Die beiden Lehmanns sind aus Spandau extra nach Dahlem gekommen. Sie wollen den Transport weiterer Großobjekte ins Humboldt-Forum miterleben. Vor einigen Wochen waren es die Boote, vor allem das einstige Kriegsschiff von der Insel Luf, die für Sensation sorgten. Nun sind es die Fassaden zweier Häuser aus Papua-Neuguinea, die umgezogen werden.

Teile eines Kulthauses der Abelam und eines Zeremonial-Vorratshauses für die hoch verehrte „Lange Geister-Yams“. Die Wandmalereien auf den Brettern gehören „zu den ausdrucksstärksten und farbintensivsten Malereien von ganz Ozeanien“, steht im Tropenregenfest mit Plastik eingebundenen Museumsführer von 1976.

Mit dem Umzug der beiden Häuser geht der Abbau des Museumsstandortes Dahlem weiter, der einst Weltruhm genoss. Der bisher letzte Akt war Ende Mai der Umzug der Kriegsschiffe ins Humboldt-Forum. In einen Raum, der erst fertig ummauert wurde, nachdem die Exponate ihren Platz gefunden hatten. Jetzt sind die Gebäude aus Papua-Neuguinea dran.

Lehmann lässt die Kamera klicken

Die letzten Prüföffnungen sind von Restauratoren mit Klebeband verschlossen, mit vorsichtiger Verve werden die Riesenkisten aus der großen, eigens in die Wand gesägten Portalöffnung geschoben. Herr Lehmann lässt die Kamera klicken, Journalisten sowie Public-Relations-Leute zücken Handy und Kleinkamera, Frau Lehmann amüsiert sich über den Trubel. Aber so etwas wird man aller Voraussicht nach nicht noch einmal erleben: 1248 Kilo wiegt eine Kiste. Gut 4,50 Meter hoch ist sie. Das sind eineinhalb Wohnhausgeschosse. Riesig wirken die Kisten.

Langsam hebt der Kran die Kisten an. Gehalten von nur zwei Tauen, werden sie umgeschwenkt zum Tieflader, langsam abgelassen, festgezurrt. Lehmanns erzählen währenddessen. Nein, zu West-Berliner Zeiten waren sie nicht im Dahlemer Völkerkundemuseum, Abschiedsschmerz gebe es da nicht: „Wir mussten ja arbeiten, da hatte man anderes zu tun“, wird frisch gelacht. Mal sehen, wie das im Humboldt-Forum so werde, da gebe es ja viele Probleme, hätten sie in der Berliner Zeitung gelesen.

Sie erinnern sich aber noch, als Kinder in Dahlem gewesen zu sein, damals, in den 50er Jahren, als hier die ersten Ausstellungen der Nachkriegszeit entstanden, auch schon mit Booten und Häusern und Masken: „Da standen die ganzen Neubauten hier noch nicht“.

Fehlplanungen im Museumsneubau

Die „Neubauten“ sind jetzt auch schon fast 50 Jahre alt. Damals, 1972, waren sie selbstverständlich für die Ewigkeit gedacht. Die Inszenierung der Südsee-Abteilung durch den Chefkurator Gerd Koch und den Architekten Fritz Bornemann wurde weltberühmt. Wie nirgends sonst konnte man neben aller Exotik auch das Ineinandergreifen von Technologien erleben, die etwa für die Herstellung von Stoffen, Matten, Segeln, Schiffen und Booten oder ganzen Häusern aus Holz, Bambus oder Kokosfasern verwandt wurden.

Im Humboldt-Forum wird dieser Gesamtblick nicht mehr möglich sein: Es fehlt der Platz, deswegen können nicht einmal alle der als wichtig betrachteten Boote mit umziehen. Der fehlende Platz ist auch noch auf zwei Hallen und zwei Geschosse verteilt. Eine der schlimmsten Fehlplanungen in diesem Museumsneubau. Und dann sollen auch noch die Tore zu den neuen Sälen fest vermauert werden, so dass jede Flexibilität für Ausstellungsveränderungen fehlen wird. Dabei weiß man doch aus Dahlem, dass nichts im Museum auf ewig gemacht ist.

In Basel steht das Vorbild

Lehmanns winken, als der Tieflader langsam um die Ecke Richtung Dahlem Dorf biegt. Es geht die Clayallee hoch zum Potsdamer Platz. Dort rollt Welterbe. Das Kulthaus soll übrigens im Humboldt-Forum so aufgebaut werden, dass man auch in die nachgebauten Kultkammern sehen kann – in Basel steht das Vorbild für diese Inszenierung.
Nach zwei Stunden Fahrt kommt der Tross vorm Humboldt-Forum an. Es ist tiefe Nacht. Die Kisten werden in den Eosander-Hof gehoben.

Und wirken plötzlich in seiner kargen Monumentalarchitektur wie Streichholzschachteln. 4,5 Meter sind hier nix. Der Kontrast könnte die Selbstüberhöhung Europas symbolisieren – aber sollte das Humboldt-Forum nicht gerade mit ihr brechen? Weitere drei Stunden später ist die erste Kiste angehoben und in den Riesensaal geschoben. Ganz vorsichtig.