Weltklima-Bericht: In der Klimapolitik ist die Zeit stehengeblieben

In der Klimapolitik scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Immerzu zeigt die Uhr fünf vor zwölf an. Es droht die Katastrophe – noch aber lässt sie sich abwenden. Zu diesem Fazit gelangen Wissenschaftler seit fast 30 Jahren. Eine Mischung aus Alarmismus und Beschwichtigung bestimmt die umweltpolitische Debatte. In diesem widersprüchlichen Ton ist auch der neue Sonderbericht des Weltklimarats verfasst.

Die von den Vereinten Nationen beauftragten Wissenschaftler warnen eindringlich vor den Folgen der Erderwärmung. Sie illustrieren, welche Schäden bereits bei einem durchschnittlichen Plus von 1,5 Grad Celsius drohen – und um wie viel schlimmer es bei 2 Grad würde. Sie machen klar, dass der Schwund des Arktischen Meereises und pazifischer Korallenriffe gewiss nicht nur ein naturästhetisches Problem darstellt, zumal er mit millionenfachem Hunger anderswo auf der Welt einherginge. Zugleich aber wecken die Forscher Hoffnung darauf, dass es nicht ganz so schlimm kommen muss. Dass die Menschheit noch gegensteuern kann, wenn sie denn zu radikalen Maßnahmen bereit ist.

Mut-mach-Duktus

Der Bericht motiviert. Das ist seine Stärke, er soll ja keine „Jetzt ist eh alles egal“-Endzeitstimmung verbreiten. Aus pädagogischen Gründen ist das sinnvoll – zugleich aber birgt dieser Mut-mach-Duktus eine große Schwäche. Mit ihrem Optimismus schmälern die Forscher den Handlungsdruck auf die Politik. Das ist umso fataler, als die Zuversicht der Forscher von den Fakten kaum gedeckt ist.

Anders als das fortwährende „Fünf vor zwölf“-Gerede suggeriert, steht die Zeit ja nicht still. Der Klimawandel schreitet voran, vielleicht sogar in zunehmendem Tempo. Entgegen gegenteiliger Absichtserklärungen hat die Menschheit seit Beginn der 90er-Jahre, als die Welt erstmals zu einem UN-Umweltgipfel zusammenkam, fast kontinuierlich immer mehr Treibhausgase produziert. Der Energieverbrauch sinkt nicht, er wächst. Was wiederum die Erde anheizt. Der Weltklimarat beschreibt die Folgen einer Erwärmung um ein Grad Celsius im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter: zunehmende Wetterextreme, schmelzende Polkappen, steigende Meeresspiegel. Die Forscher warnen ihre Auftraggeber, die Politiker: Wenn die Welt weiter wie bisher Kohle, Gas und Öl verfeuert, steuert sie auf einen Temperaturanstieg um drei bis vier Grad zu. Der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber vergleicht daher den Klimawandel mit einem „Asteroideneinschlag in Zeitlupe“.

Die Klimaleugner dieser Welt

Die Erderwärmung ist ein globales Problem, der Kampf dagegen muss auch ein globaler sein. Ihn zu führen, ist in Zeiten eines erstarkenden Nationalegoismus im Stil von Donald Trump nicht leicht. Doch die Klimaleugner dieser Welt dürfen seriösen Politikern nicht als Vorwand für eigene Tatenlosigkeit dienen. Alle Regierungen sind jetzt gefragt, vor allem jene von Industrienationen. Kanzlerin Angela Merkel hat ihr Scheitern bei der Einhaltung der deutschen Umweltziele für 2020 eingestanden – und das Einhalten noch ambitionierterer Ziele für 2030 versprochen. So untergräbt Politik ihre eigene Glaubwürdigkeit und vergeht sich an künftigen Generationen.

Lange hieß es, die langfristigen Folgen des Klimawandels würden sich dem kurzfristigen Denken in Legislaturperioden entziehen. Das gilt angesichts zunehmender Wetterextreme nicht mehr. Jede Regierung ist gefragt – jetzt.