Alexei Navalny.
Foto:  Kay Nietfeld/dpa

BerlinDer Kremlkritiker Alexej Nawalny ist offenbar tatsächlich vergiftet worden. Das bestätigte am Montagnachmittag die Charité Universitätsmedizin, wo der Russe seit Sonnabend behandelt und untersucht wird. Die klinischen Befunde wiesen auf eine Intoxikation durch eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer hin. Die konkrete Substanz sei bislang nicht bekannt. Die Wirkung des Giftstoffes, also die Cholinesterase-Hemmung im Organismus, sei mehrfach und in unabhängigen Laboren nachgewiesen, hieß es. Entsprechend der Diagnose werde der Patient mit dem Gegenmittel Atropin behandelt. „Der Ausgang der Erkrankung bleibt unsicher und Spätfolgen, insbesondere im Bereich des Nervensystems, können zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden“, heißt es in der Mitteilung.

Noch vor Bekanntwerden der Diagnose gab es zahlreiche Äußerungen zu dem Fall, auch von seiten der Bundesregierung. Bei dem Kreml-Kritiker Nawalny handele sich um einen Patienten, „auf den mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ein Giftanschlag verübt worden ist“, sagte etwa Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Und der Europapolitiker und EVP-Fraktionschef Manfred Weber (CSU) hält es für naheliegend, dass der russische Staat etwas mit der plötzlichen Erkrankung des im Koma liegenden Kreml-Kritikers zu tun habe.

Wie er am Sonntagabend in einem Politik-Talk bei Bild live sagte, glaubt er, dass Russlands Präsident Wladimir Putin in der derzeitigen Situation zu vielem fähig sei. Dazu gehöre auch das Töten von Menschen. Zu den Hintergründen sagte der CSU-Politiker, Putin stehe derzeit stark unter Druck. Weber verwies auf die in wenigen Wochen in Russland anstehenden Regionalwahlen. Die Zustimmungswerte für den Präsidenten und seine Partei seien schlecht. Hinzu komme, dass Russlands Wirtschaft seit 2014 stagniere.

Vergiftet und verwirrt

Der Fall Skripal: Nawalnys Schicksal weckt Erinnerungen an den Ex-Spion Sergej Skripal. Russische Agenten hatten im Jahr 2018 versucht, ihn im britischen Salisbury mit dem Nervengift Nowitschok auszuschalten. Er und seine Tochter überlebten den Angriff.

Der Fall Litwinenko: Der ehemalige Agent und Kremlkritiker Alexander Litwinenko hingegen kam nicht mit dem Leben davon. Er war im Herbst 2006 mit der Substanz Polonium vergiftet worden und starb in einem Londoner Krankenhaus.

Der Fall Wersilow: Ebenfalls an der Charité wurde im Herbst 2018 der russische Polit-Aktivist Pjotr Wersilow behandelt. Er hatte unter Verwirrtheitssymptomen und einer Störung der Pupillenreaktion gelitten. Die Ärzte sahen eine Vergiftung als wahrscheinlichste Ursache für die Erkrankung.

Alexej Nawalny, bekannter Anti-Korruptionsaktivist und scharfer Kritiker von Russlands Präsident Wladimir Putin, war am Donnerstag in ein Krankenhaus im sibirischen Omsk eingeliefert worden, nachdem er während eines Fluges nach Moskau heftige Krämpfe bekommen und das Bewusstsein verloren hatte. Nawalnys Umfeld geht davon aus, dass er durch einen Tee vergiftet wurde, den er kurz vor dem Abflug trank. Der 44-Jährige wird seit Sonnabendmorgen in der Berliner Charité am Campus Mitte behandelt.

Dort steht er unter dem Schutz des Bundeskriminalamts (BKA). Es ist laut Paragraph 6 des Bundeskriminalgesetzes unter anderem zuständig für den Personenschutz von Mitgliedern der Bundesregierung, aber auch von ausländischen Gästen, beispielsweise bei Staatsbesuchen. Weitere Auskünfte gab es jedoch weder dort noch vom Innenministerium. „Zu Umständen und operativen Einzelheiten von Schutzmaßnahmen des Bundeskriminalamtes gibt das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat grundsätzlich keine Auskunft, um deren Erfolg nicht zu gefährden“, erklärte Behördensprecher Björn Grünewälder auf Anfrage der Berliner Zeitung.

Nawalny war zunächst in einer Klinik in Omsk in Sibirien versorgt worden. Die russischen Ärzte sprachen lediglich von Stoffwechselproblemen. Erst nach langem Zögern wurde der Regierungskritiker am Wochenende zur Behandlung nach Deutschland gebracht. Die Familie warf den russischen Behörden und Ärzten vor, mit dieser Verzögerungstaktik eine Vergiftung vertuschen zu wollen. Unterdessen verteidigten die Ärzte in Omsk ihr Vorgehen: „Wir haben den Patienten versorgt, und wir haben ihn gerettet. Es gab keinen Einfluss von außen auf die Behandlung des Patienten“, sagte der Chefarzt der Klinik in Omsk, Alexander Murachowski, am Montag.

Dem widersprach Nawalnys Vertraute Ljubow Sobol. Die Ärzte in Omsk hätten aus ihrer Sicht „nichts zu sagen“, sagte sie dem Nachrichtenmagazin Spiegel. „Im Büro des Chefarztes saßen Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden.“ Sie hätten mit unterschiedlichen Methoden „lange auf Zeit gespielt, bis das Gift wohl nicht mehr in Nawalnys Körper nachweisbar war. Dann erst konnte er ausgeflogen werden nach Berlin“. Chefarzt Murachowski hingegen betonte, dass die Männer in seinem Büro keinen Druck ausgeübt hätten.

In den russischen Staatsmedien wurden unterschiedliche Versionen verbreitet, warum Nawalny seit Tagen im Koma liege: Alkoholkonsum, eine Diät, Unterzuckerung. Das sei eine vom Kreml koordinierte typische Desinformation, sagte die Juristin Sobol. Nawalny habe bis zu dem Vorfall nie gesundheitliche Probleme gehabt und sei sehr fit gewesen. „Er war nie richtig krank, höchstens mal erkältet. Wir haben mal gescherzt, dass er wie ein Roboter sei“, sagte sie.

Mittlerweile wurde bekannt, dass Nawalny bei seiner Reise von Sicherheitskräften umfassend beschattet worden sein soll. Dabei soll dokumentiert worden sein, mit wem Nawalny sich getroffen, was er gegessen und wo er geschlafen habe. Sogar eine Sushi-Bestellung seiner Mitarbeiter wurde dabei angeführt. Der Oppositionelle Ilja Jaschin kündigte an, eine offizielle Anfrage an den Inlandsgeheimdienst FSB stellen zu wollen. Es sei ungeheuerlich, dass Geheimdienstmitarbeiter einen Oppositionspolitiker bespitzelten, schrieb Jaschin auf Facebook. (mit dpa, AFP)