Im Kampf gegen Sexismus lässt sich eine Demonstrantin bemalen.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Berlin„Frauen, die kämpfen, sind Frauen, die leben“, rufen Hunderte im jungen, feministischen Block, als sie durch die Müllerstraße im Wedding ziehen. „Lasst uns das System aus den Angeln heben.“ Andere Plakate fordern: „Patriarchat abtreiben“ oder „Macht Feminismus zur Bedrohung“.

Sie sind wütend und ungeduldig am Weltfrauentag 2020, der in der linken Szene nur „Frauenkampftag“ heißt. 20.000 Demonstranten haben die Veranstalter vorab bei der Polizei angemeldet, bis 16.30 Uhr schätzt die Polizei die Menge auf 8000 Menschen.

Es ändert sich nichts

Sie sind ungeduldig, weil sich so wenig getan hat – obwohl sie in letzter Zeit so laut sind, so präsent sind wie selten zuvor. #Metoo hat viele Frauen in der jungen Generation schon vor Jahren wachgerüttelt, der Protest gegen das gesetzlich im Paragrafen 219a verankerte Informationsverbot bei Abtreibungen aktiviert Frauen jeden Alters.

Geändert hat sich allerdings nichts: Nach wie vor werden Frauenärzte, die über Abtreibungen informieren, von Konservativen vor Gerichte gezerrt. Noch immer stirbt in Deutschland an jedem dritten Tag eine Frau durch die Hand ihres Partners oder ihres Ex. Noch immer verdienen Frauen weniger. Noch immer halten laut einer aktuellen UN-Studie neun von zehn Menschen – egal welchen Geschlechts – Männer in Politik und Wirtschaft für die besseren Spitzenleute. 

Nicht das einzige Plakat auf der Berliner Demonstration zum Weltfrauentag.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Auch durch Rechtsextremismus steigt die Gefahr

Stattdessen stehen viele, die hier für Gleichberechtigung demonstrieren, unter zunehmendem Druck: Der Rechtsextremismus ist auf dem Vormarsch in Deutschland. Und er hasst Ausländer, Juden, alles Fremde. Aber, das wird allzu gern vergessen: Er hasst auch die Frauen, die sich nicht in die konservative Rolle des Heimchens am Herd beugen wollen. Vor allem hasst er die Frauen, die laut werden.

Tobias R., der in Hanau mutmaßlich zehn Menschen mit Migrationshintergrund erschoss, räumt in seinem Manifest Frauen ein eigenes Kapitel ein und offenbart ein gestörtes Verhältnis zum weiblichen Geschlecht. Auch der Mann, der in Halle Juden in einer Synagoge töten wollte, widmete sich in einem Video erst einmal dem Feminismus und bezeichnete ihn als Grund für „die sinkende Geburtenrate in Europa“. Studien zu Hatespeech im Netz zeigen: Frauen und Feministinnen stehen besonders unter Beschuss von rechten Trollen.

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Die Veranstalter der Berliner Demonstration reagieren auf den Druck von rechts. Gleich zu Anfang erfolgt die Durchsage vom ersten Wagen, gefolgt von Applaus: Nationalflaggen seien hier nicht erlaubt. Die Speerspitze des Demozugs bilden außerdem die Migrantinnen-Organisationen. Die Frauen tragen Schilder, auf denen auf Arabisch „Ausnahmslos gleichberechtigt“ oder „Migrantinnenrechte sind Menschenrechte“ steht.

Besonders schwierige Situation für Migrantinnen

Mehtap Calli ist Vorsitzende des Migrantinnenvereins Berlin und kennt die riesigen Hürden, die bis zu wahrer Gleichberechtigung zu überwinden sind: Besonders oft arbeiteten Frauen mit Migrationshintergrund in unqualifizierten und prekär bezahlten Jobs, ein Leben in Altersarmut sei vielen sicher.

Schon die Erlaubnis, überhaupt in Deutschland bleiben zu dürfen, sei viel zu oft vom Mann abhängig. Und, so Calli: „Der Rassismus greift um sich“, sagt sie. „Die Rechten, auch die AfD, wollen uns in alte Schubladen stecken, in die wir nicht passen. Viele der Frauen, die wir vertreten, haben Angst.“

Für mehr Gleichberechtigung ist auch diese Demonstrantin.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Blumen statt Handlungen

Aber es gibt auch die anderen. Männer, die auf ihren Schildern und Plakaten Solidarität verkünden, wie: „Wir sollten alle Feministen sein.“ Sie sind auf der Demo am Sonntag in großer Zahl vertreten. Der 17-jährige David Ghersina hält ein solches Plakat vor der Brust. Er läuft im Block von den jugendlichen Klimaschützern von „Fridays for Future“ mit. „Verbrennt das Patriarchat, nicht den Planeten“, fordern die Fridays auf einem großen Banner, das sich über die ganze Straße spannt. Bei den Jugend-Klimaschützern sind die Frauen in der Überzahl.

Doch auch am Weltfrauentag werden Frauen oft lieber mit Blumen beschenkt, als politisch ernst genommen. Für Calli vom Migrantinnenverein Berlin ist deswegen die Demonstration so wichtig: „Wir müssen unsere Forderungen herausschreien, damit wir gehört werden“, sagt sie. „Aber gemeinsam sind wir stark.“

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