ich halte es nach wie vor für falsch, die Autobahn von Neukölln Richtung Innenstadt zu führen. Das ist den Anwohnern nicht zuzumuten.“